Halberstadt (eso). In der heutigen Folge wird ein Blick in die Ausgaben der "Halberstädter Zeitung und Intelligenzblatt" vom 15. bis 21. Mai 1911 geworfen.

Bauberatung

Bauberatungsstellen auf dem Lande. Die Maßnahmen gegen die bauliche Verunstaltung in Stadt und Land beginnen zwar, wie ein unbefangener Blick lehrt, allmählich Früchte zu tragen. Wenn trotzdem der Erfolg dieser Bestrebungen namentlich auf dem Lande und in kleinen Städten noch gering ist, so liegt das in den meisten Fällen nicht an dem guten Willen, sondern an dem Können der Betreffenden. Damit soll keineswegs den kleinen Meistern ein Vorwurf gemacht werden. Denn die Kunst, für zum Teil gänzlich veränderte Lebensbedingungen Bauformen zu schaffen, die den vorhandenen unter anderen Bedingungen sich anpassen und dem Ortsbild sich einfügen, muß erst erlernt werden, wozu es den vielbeschäftigten Meistern in der Regel an Zeit und Gelegenheit fehlt. Und die Bauherren? Sie sind vielfach nicht weit aus dem Städtchen hinausgekommen; sie schwören auf ihren Meister, sie glauben, daß der ihnen zum Bauen empfohlene "Steinkasten" das einzig Richtige sei, sie wissen nicht, daß sich für dasselbe Geld etwas ebenso Praktisches und zugleich weit Schöneres schaffen läßt. Hier soll nun die Tätigkeit der sogenannten Bauberatungsstellen einsetzen, die sowohl örtlich wie zentral sind. Ihre Aufgabe ist die Erziehung und Aufklärung der Bevölkerung in Bezug auf künstlerische Schönheiten. Sie werden ihr dadurch gerecht, daß sie den Baulustigen mit Rat und Tat und nach Möglichkeit unentgeltlich helfen.

Lokales

- Preisgekröntes Gedicht zur Spiegelfeier. Von den eingelaufenen Gedichten ist das des Lehrers Spangenberg in Halberstadt mit dem ausgesetzten Preise von zwei Friedrichsdor ausgezeichnet worden.

- Liebfrauenkirche. Gestern wurde hier, vor einer zahlreichen Gemeinde, Herr Pastor David feierlich in die I. Stelle eingeführt.

- Wettmarsch von Schülern des Realgymnasiums. Heute Nachmittag veranstaltete das hiesige Realgymnasium, wie im Vorjahre, einen Wettmarsch; doch ist diesmal ein Gepäck von mindestens 10 Kilogr. im Rucksack vorgeschrieben. Der Abmarsch erfolgte um 2 Uhr von der "Stadt Hamburg" in Wehrstedt. Der Weg führte über Kloster Gröningen nach Nienhagen, Schwanebeck, Gr. Quenstedt zum Anfangspunkt zurück. In Nienhagen muß jeder der 11 Teilnehmer 20 Minuten Rast machen.

- Schrebergärten. An der Südstraße hinter der Infanteriekaserne sind im letzten Herbst Schrebergärten angelegt worden, die schon jetzt der Gegend einen gewissen Reiz verleihen. Sie gehören den ersten beiden Bataillonen unserer 27er. Die unausgesetzte sorgsame Pflege dieser Gärten hat es vermacht, daß sie sich denen des 3. Bataillons, die an der Ecke der Louis Ferdinandstraße gelegen sind, in jeder Beziehung gleich anreihen. - Zum Schmuck der Südstraße sind im vergangenen Herbst an der Kaserne 40 Ahornbäume angepflanzt worden. Die Bäumchen, außergewöhnlich starke schöne Stämme, scheinen guten Boden gefasst zu haben, denn sie haben sich ganz vorzüglich entwickelt. In wenigen Jahren werden sie eine schöne Zierde dieser Straße bilden.

- Hinter verschlossenen Türen wird verhandelt gegen den schon recht oft bestraften Schneider Karl L. aus Thale. Es wird ihm zur Last gelegt, sich während der letzten 3 Jahre ständig an seiner 13jährigen Stieftochter unsittlich vergangen zu haben. Das Urteil lautet wegen Sittlichkeitsverbrechens an einem Kinde unter 14 Jahren auf zwei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrenrechtsverlust. Der Angeklagte wird sofort in Haft genommen; er will gegen das Urteil Berufung einlegen.

- Jeder Landbriefträger hat auf seinem Bestellgange ein Annahmebuch mit sich zu führen, in welchem er die von ihm unterwegs angenommenen Sendungen mit Wertangabe, Einschreibsendungen, Postanweisungen, gewöhnlichen Paketen und Nachnahmesendungen einzutragen verpflichtet ist. Will der Auflieferer die Eintragung in das Aufnahmebuch selbst bewirken, so hat der Landbriefträger dem Auflieferer das Buch vorzulegen. Bei Eintragung des Gegenstandes durch den Landbriefträger muß dem Absender durch Vorlegung des Buches die Ueberzeugung von der geschehenen Eintragung gewährt werden. Die Eintragungen können mit Tintenstift erfolgen. Auf die vorstehenden, zur Sicherstellung des Publikums getroffenen Bestimmungen wird von der Oberpostdirektion besonders aufmerksam gemacht.

Witterungswechsel

Der längst ersehnte Witterungswechsel ist endlich am gestrigen Sonntag eingetreten. Daß es gerade ein Sonntag sein mußte, dem einzigen Tage, an dem wir Städter, frei von aller Arbeit, die weite, frühlingsschöne Natur durchwandern können, mag ja manchem nicht recht verständlich gewesen sein, doch war sich jedermann über die ernste Notwendigkeit eines Witterungsumschlages klar. Die Schwüle in der Stadt war unerträglich geworden und die Feldfrüchte waren in großer Gefahr, zu verdorren oder wenigstens in ihrem Wachstum gehindert zu werden. Schon am Freitag und Sonnabend gingen in der weiteren Umgegend unserer Stadt Gewitterregen nieder, die den lechzenden Fluren die nötige Feuchtigkeit brachten. In Halberstadt stellte sich ein kurzer Regen erst Sonntag mittag ein, der aber kaum hinreichte, den Staub zu löschen. Die flirtende Jugend Halberstadts hatte sich eben auf dem Domplatz, wo die Kapelle unserer Kürassiere spielte, ein Stelldichein gegeben, als ein heftiger Sturmwind das Nahen eines Gewitters meldete. In wenigen Minuten war der Platz leer, alles eilte den heimischen Penaten zu, um die neuen Sommerhüte, die eleganten Toiletten usw. vor Regen zu schützen.