Motorräder sind gefährlich. Und erst die Fahrer - alles Rocker und Raser. Stimmt das? Um das herauszufinden und um dieses viel gepriesene Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit zu erleben, hat sich Journalistin Anett Roisch bei der Ausfahrt der Velsdorfer Freebiker selbst auf den Rücksitz eines Motorrades gewagt.

Velsdorf l Für die Velsdorfer Freebiker ist das Motorrad mehr als nur ein Verkehrsmittel. Für die zwölf motorradbegeisterten Männer ist es eine Mission, gemeinsam mit anderen Bikern Spaß zu haben. So organisieren sie seit neun Jahren Bikertreffen. Während ich noch das Problem habe, den Verschluss meines Sturzhelms zu schließen, haben die Veranstalter 301 Biker gezählt. Das ist Teilnehmerrekord. 283 war bisher die höchste Anzahl. Wegen des schlechten Wetters waren es zum Beispiel im vergangenen Jahr bei der Ausfahrt nur etwa 100 Motorradfahrer.

Doch nun scheint die Sonne. Hartmut Pflug, einer der coolen Typen in Lederkluft, erklärt sich spontan bereit, mich mitzunehmen. Extra wegen des Treffens ist der Hallenser nach Velsdorf gekommen. Gelesen hatte der Fahrer einer Honda Shadow die Einladung der Freebiker im Internet. Die weiteste Anreise mit 570 Kilometer hat ein Biker aus Trier. Über 370 Kilometer legte eine Ach-Mann-Gruppe aus Mühlheim an der Ruhr zurück, um beim Treffen dabei zu sein. "Wir kennen die Freebiker seit über zwei Jahren. Wir waren erst vor kurzem gemeinsam mit den Velsdorfern auf der Route 66 in den USA unterwegs", verrät Ralf Giezenaar. Das Besondere an den Freebikern seien das Menschliche und die enorme Gastfreundlichkeit.

Mario Staats betont, dass die Durchführung des Treffens nur mit der Unterstützung der Bikerfrauen möglich sei. Staats begrüßt in seiner lockeren Art die Gleichgesinnten zum Start der Ausfahrt. Während er noch den Streckenverlauf erklärt, finde ich einen Zugucker, der es schafft, den Verschluss meines Helms zu schließen. Schnell noch ein Startfoto und los geht das Abenteuer. Ich spüre sofort diese ungeheuere Kraft des PS-starken Gefährtes. Jetzt heißt es: "Festhalten!" Die Tour geht über Calvörde und Berenbrock. An den Straßen stehen Passanten, die verblüfft schauen oder fröhlich winken. In Elsebeck stehen die gesamte Familie Germer und alle Nachbarn vor dem Hof. Jetzt bin ich so mutig, halte mich nur noch mit einer Hand fest und winke zurück.

Der Reiz am Motorradfahren - im Unterschied zum Autofahren - ist sicherlich das Direkte. So wundert es mich nicht, dass das Motorrad oftmals zum Kult für seinen Fahrer wird. Ich genieße die Landschaft und den Rausch der Geschwindigkeit. Und ich merke, dass die Biker sehr behutsam bei der gemeinsamen Ausfahrt sind. Einige von ihnen tragen grelle Warnwesten und schirmen die tosende Karawane wie Schutzengel ab. "Das Fahren in der Kolonne erfordert allerhöchste Konzentration. Man darf nicht träumen. Ein Mal für eine Sekunde nicht aufgepasst und schon könnte es zum Crash kommen", weiß Dirk Müller-Mahrt aus Haldensleben. So passiert es dann auch. Eine Motorradfahrerin bremst zu stark, rutscht auf Rollsplitt weg, stürzt und verletzt sich. Für die Veranstalter ist so ein Unfall immer ein Anlass, der ihnen heftige Sorgenfalten in die Gesichter treibt.

Trotz des Unfalls wollen die Freebiker den anderen 300 Motorradfahrern nicht den Spaß verderben. Weiter geht die Tour. An den Straßenrändern sind überall riesige Plakate von Angela Merkel zu sehen. Ich denke, wenn ich heute meinen Sturzhelm absetze, sieht meine Frisur schlimmer als die unserer Bundeskanzlerin aus - egal. Über Sachau, Wernitz, Mieste, Gardelegen, Letzlingen, Haldensleben und Calvörde geht es zurück zum Festplatz. Obwohl ich mich nur festhalten musste und in alle Richtungen den Leuten zugewunken hatte, bin ich ziemlich geschafft. Es gelingt mir nicht, mit meinen kurzen Beinen elegant von dem 45 PS-starken Zweirad abzusteigen. Eine junge Frau flüstert mir schmunzelnd zu: "Das hat keiner gesehen."

Unter den alten Eichen bringen die Biker ihre glänzenden Lieblinge in Parkposition. Meine Knie hören langsam auf zu zittern. Mit Omas selbstgebranntem Pflaumenschnaps als Begrüßungsdrink geht es zum Kuchenbüfett. Es hat sich herumgesprochen, dass es in Velsdorf den besten selbstgebackenen Kuchen gibt. So haben die Damen 17 Kuchen gebacken. Eine Torte mit Bikerbild schenkt ein junger Bäckermeister zum Versüßen des Kaffees.

Auch viele Nichtbiker sind gekommen, um mit den "Königen der Landstraße" ins Gespräch zu kommen. Spiele wie das Huckeduck-Rennen gehören zum Programm. Die Alten Geier nehmen mit sieben weiteren Mannschaften die Herausforderung auf dem Parcours an. Mit einem Becher voller Wasser auf dem Kopf geht es mit dem Rollator über Stock und Stein. "Los, gib Gummi!", fordern die Zuschauer Matthias Hampel aus Calvörde auf, der mit den Brüdern Tim und Manuel Quatz aus Mannhausen siegt. Als Besitzer des lautesten "Ofens" wird Bernd Sulfrian von den Flechtinger Bikern gefeiert. Beim Galgensaufen gewinnen Doreen und Raini, der Vicepräsident der City-Rats aus Magdeburg. Claudia Klengler spuckt im Wettkampf ein echtes Schweineauge am weitesten. Bei den Männer schafft es Altmeister Jens Volkmann aus Altenhausen, das Schweineauge einige Meter weit über den Rasen zu spucken.

Trotz der Gaudi wünscht Mario Staats der verletzten Motorradfahrerin, die ins Krankenhaus kam, dass sie bald wieder gesund wird. "Zur Beobachtung muss sie heute Nacht im Krankenhaus bleiben", erklärt Staats. Inzwischen ist sie wieder zu Hause. Im nächsten Jahr möchte sie auf jeden Fall wieder zur Ausfahrt auf ihr Stahlross steigen.

   

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