50 Jahre Jugendblasorchester Halberstadt, das ist nicht nur fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, das sind auch Familiengeschichte und -geschichten. Denn in dieser Zeit hat so mancher sein Instrument an die nächste Generation weiter gereicht. So wie Otto Lucke, dessen Tochter und deren Familie heute zur Orchesterfamilie gehören.

Halberstadt. Als Otto Lucke in die Marx-Engels-Schule eingeschult wurde, existierte dort bereits das vom Musiklehrer Hans Hasselmann gegründete Pionierblasorchester. Für den Schüler der Musikklasse war es selbstverständlich, dass er einige Jahre dazu gehörte. Mit Schuljahresbeginn 1967 reihte er sich ein, spielte fortan Trompete, Posaune und Schlagzeug. Ab 1969 gehörte der Halberstädter Klangkörper zum Zentralen Musikkorps der FDJ und der Pionierorganisation Ernst Thälmann der DDR (ZMK).

Damit begannen auch die Auftritte mit vielen anderen Musikern aus der ganzen Republik bei großen Veranstaltungen. Otto Lucke machte gern Musik. Deshalb formierte er 1971 mit anderen Orchestermusikern eine zwar namenlose Tanzkapelle, welche aber im Volksmund "Die 7 Ernsten" genannt wurde und auf Schützen- und Volksfesten, Hochzeiten und zu anderen Anlässen aufspielte. Nach Abschluss der 10. Klasse verließ er das Orchester, was damals allgemein üblich war.

Doch damit war der Name Lucke nicht für alle Zeit aus der Orchesterliste verschwunden. Denn 1984 stieß Tochter Cindy zu den Musikern. "Weil mein Vater davon oft mit Begeisterung erzählt hatte, wollte ich unbedingt ins Orchester", erinnert sich die heute 33-Jährige. "Allerdings wurde ich in die Allende-Schule eingeschult und sollte dort Geige spielen lernen. Ich konnte damit überhaupt nicht umgehen und hatte auch keine Lust aufs Geigenspiel."

Da auch der Vater nicht begeistert war von der Entscheidung der Schule, ließ er Cindy das Instrument zurückgeben und nahm sie mit zur Marx-Engels-Schule zu Siegfried Meier. "Der hat mich angeschaut und mir im Instrumentenkeller eine Klarinette und die restliche Ausstattung gegeben und dann für meinen Einzelunterricht gesorgt", sagt Cindy Ehrhardt. Nun hieß es Noten lernen und fleißig üben. "Mir hat es von Anfang an Spaß gemacht. Noch heute muss ich sagen, das Instrument war eine gute Wahl", so die Klarinettistin.

Sie erinnert sich auch an ihren ersten Auftritt im Felsenkeller: "Ich hatte endlich meine Musikeruniform bekommen und war mächtig stolz darauf. Leider waren meine Eltern gerade an dem Tag zu einer Dampferfahrt eingeladen worden. Damit ich auftreten konnte, blieb mein Vater in Halberstadt und freute sich mit mir über diese Premiere."

1981, drei Jahre vor Cindy Lucke, hatte Ulf Ehrhardt seine Musikerlaufbahn begonnen. Er kam aus der Käthe-Kollwitz-Schule, hatte aber einen Freund in der "Marxer", der über ihm wohnte und regelmäßig Posaune übte. "Das wollte ich auch. So sind wir zu Siegfried Meier und ich bekam meine Posaune. So einfach war das." Die Neuen spielten erst einmal im Orchester B und mussten später eine richtige Prüfung ablegen, um im A-Orchester mitspielen zu dürfen. Orchesterleiter und Lehrer entschieden nach Leistung, wer zur Prüfung zugelassen wurde. "Da hat man dann erst richtig spielen gelernt, wurde von den anderen mitgezogen. Das hat viel Spaß gemacht." Sein erster großer Auftritt war bei einem Freundschaftstreffen der FDJ in Magdeburg.

"Wir waren die erste Generation, die nach dem Schulabschluss blieb"

Dann folgten die vielen Veranstaltungen mit dem ZMK bei Turn- und Sportfesten, Pionier- und Pfingsttreffen, Parteitagen und Nationalen Jugendfestivals, auch zusammen mit den Bezirksmusikkorps der 15 Bezirke der DDR. "Wir besuchten die Übungslager Pionierrepublik Werbellinsee und genossen die großen Auftritte. Da marschierten immerhin über 3000 Musikerinnen und Musiker auf. Das war etwas fürs Auge und fürs Ohr. Diese Klangfülle, dieser Gleichklang", schwärmt Ulf Ehrhardt.

Im Orchester saßen Cindy und Ulf weit auseinander, sie in der ersten, er in der letzten Reihe. Trotzdem kamen sie sich im Laufe der Jahre näher und bald hieß es "Klarinette heiratet Posaune". Am 1. August 1997 wurde Orchesterhochzeit auf dem Domplatz gefeiert, die Brautleute griffen nach der Trauung zu ihren Instrumenten und spielten mit. Doch das sollte einer ihrer letzten gemeinsamen Auftritte sein, denn die Eheleute zogen sich beide ins Privatleben zurück.

Bis Thilo Eulenburg sie 2005 beim Hoffest am Martineum fragte, ob sie nicht wieder mitmachen wollen. "Und schon saßen wir wieder mittendrin. Aus der Übung waren wir nicht, denn die eigenen Instrumente hatten wir öfter mal vorgeholt und jeder für sich gespielt. Ganz ohne ging einfach nicht", bemerkt Ulf Ehrhardt.

"Wir waren die erste Generation, die nach dem Schulabschluss blieb. Das war um die Wende. Und dann kamen die Probleme mit dem Musikernachwuchs. Wir haben es auf unsere Art gelöst", schmunzelt Cindy Ehrhardt. Denn Tochter Jacqueline (13) spielt seit zweieinhalb Jahren Klarinette im Jugendblasorchester. Zuvor hatte sie das Melodicaspiel erlernt und ab 2005 Einzelunterricht auf ihrem jetzigen Instrument genommen. Zum 1. Sommerkonzert, bei dem der Nachwuchs seine große Stunde hatte, war ihr erster großer Auftritt. "In der Schule wird mein Hobby akzeptiert", sagt sie, "es gibt auch einige, die machen sich darüber lustig. Eben wegen der Blasmusik. Dabei ist das, was wir machen, so abwechslungsreich." Auch sie schwärmt von den Auftritten, Proben und den vielen Erlebnissen, die sie nicht missen möchte.

Davon haben die Eltern eine Menge mehr. Sie aufzuzählen wäre eine Liste ohne Ende. "Im Orchester spielen Alt und Jung zusammen, jeder akzeptiert und respektiert jeden. Wir sind eine große Familie, in der sich jeder auf den anderen verlassen kann. Das gemeinsame Spiel, die Fahrten und Auftritte, die Meisterschaften - das schweißt zusammen." Und so besteht auch der Freundeskreis vorwiegend aus aktuellen und ehemaligen Orchestermitgliedern. "Weil die genauso ticken wie wir", unterstreicht Ulf Ehrhardt. Die Familie hält Kontakt zu Ehemaligen in Berlin, Düsseldorf und Erfurt. "Das sind echte Freundschaften. Wir freuen uns auf alle, die zum Jubiläum kommen."

Seit Monaten wird das Festkonzert vorbereitet. Zu den Dienstags- und Freitagsproben gesellten sich zusätzliche an den Sonnabenden. "Ich arbeite als Krankenschwester in Schichten, mein Mann ist selbständig. Da ist es nicht einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. Aber wir haben es bisher immer hingekriegt." Das Orchester sei "ein Ort, wo man abschalten kann". "Manchmal denkt man nach hartem Arbeitstag, nun auch noch Probe. Doch dann trifft man seine Familie, seine Freunde und alles ist wie weggeblasen. Man musiziert miteinander, quatscht miteinander und fühlt sich gut", so Cindy Ehrhardt.

Und weil es so toll ist, zu dieser Orchesterfamilie zu gehören, hat sich Sohn Nico (11) für die Bassgitarre entschieden und "auf den Weg dorthin gemacht". Eigentlich könnte die Familie selbst ein Orchester aufmachen, denn mit Vater Lucke und den Ehrhardts gibt es noch die Neffen Felix Polney (Posaune) und Markus Polney (Horn), die im Jugendblasorchester mitspielen, und mit Cindys Bruder Marco Lucke einen Posaunisten, der Ende der 1980er Jahre aktiv war.

 

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