Der Halberstädter Ortsteil Sargstedt dürfte morgen Kopf stehen. Schließlich steht ein großer Tag bevor: Die Mitglieder des Trabiclubs "Gamasche" gehen wieder auf große Tour: Nach erfolgreichen Zweitakt-Spritztouren nach Paris, Monaco, Pisa und Athen sind diesmal Andorra und Barcelona im Navi einprogrammiert. Pünktlich um 10 Uhr soll eine Mischung aus Zweitakt-Abgasen und Abenteuerlust durch Sargstedt wehen. Zuvor nehmen die Gamasche-Mitglieder heute die letzte Hürde: die TÜV-Prüfung.

Sargstedt. Die berühmt-berüchtigte "TÜV-Kontrolle": Kurz nach der Wende war der Termin für die erste Haupt- untersuchung für viele Zweitakt-Piloten eher noch ein Anlass, dem man mit gemischten Gefühlen entgegensah. Schließlich hatten die eigentlich recht robusten Fahrzeuge aus den Zwickauer Sachsenring-Werken im Detail einige Schwachpunkte, die den gestrengen Prüfern natürlich bestens bekannt waren: Ausgeklapperte Lagerbuchsen und folglich zu viel Spiel im Lenksystem, spröde Bremsschläuche und natürlich das berühmte Geweih. Jener Hilfsrahmen unter der Karosse, an dem der schwere Motorblock hing, war einer der wunden Punkte, der bis ganz zum Schluss der Trabifertigung seine Kinderkrankheiten nicht richtig auskuriert hatte. Der Riss in der Schweißnaht war nach einigen tausend Kilometern fast normal und machte das Rendezvous mit dem TÜV-Prüfer zum unerfreulichen Aha-Erlebnis mit Wiederholungsgarantie.

Ein Erlebnis, das den Sarg-stedter Trabifreunden heute garantiert erspart bleibt. Schließlich laufen ihre "edlen" Karossen nur zu besonderen Anlässen und werden alsdann gehegt und gepflegt wie der eigene Augapfel. Äußerlich wie aus dem berühmten Ei gepellt, dürften auch sonst alle Schwachstellen absolut fehlerfrei und 1 a in Ordnung sein.

Und das muss so sein, wenn sie heute beim TÜV-Prüfer auf der Bühne stehen. Schließlich liegen ab morgen rund 4000 Kilometer vor jedem der Zweitakter. Und dabei geht es durch Länder, in denen die Auto- mechaniker das Gefährt mit dem Label "Made in GDR" nicht wirklich kennengelernt haben.

"Diesmal geht es über Andorra ins spanische Barcelona", verrät der Sargstedter Wolfgang Nischik, der einen besonders alten 600-er Trabi sein Eigen nennt. Aller Voraussicht nach mit sieben oder acht Fahrzeugen soll es auf die elftägige Tour über 4000 Kilometer gehen. Die offizielle Verabschiedung der acht Männer und einer Frau ist morgen um 10 Uhr am Gerätehaus der Feuerwehr in Sargstedt geplant. Die Mädchen und Jungen aus der Tagesstätte haben sich angesagt, auch Bürgermeister Michael Kinkal will den Piloten einen "guten Flug" wünschen. Und auch zahlreiche Interessierte aus der Region dürften am Start wieder winken.

"Wir haben einen kompletten Motor als Ersatz dabei"

"Alle zwei Jahre planen wir solch eine große Tour", erläutert Nischik. Dazwischen treffen sich die Fans in der Trabi-Scheune am Ortsausgang von Sarg- stedt Richtung Aspenstedt. Der Name ist längst Programm - das Innere der Scheune ist zum kleinen Museum ausgebaut worden und lädt zum Besuch ein.

Und was steht am Zielort Barcelona und auf dem Weg dorthin auf dem Programm? Natürlich die bislang unvollendete Kathedrale, zwei Fans im Trabi-Team wollen außerdem ins berühmte Fußballstadion, und der Hafen soll ja auch sehr interessant sein.

Die mit Abstand berühmteste Kirche Barcelonas ist die Sagrada Família. Sie ist das Wahrzeichen der Stadt. Mit der Sagrada Família verbindet man natürlich den Namen des großen katalanischen Baumeisters Gaudí.

Ihr Ziel in Spanien wollen die Zweitakt-Piloten in vier bis fünf Tagen erreichen, rund 500 Kilometer sollen pro Tag unter die Pneus kommen. Und - wie sieht es da aus mit dem Überlebens-, pardon: mit dem Ersatzteilpaket? "Wir haben einen kompletten Motor als Ersatz mit dabei", berichtet Nischik schmunzelnd. Zudem habe natürlich jeder Pilot sein persönliches Trabi-Rettungsbesteck dabei. Der Keilriemen - ein vergleichsweise typisches Verschleißteil - dürfte dabei griffbereit sein. Der berühmte Zweitakt-Sprit im Mischungsverhältnis 1 zu 50 oder 1 zu 33 werde unterwegs selbst gemixt, lacht Nischik: "Wir haben 50 Liter Öl dabei."

Am 14. Mai wollen die Zweitakt-Piloten wieder im heimatlichen Sargstedt "landen". Mit gewiss ganz vielen Abenteuern im Gepäck. Vielleicht auch von Polizisten aus Deutschland, Frankreich und Spanien. Die gestrengen Ordnungshüter hatten die Trabis in den 1990-er Jahren bei Fahrzeugkontrollen stets auf dem Kieker, so dass die Piloten damals immer "Mode" waren. Das dürfte Vergangenheit sein - heute werden Trabis höchstens wegen persönlicher Neugier oder ihres Kultstatus rausgewinkt. . .

Bilder