180 Jahre wäre Clemens Kühne gestern geworden. Seine Urenkelin Ginny von Bülow brachte einen Blumenstrauß in das Haus, das nach ihm benannt ist. Denn Clemens Kühne hat das ursprünglich 1592 erbaute Haus vor dem Verfall gerettet, er hat es 1875 restauriert.

Haldensleben l Es ist das aufwendigste erhaltene Fachwerkhaus im Stadtkern von Haldensleben. So steht es auf einer Info-Tafel am meistfotografierten Gebäude der Innenstadt. Ginny von Bülow ist stolz darauf, denn dass dieses Haus an der Ecke Hagenstraße, Holzmarktstraße immer wieder die Blicke der Passanten auf sich zieht, ist vor allem der Lebensleistung ihres Urgroßvaters Clemens Kühne zu verdanken.

Der gebürtige Hildesheimer Clemens Kühne, an dessen 180. Geburtstag sie gestern erinnerte, kam 1848 nach Haldensleben zu seinem Onkel Franz Dreyer in die Goldschmiedelehre. Auf Wanderschaft erweiterte er seine Kenntnisse in Deutschland, arbeitete auch zwei Jahre in Paris und London und übernahm schließlich 1868 das Juweliergeschäft seines Onkels in Haldensleben. Für seine Familie - mit seiner Frau Marie hatte er vier Kinder - suchte er ein größeres Haus, das möglichst ein Fachwerkbau sein sollte. Dabei stieß er auf das spitzgiebelige Haus, das damals verputzt und abbruchreif war. Clemens Kühne kaufte das Haus, sanierte es mit eigenen Mitteln, baute Werkstatt und Laden ein. "Dies Haus bewahrte vor Verfall - Clemens Kühne - 1875" ist an einem Balken zu lesen.

Clemens Kühne starb 1902. Der älteste Sohn Franz Kühne trat seine Nachfolge an, er war ebenfalls ein "kunstsinniger Goldschmied" erzählt Ginny von Bülow über ihren Großvater. Auch er steckte viel Geld ins Haus, installierte sanitäre Anlagen, baute 1905 den Turm an, wo sich bisher eine Tordurchfahrt befand, restaurierte das Haus 1922/23 sehr aufwendig und erweiterte die Ladenfront. Doch er konnte das Haus nicht halten, vier Jahre war er im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen, die Inflation kam, die Hypotheken drückten, die Weltwirtschaftskrise machte auch vor seiner Tür nicht Halt. Er musste Konkurs anmelden. 1932 starb seine Frau Martha und im selben Jahr verlor er sein Haus, blieb nur noch als Mieter seiner Werkstatt im Seitenflügel. Sein Sohn Karl-Heinz, ebenfalls Goldschmied, hatte sich in Reichenbach niedergelasen. Mit 75 Jahren begann Franz Kühne 1945 noch, seine Enkelin Eleonore Wachter auszubilden, die seine Nachfolge antreten sollte. Er starb 1946. "Bis zu seinem Tod hat er in seiner Werkstatt gearbeitet. Er war nicht einen Tag in seinem Leben krank", erinnert sich Ginny von Bülow. Ihre Schwester Eleonore führte die Werkstatt bis 1951 und folgte dann ihrer Familie nach Niedersachsen. "Sie konnte den Laden nicht mehr halten, wer konnte in dieser Zeit schon Schmuck kaufen", erinnert sich Ginny von Bülow. Ihr Vater sei 1947 aus französischer Gefangenschaft nach Niedersachsen entlassen worden, dorthin folgte ihm schließlich nach und nach die Familie.

Gestern nun brachte die Urenkelin von Clemens Kühne, die genau 100 Jahre nach ihm geboren wurde und deren Wiege in seinem Haus stand, Blumen ins Haus. Mandy Gottschalk vom Team "Optik im Kühnschen Haus" hatte ein Schaufenster mit alten Fotos dekoriert. Ein Foto davon kannte die Urenkelin aus Berlin noch nicht. Optikermeisterin Anja Heddicke, die in Magdeburg wohnt, hatte es von ihrer Nachbarin bekommen. Deren Opa war nämlich einst Lehrling im Kühneschen Haus, er ist auf dem Foto mit seinem Lehrmeister zu sehen. Und über allem hängt ein Bild vom Haus, das der heute zwölfjährige Max Gottschalk vor zwei Jahren gemalt hatte.

Bilder