Am Stadtrand von Kalkutta soll eine Schule für bedürftige Kinder gebaut werden. Dafür will der Verein "Pro-Site Society" Baumaterialien bereitstellen und finanzieren. Andrea Bekuhrs betreut dieses Schulprojekt in Deutschland und in Indien. Die Halberstädterin macht vielfältig darauf aufmerksam und sammelt Spenden.

Von Gerald Eggert

Halberstadt. "Gleich bei meiner ersten Indienreise habe ich mich in dieses Land verliebt", erinnert sich Andrea Bekuhrs. Doch bei all der Vielfalt, der fast magisch zu bezeichnenden Schönheit und der unverwechselbaren Farbenpracht hat sie die Augen nicht verschlossen vor den Schattenseiten. Zumal die großen Gegensätze vor allem zwischen reich und arm, modern und alt nicht zu übersehen sind.

Als Lehrerin interessiert sie sich für das Leben der Kinder, für Schule und Bildung und machte ungewohnte Erfahrungen vor Ort. Armut und unvorstellbares Elend sind so allgegenwärtig wie Fortschritt, Kultur und Lebensfreude. Da sind vor allem bettelnde Kinder, die alles abliefern müssen, nicht zu übersehende Kinderarbeit und das Festhalten an Traditionen vor allem in den Dörfern, wonach Mädchen weniger wert sind und daher arme Familien, wenn überhaupt, nur ihre Söhne zur Schule schicken.

Und das, obwohl in der indischen Verfassung freie Bildung für alle Kinder bis zum 14. Lebensjahr festgeschrieben ist. Doch mit der Schulpflicht wird es nicht so genau genommen. Vor allem in den armen Familien. Sie müssen für den Besuch staatlicher Schulen zwar keine oder nur sehr geringe Gebühren entrichten, doch entstehen ihnen Kosten für Uniformen, Bücher und Schulmaterialien. Familien mit geringen Einkommen und mehreren Kindern erreichen schnell ihre finanziellen Grenzen.

Für die Zukunft der Kinder ist jedoch der Schulbesuch sehr wichtig. Denn ohne ihn werden sie später schlecht bezahlte Handlangerdienste übernehmen oder ein Dasein als Bettler fristen müssen, Mädchen landen unter Umständen in einem Bordell.

"Ich habe viele Familien besucht, wurde trotz deren Armut immer gastfreundlich aufgenommen", berichtet Andrea Bekuhrs, "ich war in Schulen und musste immer wieder feststellen, dass die Kinder lernen wollen." Dabei erlebte sie Bedingungen, die mit denen in Europa gar nicht zu vergleichen sind. Zum Beispiel sitzen die Mädchen und Jungen den ganzen Vormittag auf dem Erdboden, schreiben auf Papier, das vor ihnen auf einer Plastiktüte liegt. "Sie sind sehr fleißig und diszipliniert. Sie hören dem Lehrer zu, schreiben, lesen und rechnen. Und nach dem Unterricht machen sich viele von ihnen auf den bis zu einstündigen Heimweg."

"Ich habe viele Familien besucht und wurde trotz deren Armut immer gastfreundlich aufgenommen"

Auf ihren Entdeckungstouren wurde die Halberstädterin durch eine Freundin, die in Indien lebt und sich dort um Kinder kümmert, auf ein Schulprojekt aufmerksam gemacht. Seit zwei Jahren engagiert sich Andrea Bekuhrs nun schon dafür. In Indien wurde extra ein Verein "Kalipur Hope of Pro-Site Society" gegründet. Mit dem Hamburger Verein "Kultur-Pflege-Wege" fand man in Deutschland eine Möglichkeit, das Spendengeld zu 100 Prozent an die Empfänger in Indien weiterzuleiten.

Wer lesen und schreiben kann, hat in Indien bessere Lebenschancen. Der Verein "Pro-Site Society" will für bestehende Einrichtungen Lehrmittel und Spielzeug bereitstellen.

Andrea Bekuhrs hat dafür schon fleißig gesammelt. Nach der 2. Bengalischen Nacht mit dem Musiker aus Kalkutta Rohan Dasgupta im Jagdschloss Spiegelsberge konnte sie 370 Euro für das Projekt überweisen. Bei der Übergabe der sanierten Goethe-Grundschule und deren Weihnachtsfest kamen fast 350 Euro zusammen. Ein Flohmarkt an der Schule brachte 297,61 Euro ein. Hinzu kamen 133,58 Euro, die sie mit Emily und Sabine Prill auf dem Halberstädter Weihnachtsmarkt gesammelt hat. "Überall stoßen wir auf offene Ohren und Herzen. Nachdem Emily dem Oberbürgermeister vom Projekt berichtet hatte, griff auch er zum Portemonnaie." Kurz vor Weihnachten klingelte es dank der Halberstädter Chorgemeinschaft noch einmal in der Spendenkasse: 240 Euro nahm eine überraschte Andrea Bekuhrs beim Weihnachtssingen entgegen.

Als nächstes sind Patenschaften geplant. Ab Februar sollen die Bilder der indischen Kinder ins Internet gestellt werden. Dann können deutsche Familien oder Personen den Mädchen und Jungen, die ihre Armut nicht selbst verursacht haben, direkt helfen. Von dem Geld werden die Schuluniform und -materialien sowie das Mittagessen finanziert. "Wenn wir einem Kind die Möglichkeit geben zu lernen und später einen Beruf zu ergreifen, vielleicht nach einem Studium sogar Arzt zu werden, dann helfen wir ihm, seiner Familie und vielen anderen Menschen in Indien."

Die Paten werden regelmäßig über ihr Patenkind, seine Familie und seine Gemeinde informiert. Sie können ihm schreiben oder es sogar besuchen und erleben, was ihre Hilfe konkret bewirkt.

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