Seit 1992 gehört der Theatertag zu den kulturellen Höhepunkten eines jeden Jahres am Halberstädter Käthe-Kollwitz-Gymnasium. Im Wechsel wurden das Nordharzer Städtebundtheater und Spielstätten in großen Städten besucht. Diesmal waren über 600 Schülerinnen und Schüler im Hans-Otto-Theater Potsdam zu Gast.

Halberstadt. "Wir wurden noch nirgends so herzlich empfangen wie in diesem Theater", sagte Schulleiterin Regina Zimmermann zu Beginn der Vorstellung "Momo" im bis auf den letzten Platz besetzten Saal des Hans-Otto-Theaters. Dabei habe man in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit der Dresdner Semperoper, dem Gewandhaus Leipzig, der Komischen Oper Berlin und dem Deutschen Nationaltheater Weimar schon einige große Häuser besucht und sei sehr Theater erfahren.

Wie in allen bisherigen Spielstätten habe man auch hier bei der Vorbereitung des Besuchs gestaunt über diesen besonderen Schulausflug. "Ich kenne in Deutschland keine andere Schule, die geschlossen ins Theater geht", stellte Hans-Dieter Heuer, Leiter Öffentlichkeitsarbeit, fest, und wünschte dem jungen Publikum eine unterhaltsame, aber auch nachdenklich stimmende Vorstellung.

Was die Schulleiterin damit meinte, als sie von der Zeit als einem wertvollen Gut sprach, sollten alle anschließend in diesem Märchen für groß und klein entdecken und daraus lernen.

Viele der jungen Zuschauer hatten Michael Endes "Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte" gelesen. Alle waren im Unterricht auf diese Reise in die Phantasiewelt vorbereitet worden, in der es um ein Thema geht, das alle Menschen in irgendeiner Weise beschäftigt - die Zeit. Keine Zeit haben, Zeit nehmen, verschwenden, verschenken oder stehlen ...

Als Meister Hora, der Verwalter der Zeit, die Heldin der Geschichte um Hilfe bittet, kämpft sie mit der Schildkröte Kassiopeia und ihren Freunden gegen die gespenstische Gesellschaft der "grauen Herren", die die Menschen um ihre ersparte Zeit betrügen, und siegt. Momo gelingt es in den knapp zwei Theaterstunden, die Sinne zu schärfen für den eigenen Umgang mit der Zeit. Dafür bekamen Juliane Götz (Momo) und ihre Schauspielkollegen lang anhaltenden Beifall.

"Ich kenne in Deutschland keine andere Schule, die geschlossen ins Theater geht"

Während die 5. bis 9. Klassen zu ihren Bussen gingen, saßen die 10. bis 12. Klassen noch in der benachbarten Reithalle, einer weiteren Spielstätte des Hans-Otto-Theaters. Sie erlebten dort zuerst eine Aufführung von Georg Büchners "Woyzeck". Da dieses Drama um das Schicksal des einfachen Soldaten Franz "Woyzeck" nur zu verstehen ist, wenn man sich mit Büchner und seiner Zeit, mit seinen politischen und sozialen Auffassungen sowie seinen Absichten auseinandersetzt, waren die Schüler im Unterricht auf die Aufführung vorbereitet worden und wussten, was sie erwartet.

Die Potsdamer Inszenierung hat den Schülern wie den Lehrern sehr gut gefallen. Beeindruckt waren alle von der großartigen Leistung der Schauspieler, die ununterbrochen auf der Spielfläche agierten und das jeweilige Geschehen um die bedauernswerte Kreatur Woyzeck (Simon Brusis) mit Mimik und Gestik kommentierten und somit die Haltung der Gesellschaft demonstrierten. Anhaltender Beifall eines aufmerksamen Publikums war schönster Lohn für die Schauspieler.

Der Dramaturg Remsi Al Khalisi leitete im Anschluss an die Aufführung ein Gespräch mit den vier männlichen Hauptdarstellern. Darin ging es unter anderem darum, inwieweit sich die Schauspieler mit ihren Rollen identifizieren konnten. So war vom Tambourmajor (Florian Schmidtke) zu erfahren, dass er in Wirklichkeit keinen Menschen erniedrigen würde, so wie es die Rolle von ihm verlangte. Die Teilnehmer der Gesprächsrunde waren sich einig, dass die Personen wirklich typgerecht besetzt waren.

Wahrscheinlich hätten die Schüler noch mehr Fragen gestellt, doch draußen warteten die Busse für die Rückfahrt nach einem langen Tag, der reich an Kultur und anderen Erlebnissen war. Denn der Besuch in Potsdam galt nicht nur dem Theater. Die Klassen waren unter anderem in Museen, in der Biosphäre Potsdam und in den Anlagen von Sanssouci unterwegs.

Bilder