Bis vor gut zwei Jahrzehnten prägte der "Trabant" das Straßenbild in der DDR. Inzwischen ist der Volkswagen des Ostens immer seltener zu sehen. Wenn aber, dann liebevoll gepflegt oder in Sonderausführungen und Farbvariationen, wie es sie damals nicht gegeben hat. Das Kultauto und viele seiner Brüder und Schwestern ziehen Neugierige an, so auch beim 2. IFA- und Oldtimertreffen in Langenstein.

Halberstadt/Langenstein. "Fünf Jahre habe ich einen Trabi besessen. Einen himmelblauen - so wie er in dem Lied besungen wird", erinnert sich Wolfgang Claßen, als er die Trabantparade auf dem Schützenplatz in Langenstein abschreitet. Ihm leuchten förmlich die Augen beim Anblick der Fahrzeuge. "Damit sind wir in den Urlaub an die Ostsee gefahren. Der hat uns nie im Stich gelassen. Es musste höchstens mal \'ne Zündkerze gewechselt werden."

So wie der 76-jährige Langensteiner machen heute viele einen Ausflug in die Vergangenheit und entdecken Mopeds, Motorräder und Pkw, mit denen sie einmal selbst unterwegs waren. Oder Traktoren, einst von Bauern über die LPG-Felder gesteuert. Oder olivgrüne Lkw, die an die eigene Armeezeit erinnern.

Rund um das Schützenhaus haben die Fans ihre Fahrzeuge aufgestellt und Zelte aufgeschlagen. Man bestaunt das Auto oder den Campingwagen des Nachbarn, fachsimpelt, tauscht Erfahrungen aus. Viele der aktuellen Trabi-Besitzer haben früher niemals selbst am Steuer gesessen, höchstens auf der Rückbank, wenn die Eltern mit ihnen durch das Land kurvten.

Christian Beck ist einer von ihnen. Der junge Mann besitzt seinen Trabant seit acht Jahren. Einen von einst zigtausenden Himmelblauen - die Einheitsfarbe, mit der einst in der realsozialistischen Planwirtschaft im Sachsenring-Werk Zwickau monatelang lackiert wurde, hieß wohl "Gletscherblau". Das, was Becks blaues Gefährt aber zu etwas ganz Besonderem macht, ist das Zelt auf dem Dach. "Einmal im Jahr hänge ich meinen ,HP 401\' mit Campingutensilien dahinter und fahre damit in den Urlaub", erzählt er und schwärmt von vielen schönen Erlebnissen.

"Von dieser Variante gibt nur drei in Deutschland"

Mit einem Trabi ist Freya von Rhade schon länger vertraut - doch einen solchen mit einem Zelt Huckepack hat sie noch nie gesehen. Als dessen Besitzer sie kurzerhand zum "Probeliegen" einlädt, überlegt die junge Frau nicht lange, streift die Schuhe ab und steigt dem "601 S" im wahrsten Sinne des Wortes aufs Dach. Mit Christian Beck schaut sie von oben auf das Treiben ringsum und ist begeistert. Sie erfährt, wie praktisch die Dachzeltvilla ,Sachsenruh\', die sich in nur fünf Minuten aufrichten oder zusammenpacken lässt, tatsächlich ist. Auch Trabi-Pilot Wolfgang Stumph, alias Stumpi, schwor bei seinen Trabi-Touren durch Europa auf diese pfiffige Erfindung und verpasste ihr den treffenden Namen.

Familie Graue aus Thale besitzt indes eine "Pappe", wie es sie nie gegeben hat. Ihre viertürige Stretchlimousine ist mit fünf Metern gut und gern 1,50 Meter länger als der originale Zwickauer. "Von dieser Variante gibt es nur drei in Deutschland", weiß Martin Graue zu berichten, "andere XXL-Trabis haben hinten zwei Achsen." Solch ein langes Teil beherrsche nicht jeder, denn man müsse es ganz anders fahren, insbesondere in den Kurven, ergänzt Bruder Marcel. Am Abend nehmen sie mit ihrer Mutter Romy den Pokal für das schönste Fahrzeug in Empfang. Mit ihnen freut sich Vater Eiko, der davon telefonisch im Krankenhaus verständigt wird. Ihm gehört der "weiße Riese".

Preise gibt es an dem Abend noch einige - für die weiteste Anreise (Hannover) und für verschiedene Spiele (Rikscha-Ziehen, Baumstamm-Weitwerfen und Radwechsel nach Zeit beim Boxenstop). Leider sind nicht mehr alle Preisträger vor Ort. Überhaupt hatten einige am späten Nachmittag vorzeitig ihre Zelte abgebrochen, weil der Wetterbericht Gewitter für Abend und Nacht angedroht hatte.

Standhaft, weil "auf Friedenswacht", blieb derweil die kleine Grenzbrigade aus dem Landkreis Goslar, die ihre beiden grünen Kübeltrabis und den Saniwagen direkt an einer nachempfundenen Grenzanlage postiert hatte.

Ihren Grenzposten verlassend, verfolgen sie, wie Maik Book zu später Stunde einen "heißen Reifen" riskiert. Den Trabi an einem Traktor festgezurrt, lässt der Vereinschef die Vorderräder auf einem Holzrost durchdrehen, dass es nur so qualmt. Ein stinkiges Ritual bei vielen Auto- und Zweiradtreffen und Gaudi für das Publikum.

Das scheint am Abend mehr Spaß an solchen Dingen zu haben, als an einer "flotten Sohle" auf der Tanzfläche. Für die Halberstädter Band "Rock\'n Fun" recht ungewöhnlich, dass sich die ersten Paare erst nach mehr als einer Stunde zögerlich aufs "Parkett" wagen. Bei den Bikern sei das anders, bemerkt das Halberstädter Rockertrio: Die seien vom ersten bis zum letzten Ton voll dabei.

Maik Book meint, dass es vielleicht anders gekommen wäre, wenn nicht einige wegen der Schlechtwetterprognose frühzeitig den Platz verlassen hätten. Auch wenn er sich eine etwas größere Beteiligung und einige Besucher mehr gewünscht hätte, ist er doch guter Stimmung.

Book und sein Zwei-Takt-Geschwader blicken zurück auf ein Wochenende mit viel Spaß für alle, die auf den Schützenplatz waren. Er habe sich besonders gefreut, dass die Sargstedter "Gamaschen" bei ihnen Station gemacht, von ihrer Barcelona-Tour berichtet und ihm ein Autogramm von "Manni" Ludolf mitgebracht haben. Die Brüder vom Schrottplatz hatten nämlich ihr Kommen wegen eines Trauerfalls abgesagt.

"Auch die Ausfahrt ist gut gelaufen. Wir haben mit unserer Fahrzeugkolonne wie immer viel Aufsehen erregt." Nach der Rückkehr gab es noch eine Überraschung für die Knirpse der Kita "Hoppelnase": 300 Euro aus der Trabant-Geschwader-Kasse.

   

Bilder