Was bringt Bürger der Niederlande dazu, sich im Harzvorland anzusiedeln? Die Volksstimme ging dieser Frage nach und sprach mit dem Ehepaar Marrie und Anton "Ton" Mens in Dedeleben sowie mit Bernard Kregting, der in Badersleben die Gaststätte "Zum Holländer" betreibt.

Dedeleben/Badersleben. "Ja, ich bin ein Holländer", bestätigt Anton Mens, der mit seiner Frau Marrie seit Juni 2005 im ehemaligen Bahnhof von Dedeleben zuhause ist. Was Mens sagt, ist nicht selbstverständlich, denn beileibe nicht jeder Niederländer ist ein Holländer, ebensowenig wie jeder Deutsche ein Bayer ist. "Holland", das umfasst genau genommen lediglich zwei der zwölf niederländischen Provinzen, nämlich die direkt an Nordsee und Jsselmeer gelegenen Gebiete Nord- und Südholland.

Bevor sich Marrie und Ton Mens entschieden, ihren Ruhestand im Harzvorland zu verbringen, hatten sie lange Zeit in der Nähe der Großstadt Amersfoort gelebt, einem bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt in den Niederlanden, wo Anton Mens als Lokführer und Fahrdienstleiter beschäftigt war.

Dass er selber Eisenbahner ist, habe bei der Wahl des Ruhesitzes keine Rolle gespielt, erzählt er. "Ich bin kein ausgesprochener Bahn-Fanatiker", beteuert Mens. Und dass schließlich die Entscheidung zugunsten des Bahnhofs von Dedeleben gefallen sei, das sei hauptsächlich seiner Frau Marrie zu verdanken, die damals die Immobilienanzeige in einer niederländischen Tageszeitung entdeckt hatte.

"Am Sonnabend fahren wir da hin und sehen uns das an", verkündete sie damals entschlossen ihrem Ehemann, dessen schwacher Protest nichts nützte. "Ich hatte eigentlich eher an England oder Schottland gedacht", gesteht er ein, denn das Ehepaar hatte Großbritannien in der Vergangenheit häufiger besucht und dort Land, Leute und die Kultur kennen- und schätzengelernt. Sogar das Dudelsackspielen erlernte der Eisenbahner und bis heute ist es eines seiner Hobbys geblieben.

"Hört Ihr die Nachtigall?"

Dass der Weg in die alte Heimat vom Huy aus wesentlich kürzer ausfällt, sei nur einer der Entscheidungsgründe gewesen, meint das Ehepaar. Den Ausschlag hätten vielmehr "Ruhe und Raum" im Harzvorland gegeben - eine Entscheidung, die man durchaus nachvollziehen kann, leben doch in den Niederlanden im Durchschnitt etwa 400 Menschen auf einem Quadratkilometer Fläche, während es in der Einheitsgemeinde Huy nur knapp 50 sind.

2002 erwarb das Ehepaar den alten Bahnhof. Heute sitzen Marrie und Ton Mens am ehemaligen Bahnsteig in der Sonne und erfreuen sich an dem Teppich bunter Blumen, die langsam die rostigen Gleise der ehemaligen Bahnstrecke Nienhagen-Jerxheim überwuchern. "Hört ihr die Nachtigall", fragt Marrie Mens gelegentlich voller Begeisterung ihre Gäste, wenn sie mit ihnen draußen vor dem renovierten Backsteingebäude sitzt.

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg. Offiziell stillgelegt wurde die Bahnstrecke am 1. August 2001, gesperrt worden war sie allerdings schon ein Jahr zuvor; der Bahnhof sei sogar schon seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr genutzt worden, weiß Ton Mens.

In einem entsprechenden Zustand sei er beim Einzug dann auch gewesen: die Fenster zerbrochen und mit Holzplatten vernagelt, ein Teil des Daches eingestürzt und alles in einem recht verwahrlosten Zustand. Nach und nach wurde im Urlaub und in den Ferien renoviert.

"Fließend Wasser hatten wir zunächst nicht", erinnert sich das Ehepaar noch gut. Hilfsbereite Dedeleber versorgten die Neubürger mittels eines kleinen Tankanhängers aus russischen Armee-Beständen mit dem dringend benötigten Nass. Gebadet wurde im Freien - in einer museumsreifen Zinkwanne, die die beiden in einem Winkel des alten Gebäudes entdeckt hatten.

Nach und nach verwandelte sich der vernachlässigte Bahnhof in ein Schmuckstück. Bei der Sanierung ging das holländische Ehepaar äußerst behutsam vor. "Es muss nicht alles neu sein", betont der handwerklich geschickte Ex-Eisenbahner, "im Gegenteil, wir haben versucht, soviel wie möglich von dem alten Flair des Bahnhofs zu erhalten". Fenster und Türen sind die aufgearbeiteten Originale, der Drehteller für Billets und Wechselgeld an der Fahrkartenausgabe blieb erhalten, ebenso die großen Kachelöfen, mit denen das Haus auch heute noch beheizt wird.

Reichlich Platz bietet das renovierte Stationsgebäude inzwischen für Freunde und Familienangehörige aus den Niederlanden, die hier häufiger Urlaub machen. Holländische Spezialitäten wie die leckeren Speckpfannkuchen bereitet Marrie Mens in ihrer großzügig dimensionierten Küche zu.

Auch die Tochter des Ehepaars hat inzwischen ihre Liebe zum Vorharz entdeckt und in Danstedt ein altes Bauernhaus gekauft, das sie zum Feriendomizil ausbaut.

In der dörflichen Gemeinschaft ist das Ehepaar Mens inzwischen angekommen, Ton Mens ist dem Schützenverein beigetreten und erfreut die Dedeleber gelegentlich zu besonderen Anlässen wie Familienfeiern mit seinen Dudelsack-Klängen.

Nein, er sei kein Holländer, betont Bernard Kregting, der im ehemaligen Bahnhof von Badersleben seine Kneipe als Biker-Treff betreibt. Er stammt vom Niederrhein aus der Nähe von Nijmegen: "Auf der deutschen Seite liegt Kleve", erklärt er.

Gleichwohl hat er seine Gaststätte und Pension "Zum Holländer" genannt. Die überdimensionale Frittentüte an der Zufahrt von der B 244 weist den Weg zu Spezialitäten wie den "Poffertjes", das sind kleine Pfannkuchen, oder den allseits bekannten Kroketten.

"Flugzeuge kreisten über unserem Haus"

Auch er habe gemeinsam mit seiner Partnerin zunächst die Ruhe gesucht, erzählt der Neu-Badersleber, der seit 2003 am Huy lebt. "Wir haben in der Nähe von Nijmegen in direkter Nachbarschaft zu einer Schnellstraße, einer Bahnlinie und einem Militärflughafen gewohnt", berichtet er, "außerdem drehten die Flugzeuge beim Landeanflug auf Amsterdam-Schiphol über unserem Haus ihre Warteschleifen."

"Eigentlich wollten wir uns nach Frankreich orientieren", hält der gelernte Lkw-Mechaniker Rückschau, "aber die Anreise dorthin wäre uns zu lang gewesen." Die Idee zu einer Gaststätte mit Motorradfahrer-Treff sei bei einer Geburtstagsfeier entstanden und habe dann nach dem Erwerb des Bahnhofs in Badersleben Formen angenommen.

"Das Gebäude wollten wir weitgehend so erhalten, wie es war. Es sollte seine Identität nicht verlieren. Wir haben es eigentlich nur gründlich gekärchert", berichtet er mit einem Schmunzeln - und mit einiger Untertreibung. Herausgekommen ist dabei eine ebenso urige wie originelle und vor allem liebevoll dekorierte Gaststube.

Der Anfang sei in Badersleben nicht einfach gewesen, hält Kregting Rückschau, zumal es beim Kauf des Bahnhofsgebäudes Mitbewerber aus dem Ort gegeben habe, die nicht zum Zuge gekommen seien. Auch der Umgang mit der deutschen Bürokratie sei nicht immer leicht gewesen, so seine Erfahrung.

Heute ist der Gastronom zufrieden: "Wir haben Gäste aus ganz Norddeutschland, aus Hamburg, Hannover, Braunschweig, aus Wolfsburg und auch aus Berlin", berichtet er stolz." Nur die ständige Sperrung der B 244 - "erst in Jerxheim, dann in Zilly und schließlich in Vogelsdorf" - habe einige Zeit Schwierigkeiten bereitet, aber das sei ja nun auch Geschichte.

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