Der Mauerfall jährt sich in diesem Jahr zum 25. Mal. Viele Menschen haben Erinnerungen an den Tag der Grenzöffnung. Gerade Menschen, die direkt an der Grenze lebten und leben, haben diesen Tag ganz besonders erlebt. So auch die Eilsleberin Ursel Wrobel.

Eilsleben/Helmstedt l In einem kleinen Siedlungshaus in der Bergstraße in Eilsleben, Kreis Wanzleben, ist eine schöne Kaffeetafel gedeckt. Käsekuchen und Kirschtorte, Milch und Kaffee. In der Mitte 12 Kerzen. Es ist der 10. November 1989 und der 12. Geburtstag von Tanja. Eine große Runde ist zu Gast, Freunde und Verwandte. Alle greifen kräftig zu.

Das Stimmengewirr hält aber Mutter Ursel nicht davon ab, immer wieder auf die Nachrichten aus dem Radio zu hören, was in dieser Zeit der friedlichen Revolution für die DDR-Bürger zu einem besonderen Bedürfnis geworden ist. Immer wieder gibt es interessante Neuigkeiten, die Politik des Landes betreffend. Am Abend vorher hieß es sogar, jeder könne ohne große Formalitäten auch in den Westen reisen.

Nach den Nachrichten um 18 Uhr hält es Ursel Wrobel, die hier mit Ehemann Günter und den Töchtern Tanja und Maren lebt, nicht mehr aus. Resolut bestimmt sie: "So, die Feier ist jetzt aus, ich fahre in den Westen. Günter, kommst du mit?" Aber Günter traut sich nicht.

Die Versicherungsangestellte startet den weiß-blauen Trabant und malt sich schon aus, wie sie die Verwandten in Roklum überraschen könnte. Es dunkelt schon, da erreicht sie allein die fünf Kilometer entfernte Autobahnauffahrt. "Mir blieb fast die Luft weg", erinnert sie sich heute, "denn die ganze Autobahn war eine Kette aus Lichtern, so etwas hatte ich noch nicht gesehen." Andere Autofahrer haben ein Einsehen und lassen Ursel mit ihrem Trabi sich einreihen. Es folgt ein Wechsel zwischen Stillstand und Schritttempo. Der luftgekühlte Zweitakter bekommt wegen Mangel an Fahrtwind bald "Atemnot" und qualmt mehr als sonst.

"Was ist eigentlich, wenn du drüben bist und dann sagt einer da oben, wir machen die Grenze wieder zu?"

Als Ursel Wrobel in die hell- erleuchteten Grenzkontrollanlagen von Marienborn einfährt, kommt die Angst in ihr hoch. "Was ist eigentlich, wenn du drüben bist und dann sagt einer da oben, wir machen die Grenze wieder zu?", denkt sie noch so, da kommt ein Uniformierter auf sie zu, den sie als einen ihrer Versicherungskunden erkennt. "Wo kann ich denn hier wieder umdrehen", fragt sie ihn, und er antwortete: "Gar nicht, hier geht es nur noch geradeaus!"

Sie fährt weiter und wird nach einigen Metern von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt. "Da war so eine Freude und Euphorie zu spüren, alle Angst verflog, und ich musste in dem Moment an meinen Großvater denken, der oft von Pirmasens nach Schöningen und zum Heeseberg fuhr, um von dort Aussicht nach seinem Heimatdorf Wackersleben zu halten. Er konnte diesen Augenblick leider nicht mehr erleben, dabei hatte er sich ihn immer gewünscht. In mir kam ein Gefühl hoch, das ich einfach nicht beschreiben kann", berichtet Ursel Wrobel.

Der erste Bundesbürger, den sie nach der Grenzpassage trifft, klopft ihr durchs offene Autofenster auf die Schulter und sagt: "Mutter, dass du hier bist, hast du gut gemacht. Wo willst du denn hin, bleib doch hier." "Ach, ich will nur mal gucken", antwortet sie und fährt weiter nach Helmstedt.

"Auf der Autobahn traf ich dann noch Studenten, die wollten per Anhalter nach Berlin und sich einen Stein von der Mauer holen"

Von der Grenze bis in die Stadt braucht sie noch eine Stunde. "Auf allen Straßen war Jubel, Trubel, Heiterkeit, alles hell erleuchtet, ich war plötzlich in einer anderen Welt", erinnert sie sich heute und bekommt feuchte Augen. Als sie nachts um 2.30 Uhr in der Stadt eintrifft, wird ihr klar, dass um diese Zeit eine Weiterfahrt nach Roklum zur Verwandtschaft keinen Sinn hat.

Sie bleibt in Helmstedt, kurvt ziellos durch die Stadt, die größer ist, als sie dachte, und macht sich auf den Heimweg. Wieder muss sie sich auf der Autobahn einreihen, denn auch in Richtung Osten geht es nur im Schneckentempo voran.

"Es war ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte, und es ist eigentlich schade, dass viele es nicht hatten."

"Auf der Autobahn traf ich dann noch Studenten, die wollten per Anhalter nach Berlin und sich einen Stein von der Mauer holen. Sie klopften aufs Dach meines Trabis, fragten, ob sie ein Stück mitfahren könnten. Zu zweit saßen sie auf dem Beifahrersitz und fanden es irre, in einem Trabant zu sein. Als sie wieder ausstiegen, ließen sie für mich auf dem Rücksitz noch Sekt, Wein und Bier zurück", schildert Ursel Wrobel ihre Rückfahrt. Als sie zu Hause ankommt, sitzt ihre Familie am Frühstückstisch.

Zurückblickend auf das Ereignis vor 25 Jahren sagt sie heute noch: "Es war ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte, und es ist eigentlich schade, dass viele es nicht hatten. Sicher auch aus Angst, weil man ja nicht wissen konnte, wie es weiter geht. Vielleicht sogar ausgesperrt bleibt."