Eigentlich sollte der 6. April ein Freudentag für die Anwohner des Halberstädter Lindenwegs werden. Aber als ihre Straße nach den umfangreichen Sanierungsarbeiten wieder freigegeben wurde, trauten vielen nicht ihren Augen.

Halberstadt. Die Aufregung war groß. Stadtplaner und Anwohner gerieten in heftige Diskussion über das insgesamt 660 000 Euro teure Bauprojekt (Volksstimme berichtete). Grund für die Verärgerung: Der Lindenweg ist von den Planern in eine sogenannte Mischverkehrsfläche umgewandelt worden. Das bedeutet, dass sich auf der etwa sechs Meter breiten Straßen alle Verkehrsteilnehmer - also Autofahrer, Radfahrer und auch Fußgänger - die Fahrbahn teilen müssen. Einen Gehweg gibt es im Lindenweg nicht mehr. Auch die bisher vorhandenen Parkplätze wurden stark dezimiert, und es entstanden zahlreiche Feuerwehraufstellflächen vor den Wohnhäusern. Was die Anwohner damals besonders verärgerte, war die Tatsache, dass sie im Vorfeld der Umbauten zu keinem Zeitpunkt in die Pläne eingeweiht worden sind.

Bauamtsleiter Jens Klaus hatte den Anwohnern versprochen, ihnen im Rahmen einer Anwohnerversammlung genug Gelegenheit zu bieten, ihrem Unmut Luft zu machen und in Aussicht gestellt, gemeinsam eine Lösung zu finden. Dieses Versprechen löste er gemeinsam mit Stadtplanern und Bauverantwortlichen in der vergangenen Woche ein. Die Bewohner des Lindenweges wurden in den Gewölbekeller des Kreuzganges der Liebfrauenkirche eingeladen. Gut 20 der Betroffenen kamen zu dem Termin und warfen Fragen auf: Warum ist der Lindenweg keine Einbahnstraße mehr? Warum wurde die Straße nicht als verkehrsberuhigt ausgewiesen? Warum gibt es so viele Feuerwehraufstellflächen? Warum gibt es keinen Bürgersteig mehr? Und warum wurden die Anwohner nicht im Vorfeld angehört?

Fragen über Fragen

Die Diskussion war emotional, die Fragen vorwurfsvoll. Jens Klaus ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen, er suchte und fand einen sachlichen Dialog. Tiefbauamtsleiter Manfred Wegener erläuterte: Eine Einbahnstraße würde wegen des fehlenden Gegenverkehrs schnelleres Fahren fördern, zudem würde es durch das "Schleifen fahren" für mehr Verkehr sorgen.

Als verkehrsberuhigte Straße würde der Lindenweg wegen des erheblichen Mehraufwandes an Beschilderung nicht ausgezeichnet. "Wir müssten für jeden Parkplatz ein eigenes Schild aufstellen", unterstrich auch Jens Klaus. Zumal unter jedem Schild ein Zusatzhinweis "Anwohnerparkplatz" angebracht werden müsste. "Wenn man aber die Parkzonen auflöst, entsteht ein großer Parksuchverkehr. Wir wollten aber die auswärtigen Parker aus dem Lindenweg verdrängen", so Wegener.

Was die auffallend vielen Feuerwehraufstellflächen betreffe, so sei man an die Vorgaben der Feuerwehr gebunden, die im Vorfeld der Sanierung mehrere "Anleiterversuche" unternommen hätte. Zu Fragen der Mitbestimmung sagte Wegener nur: "Für eine Anwohnerversammlung im Vorfeld gibt es keine gesetzliche Grundlage. Außerdem wurden die Pläne in öffentlichen Sitzungen des Stadtentwicklungsausschusses vorgestellt."

Die Wogen glätteten sich, als Polizeitechniker Uwe Raugust in die Diskussion einstieg. Er zeigte als ehemaliger Anlieger des Lindenweges Verständnis für die Einwände, warb aber dafür, sich zunächst an die neue Situation zu gewöhnen.

Abschließend fragte Jens Klaus die Anwohner, ob sie denn damit leben könnten, wenn der Lindenweg zur verkehrsberuhigten Zone erklärt werden würde, eine Einbahnstraßenregelung schloss er jedoch aus und betonte noch einmal, dass es eine bauliche Veränderung des Lindenweges definitiv nicht geben würde.

Auf Empfehlung von Raugust wurde sich zum Abschluss der Anwohnerversammlung darauf geeinigt, während eines gewissen Betrachtungszeitraumes abzuwarten, wie sich die Situation im Lindenweg entwickle. In einer weiteren Anwohnerversammlung im Herbst könne dann entschieden werden, wie man weiterverfahre.

Bilder