Nach 24 Jahren ist Schluss. Die Kreistagssitzung am 14. Mai war für den Kreistagsvorsitzenden Dr. Karl-Heinz Daehre zugleich die letzte. Der CDU-Mann tritt nicht wieder an.

Langenweddingen l Nach dem Abschied als Minister vor drei Jahren sagt Sachsen-Anhalts Ex-Minister Dr. Karl-Heinz Daehre nun dem Kreistag ebenfalls "Tschüss". Mit ihm verlässt ein Urgestein, ein Mitglied der ersten Stunde, das Gremium. "Da steckt schon Wehmut drin. 24 Jahre sind fast eine Generation", meint der Langenweddinger rück_ blickend. Und über die Anfänge in der Politik sagt er heute: "Wir haben einen völligen Systemwechsel vollzogen, die Zeit der Wende war für uns der Weg in eine völlig andere Welt."

Karl-Heinz Daehre, im Januar 1990 in die CDU eingetreten, wurde damals vom Langenweddinger Rudolf Ehrhardt gefragt, ob er für die CDU für den Kreistag kandidieren würde. Und Daehre wollte. Die CDU hat damals im Landkreis Wanzleben ein großes Ergebnis eingefahren. "Ich wurde gefragt, ob ich den Fraktionsvorsitz übernehmen oder lieber Kreistagspräsident werden wolle. Ich wollte eher aus- gleichend tätig sein und so wurde ich Präsident. Das Amt, ob nun als Präsident oder Kreistagsvorsitzender, habe ich 20 Jahre im Landkreis Wanzleben, im Bördekreis und später im Landkreis Börde ausgeübt."

An die Anfänge des Kreises Wanzleben erinnert er sich wie folgt: "Wir hatten keinen Plan, es gab kein Lehrbuch und doch mussten neue demokratische Strukturen aufgebaut, Posten besetzt und die Ausgewogenheit zwischen den Parteien hergestellt werden". Dass es funktioniert habe, sei für ihn noch heute ein kleines Wunder, denn 80 bis 90 Prozent der Leute waren in ihren Funk- tionen absolute Neulinge, waren Handwerker oder Wissenschaftler.

Doch der Landkreis Wanzleben unter dem ersten Nachwende-Landrat Werner Bärecke hat gemeinsam mit dem Kreistag schnell das Laufen gelernt.

Noch gut erinnert sich Karl-Heinz Daehre an den ersten bedeutsamen Beschluss: Den Bau des Wanzleber Gymna- siums, das 1993 eingeweiht wurde. "Für Wanzleben war dies strukturbestimmend und der Kreistag hat damit ein Zeichen gesetzt. Alle gemeinsam haben damals entschieden, nicht unerhebliche finanzielle Mittel des Landkreises einzusetzen", schätzt Daehre heute ein. Um so mehr freut es ihn, dass "seine" letzte Kreistagssitzung im Wanzleber Gymnasium stattfand.

Aber Karl-Heinz Daehre hat sich eben vor allem als Minister einen Namen gemacht. Kreistagsvorsitzender und Minister - nein die Ämter haben sich nicht widersprochen, auch wenn es nicht immer einfach war, einen gemeinsamen Nenner zu finden, wie Daehre heute einschätzt. "Im September 1991 wurde ich Minister für Raumordnung, Städtebau und Wohnungswesen. Und damit lagen die Entscheidungen zur ersten Gebietsreform in Sachsen-Anhalt auf meinem Tisch. Das war für mich als Kreistagspräsident keine einfache Geschichte, auch wenn Wanzleben damals der Kreisstadtverlust mit zehn Millionen D-Mark `versüßt` wurde, das Schwimmbad gebaut werden konnte. Heute muss ich sagen, dass die erste Gebietsreform auch deshalb schwieriger war als die spätere Fusion der Landkreise Bördekreis und Ohrekreis, weil wir ja mit der Wende die kommunale Selbstverwaltung gerade erst eingeführt hatten und diese nun wieder verloren schien. Für die Stadt Wanzleben aber war es vor allem ein psychologisches Problem. Seit 1818 war Wanzleben Kreisstadt, eine Beamten- und Verwaltungsstadt - und dann der Kreisstadtverlust. Da war es gut, dass in das alte Kreisverwaltungsgebäude mit dem Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten(ALFF) eine Landesbehörde einzog", erinnert sich der Ex-Kreistagsvorsitzende.

"Sicher, zeitlich war es eine zusätzliche Belastung, Minister und Kreistagsmitglied zu sein. Doch die Arbeit im Kreistag war eine große Bereicherung. Die Sache war es einfach wert und dafür habe ich mir die zusätzliche Zeit gern ans Bein gebunden."

Als Minister mit Kreistagsmandat habe er immer den Bezug zur kommunalen Ebene gehabt und kannte die Probleme "da unten". So manche Kreistagssitzung war für den Minister auch eine Lehrstunde: Wie wirken die Gesetze des Landes? Wie reagiert die kommunale Ebene? Karl-Heinz Daehre musste auch mal zähneknirschend eine Petition gegen die Landesregierung hinnehmen.

"Sicher, zeitlich war es eine zusätzliche Belastung, Minister und Kreistagsmitglied zu sein. Doch die Arbeit im Kreistag war eine große Bereicherung. Die Sache war es einfach wert und dafür habe ich mir die zusätzliche Zeit gern ans Bein gebunden", blickt Karl-Heinz Daehre zurück.

Und wenn er sich heute in seinem Heimatort, in den Dörfern der Region umschaut, dann ist in den vergangenen Jahren in seinen Augen doch eine Menge passiert. Auch wenn die Konservenfabrik in Langenweddingen (OGEMA) nicht zu retten war, so sind doch mit der neuen Zucker- fabrik, der Kartoffelverarbeitung in Oschersleben (Stöver) oder allein im Industriegebiet Osterweddingen viele neue Arbeitsplätze auch im Einklang mit der Landwirtschaft entstanden. Auch die Veränderungen in der Infrastruktur mit dem Bau vieler neuer Straßen möchte Karl-Heinz Daehre als positives Fazit für sein Wirken in der Region nicht vergessen.

"Was ich nach 24 Jahren Kreistag voller Überzeugung sagen kann, ist der Fakt, dass es in 24 Jahren immer eine gute Zusammenarbeit zwischen den Fraktionen gegeben hat. Im Kreistag wurde Parteien übergreifend gearbeitet. Und vor allem in den Ausschüssen ist eine große Sacharbeit geleistet worden. Da steckt zwischen Gröningen und Oebisfelde viel ehrenamtliches Engagement dahinter", so Karl-Heinz Daehre. Daher richtet er eine Bitte an die Bevölkerung: Die Arbeit der Kreistagsmitglieder sollte eine größere Anerkennung finden, denn hier wird die Basisarbeit geleistet.

Einige Wegbegleiter möchte er nicht vergessen zu erwähnen: Dr. Ernst Isensee, der heutige Landrat Hans Walker, Torsten Schubert und auch Werner Ackermann sind jene Männer, die von der ersten Stunde an wie Karl-Heinz Daehre die Politik im Landkreis mitbestimmt haben.

Was möchte ein Ex-Minister und Ex-Kreistagsvorsitzender der nachfolgenden Politiker-Generation mit auf den Weg geben? "Bleiplatten für die Schuhe, damit sie die Bodenhaftung nicht verlieren, denn es gibt immer ein Leben nach der Politik. Man sollte immer bereit sein, auch andere an den positiven Dingen zu beteiligen."

Vom Garten aus möchte Karl-Heinz Daehre nun die nächste Generation "beobachten".