Martin Noll ist fasziniert von der Alvenslebenschen Familienbibliothek. Vor allem die Illustrationen in den jahrhundertealten Büchern haben es dem Maler angetan. Ein Arbeitsstipendium der Landeskunststiftung ermöglicht ihm die Auseinandersetzung mit den historischen Werten.

Hundisburg l Martin Noll hat genau aufgelistet, welche Bücher er einsehen möchte, als er sich mit Sabine Wenzel, Bibliothekarin der Stadt- und Kreisbi-bliothek, im Schloss Hundisburg trifft. Immer wieder kommt der Maler, der sein Atelier im Wasserschloss Flechtingen hat, nach Hundisburg, um in der Bibliothek der Familie von Alvensleben zu stöbern.

Der Künstler erinnert sich noch gut an die Führung durch das Hundisburger Schloss, zu der auch die Bibliothek gehörte. Seine Neugier war geweckt. Dabei ging es ihm weniger um den Inhalt der Bücher als um die bisweilen sehr umfangreichen Illustrationen. Noll hat von 1981 bis 1987 in Berlin an der Universität der Künste in Berlin freie Grafik und Malerei studiert und arbeitet als freischaffender Künstler. Seit ein paar Jahren lebt er mit seiner Familie in Flechtingen. Schwerpunkt seines Studiums waren die künstlerischen Drucktechniken. Sein graphisch-zeichnerisches Denken macht seine Arbeiten unverwechselbar.

Nach dieser Führung hat sich Martin Noll intensiver mit der Alvenslebenschen Bibliothek beschäftigt, die ihr Domizil als Außenstelle der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt auf Schloss Hundisburg gefunden hat. Mit einem derzeitigen Bestand von etwa 6000 Bänden und mehr als 13000 Titeln gilt die Alvenslebensche Bibliothek als eine der bedeutsamsten Privatbibliotheken der Renaissancezeit. Und der Künstler wollte sich unbedingt intensiver mit dieser Bibliothek auseinandersetzen. Deshalb wandte er sich an die Landeskunststiftung Sachsen-Anhalt. Und der Stiftungsrat bewilligte ihm Ende November des vergangenen Jahres ein Arbeitsstipendium, das ihm ermöglicht, sich mit den historischen Büchern, das heißt mit den Illustrationen darin, zu beschäftigen.

Martin Noll durchforstet zunächst die Bibliothek digital. "Bücher, zu denen zahlreiche Illustrationen verzeichnet sind, sehe ich mir genauer an", erzählt er. Bibliothekarin Sabine Wenzel schließt ihm die Vitrinen auf, damit er einen Blick in die dicken Bücher werfen kann. Beide ziehen weiße Handschuhe an, wenn sie die alten Bände anfassen. Ein Buch, das die Bibliothekarin nach seiner Liste herausgesucht hat, kann sie gleich wieder einsortieren. Martin Noll stellt fest, dass dieses als illustrierter Kalender deklariertes Buch nichts enthält, was besondere Aufmerksamkeit verdient. Das von Johannes Herold 1554 in Basel herausgegebene Buch mit dem Titel "Heydenweldt und irer Götter anfänglicher ursprung" aber enthält genau das, wonach er sucht. "Egal, was der Holzschneider 1540 dabei gedacht hat, das ist seine Sache", sagt Martin Noll, "aber wie wirkt es auf mich heute?" Nicht selten sind die Bücher bereits von Würmern zerfressen, so dass auch die Illustrationen nicht mehr komplett abgebildet werden können. In einem Fall hat er glücklicherweise dasselbe Buch in einer anderen Bibliothek entdeckt und so die Ablichtung einer Originalillustration bekommen.

Vorerst sammelt Martin Noll Material. Er fotografiert die Illlustrationen, archiviert sie. Wie diese Werke früherer Jahrhunderte Eingang in seine heutige Kunst finden, weiß er noch nicht. Er lässt sich von den Bildern am Computer inspirieren. Aus aufwändig gestalteten, reich verzierten Illustrationen löst er vielleicht nur einzelne Formen heraus, kombiniert sie mit anderen Elementen. "Die Illustrationen sind so reich, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll mit Wegnehmen." Dazu braucht er noch Zeit.

"Drei Vasen, krumm und schief, die hatten für damals sicher keine Bedeutung, da ging es um die Götter", verweist er auf ein Bild. Für ihn aber sind es gerade diese Vasen, die ihn begeistern.

Altes und Neues zu verbinden, einen anderen Blick auf die Dinge zu schaffen, das ist sein Anliegen. Und das betrifft auch das Material, mit dem er umgeht. Er arbeitet sehr gern auf Leinwand, aber auch auf Papier, das dem Papier dieser historischen Bücher ähnlich ist. "Das gibt es heute kaum noch", sagt er. "Ein Papierhersteller in Berlin schöpft noch einzelne Bögen, wenn er das Material dazu hat." Die dafür nötigen Fasern bekommt er heute fast nicht mehr. Aus Italien hat sich Martin Noll schon sehr hochwertiges Papier schicken lassen. Für ihn muss alles zusammen passen.

Martin Noll hat bereits im In- und Ausland ausgestellt. In Flechtingen, seinem neuen Zuhause, wird er vom 6. April bis 11. Mai eine ganz persönliche Ausstellung zeigen. Der Freundeskreis der Kleinen Galerie im Pfarrhaus hatte ihn darum gebeten. "Maria Empfängnis" heißt die Ausstellung. Sein privates Lieblingsbild, das auch etwa aus der Zeit stammt wie die Bücher, mit denen er sich gegenwärtig in Hundisburg beschäftigt, ist die Grundlage dafür. Er hat immer wieder andere Motive aus diesem Bild herausgenommen und modern umgesetzt.