Weferlingen l Sichtlich entspannt sitzt Ingeborg Erber auf einer Bank und wartet darauf, dass sie ihr Zimmer für die Nacht beziehen kann. Die brütende Hitze macht ihr zu schaffen und sie freut sich auf die Dusche und ein Bett. Den Luxus leistet sie sich. Auch wenn sie Tag für Tag mit ihrem Rucksack auf dem Rücken unterwegs ist, im Zelt schlafen, das möchte sie eigentlich nicht. Sie hat zwar für den Notfall einen Schlafsack mit, gebraucht hat sie den aber bisher erst zweimal.

Mit Radwanderkarte und Wanderbuch über die ehemalige Grenze ist sie seit dem 4. Juli unterwegs. Da immer den richtigen Weg zu finden, ist nicht ganz einfach. "Ich habe mich ein paarmal verlaufen. Da war ich auf einem Plattenweg unterwegs, und dann endet der im Nichts und ich muss wieder zurück", erzählt sie im schönsten Österreichisch. Deshalb versucht sie auch immer wieder, unterwegs aktuelle Karten zu bekommen. Ganz einfach ist das nicht.

Inspiriert durch Dokumentation über ehemalige Grenze


Wenn sie den nächsten Tag plant, sucht sie zunächst eine Pension für die nächste Nacht. "Ich hatte es schon mehrmals, dass die Angaben auf den Karten nicht mehr stimmen und die Pensionen geschlossen waren, dann muss ich mich durchfragen", erzählt die Wanderin. Sie ist mit einfachem Handy unterwegs, keins mit dem sie ins Internet kann. Das möchte sie auch gar nicht. Meist einmal in der Woche sucht sie nach einem Internetcafé, um ihre E-Mails durchzusehen. Aber auch davon gibt es nicht viel, wahrscheinlich, weil heute alles per Handy zu machen ist, meint sie. Das hatten ihr ihre Töchter schon prophezeit.

Ihre Töchter haben auch versprochen, sie auf ihrer Tour mal zu besuchen. "Dann werden wir ein paar Tage in einer Stadt bleiben", erzählt die 45-Jährige. Obwohl beide schon aus dem Haus sind, war es für sie nicht so ganz einfach zu verstehen, was ihre Mutter bewogen hat, monatelang an der früheren innerdeutschen Grenze entlangzuwandern. Aber sie haben es akzeptiert wie auch ihr Mann, der nicht so viel Urlaub hat, dass er mitgehen könnte.

"Vor 25 Jahren, als die Grenze aufgegangen ist, war gerade meine älteste Tochter geboren, und ich habe mich so gefreut für die Menschen", erzählt Ingeborg Erber. Vor einiger Zeit hat sie im Fernsehen eine Dokumentation über das "Grüne Band" gesehen. Und die Natur hat sie begeistert. Das wollte sie unbedingt sehen. Daher begann sie zu planen.

Ingeborg Erber sucht Gespräche mit Einheimischen


Ingeborg Erber, die als Behindertenbetreuerin arbeitet, hat ein halbes Jahr Berufspause eingelegt und sich dann auf den Weg gemacht. Gestartet ist sie in Travemünde. 20bis 30Kilometer legt sie am Tag zurück. "Das richtet sich auch ein bisschen nach den Quartieren", erzählt sie. Jetzt bei der Hitze sind es eher weniger als 20Kilometer. "Ich breche immer gegen 6Uhr auf, dann geht es noch." Wie schwer ihr Gepäck ist, weiß sie nicht, sie hat es nicht gewogen.

Unterwegs will sie natürlich auch etwas sehen. Manches scheitert an den Öffnungszeiten. In Weferlingen hatte sie Glück, sie konnte am Sonntagnachmittag den Grauen Hermann, den Aussichtsturm, hinaufsteigen und in die Runde gucken. Auch die St.-Lamberti-Kirche war geöffnet. Von Weferlingen aus ist sie gestern nach Helmstedt aufgebrochen. Ob durch den Wald oder an der Straße entlang, darüber hat sie am Sonntagabend noch gegrübelt. In Helmstedt will sie zwei Tage bleiben und sich richtig umsehen. Das Zonengrenzmuseum wird sie besuchen und dann, wenn sie weitergeht, sich auch in Hötensleben die alten Grenzanlagen ansehen. Dafür sind ihr die Gespräche mit den Einheimischen wichtig.

Auf der Tour von Oebisfelde nach Weferlingen war sie auf dem Allerradweg gewandert. "Da sind die großen Äcker am Weg. Und sie haben angefangen zu dreschen. Das ist ganz arg, da denkt man, der Weg nimmt kein Ende", blickt sie zurück. Sie hat aber auch viele reife Früchte am Wegesrand entdeckt. Die ersten Birnen, Brombeeren und sogar Renekloden.

Bei der Hitze waren leider auch wenig Menschen draußen im Garten oder auf der Straße. "Wenn ich Ältere treffe, die haben viel zu erzählen, wie sie gelebt haben. Ich kann mir das nicht richtig vorstellen, wie es hier war, ob ich das ausgehalten hätte." Inzwischen hat sie schon eine ganze Menge erfahren. Beeindruckt hat sie zum Beispiel das Grenzlandmuseum in Schnackenburg. "In den Museen sind oft Leute, die viel zu sagen haben, die das alles selbst erlebt haben", versichert sie. Die Gespräche helfen ihr viel zu verstehen.

Meist ist von der Grenze gar nichts mehr zu sehen, hat sie festgestellt. Da ist sie auf aktuelle Karten und auf die Unterstützung in den Orten angewiesen. "Die Menschen sind sehr hilfsbereit und freundlich", hatte sie festgestellt. "Das hätte ich nicht geglaubt. Ich dachte, sie sind alle zurückgezogener." Als sie in Weferlingen ankam, hat sie Familie Bernstorff, die am Ortsrand wohnt und gerade im Garten war, als sie vorbeikam und nach jemand suchte, den sie fragen konnte, reingebeten und ihr was zu trinken angeboten. Solche glücklichen Momente gibt es öfter. "Aber es gibt auch Orte, die sind so verlassen, da bellen nur die Hunde", schildert sie ihre Erlebnisse.

Der Brocken markiert die halbe Wegstrecke


Manchmal hat sie schon daran gedacht, sich ein Fahrrad zu kaufen, aber sie wandert einfach gern. In ihrer österreichischen Heimat ist sie auch an den Wochenenden viel auf Schusters Rappen unterwegs. "Da ist es nur hügeliger", sagt sie lachend, "aber so langsam geht es jetzt hier auch los." Sie freut sich schon auf den Brocken. Dann hat sie auch die Hälfte geschafft. Ende Oktober will sie die tschechische Grenze erreichen.

Aufzugeben, daran hat sie bisher noch nicht gedacht. Möglich wäre es immerhin. "Es ist ein großes Abenteuer", gibt sie zu. "Es gibt so einen Punkt im Leben, da muss man es wissen. Und man muss immer weiter gehen, aber nicht nach Hause."

Jeden Tag notiert sie die Touren und führt auch ein bisschen Tagebuch. Mit dem Fahrrad liebäugelt sie immer noch. "Es wäre schön, wenn man sich ein Fahrrad ausleihen und es nach 100 Kilometern wieder zurückgeben könnte", wünscht sie sich. Aber sie wird wohl bei ihren Wanderstöcken bleiben.