Straftäter auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorzubereiten, ist nicht leicht. Die Malerei kann dabei eine große Hilfe für sie sein. In der Kulturfa- brik Haldensleben werden gerade ihre Werke ausgestellt.

Haldensleben l Kuschelige Kätzchen und idyllische Seenlandschaften sind auf filigranen Bleistiftzeichnungen und zarten Aquarellgemälden zu sehen. Bei der aktuellen Ausstellung präsentiert die Kulturfabrik Haldensleben ein vielfältiges Repertoire der bildenden Kunst. Einige Objekte lassen großes Talent vermuten. Die Künstler aber sind nahezu unbekannt. Sie führen ein Leben hinter Gittern.

Öffentliche Aufmerksamkeit wurde ihnen das letzte Mal wahrscheinlich bei ihrer Urteilsverkündung zu teil. Seitdem sind sie aus der Gesellschaft und dem Blickfeld der restlichen Bevölkerung verschwunden. Aber was wird aus ihnen, wenn sie die Strafe für ihre Taten beglichen haben - wenn sie in die Gesellschaft zurückkehren? "Das ist sehr schwierig", sagt Karl Anton, Maler und Schriftsteller aus Leipzig, bei der Ausstellungseröffnung. "Zuerst werden die Straftäter weggesperrt und entmündigt. Und wenn sie raus kommen, sollen sie auf einmal wieder funktionieren."

Malwettbewerb ermöglicht Häftlingen neue Perspektiven

Anton weiß, wovon er spricht. Bis 2003 war er Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Halberstadt. Während dieser Zeit war das Malen für ihn ein gutes Mittel, um "der Kriminalität und dem Thema Knast zu entkommen". Diese Möglichkeit wollte er auch den Häftlingen bieten. Deshalb rief er 1998 einen Malwettbewerb für die Inhaftierten ins Leben. Bereits zum 15. Mal wurde der Wettbewerb nun vom Landesverband für Straffälligen- und Bewährungshilfe Sachsen-Anhalt ausgeschrieben.

Als Initiator kann sich Anton gut an die Anfänge erinnern. Nicht jeder war von seinem Vorhaben begeistert. Vielerorts stieß er auf Unverständnis und Kritik. "Nicht nur außerhalb der JVA wurden Stimmen laut, die sich ärgerten: Jetzt dürfen Verbrecher auch noch Kunst machen. Denen geht es viel zu gut", erklärt er. Doch das trifft nicht den Kern seiner Idee. "Beim Malen geht es für die Häftlinge darum, sich selbst zu erkennen und die eigenen Defizite aufzuarbeiten. Die Kunst ist für die Menschen im Knast eine Nische im gefühlsleeren Raum."

Ein Blick hinter die Fassade

Insassen würden vom Rest der Bevölkerung selten als Menschen mit Gefühlen wahrgenommen, weiß der Künstler. Als ehemaliger Leiter einer Strafanstalt kennt er beide Seiten der Gefängnismauer. Bei seiner Arbeit konnte er die Häftlinge aus einer Perspektive sehen, die anderen meist verwehrt bleibt. "Ich kam mal in eine Arbeitsgruppe und da saß ein riesiger, kräftiger Kerl. Glatze. Ein großes Hakenkreuz auf den Hinterkopf tätowiert. Er saß vor einem feinen Seidentuch und malte ganz viele, winzige Herzchen auf dieses Tuch. Ein Geschenk für seine Freundin. Er hatte Angst, sie würde ihn verlassen. Natürlich haben diese Menschen auch Gefühle."

Auch Delia Göttke vom Landesverband für Straffälligen- und Bewährungshilfe will darauf aufmerksam machen: "Hinter jedem Verurteilten steckt auch ein Mensch. Man sollte nicht wegen einer Sache, die er falsch gemacht hat, sein ganzes Menschsein hinterfragen." Deshalb liegt ihr die Ausstellung besonders am Herzen. Die Bilder lassen für sie den Blick hinter die Fassade zu und ermöglichen ihr, die Person und nicht nur den Straftäter zu sehen. Bis 17. April ist die Ausstellung noch in der Kulturfabrik zu sehen.