Einmal quer durch Mitteleuropa und zurück: Im Ersten Weltkrieg kämpfte Gustav Ernst Todtenhaupt aus Ostpreußen an den Fronten in Ost und West. Sein Sohn Gustav Adolf Todtenhaupt, der nach der Flucht aus Ostpreußen im Zweiten Weltkrieg in Haldensleben eine neue Heimat gefunden hat, erinnert sich an die Kriegserlebnisse seines Vaters.

Haldensleben l Ein langer Zettel, 100 Jahre alt und eng beschrieben in Sütterlin zählt die 49 Kampfhandlungen auf, an denen der Soldat Gustav Ernst Todtenhaupt im Ersten Weltkrieg teilgenommen hat. Sein Sohn Gustav Adolf hütet den Zettel wie seinen Augapfel. Denn er gehört zu den wenigen Erinnerungsstücken an seinen Vater, die seine Familie auf der Flucht vor der Roten Armee im Winter 1944/45 aus Ostpreußen retten konnte.

Gustav Ernst Todtenhaupt wurde am 19. September 1882 in Lauth - heute Bolschoje Issakowo - geboren, einem kleinen Dorf bei Königsberg (Kaliningrad). Mit gerade einmal 18 Jahren leistete er von 1900 bis 1903 seinen Wehrdienst in der 4. Eskadron beim "Regiment des Gardes du Corps" in Altengrabow. "Das war das Aushängeschild des Kaiser", weiß Gustav Adolf Todtenhaupt über das Kürassierregiment in der Garde-Kavallerie der Preußischen Armee.

Ein 100-prozentiger Preuße in Bayern

Als "100-prozentiger Preuße" sei sein Vater mit Beginn des Ersten Weltkriegs nach München eingezogen worden. Dort diente er in der Munitionskolonne der 3. Batterie des Fuß-Artillerie-Bataillons Nr. 43. "Sein erstes Gefecht erlebte mein Vater am 21. und 22. August bei Auvelais in Belgien", zeigt Todtenhaupt auf den Zettel. Viele Ortsnamen und Datumsangaben stehen darauf und machen deutlich, dass Gustav Ernst Todtenhaupt sowohl im Westen als auch im Osten kämpfte. Laut seinen Aufzeichnungen kämpfte er vom 18. bis 24. August 1915 bei Brest-Litowsk in Weißrussland, erlebte vom 3. März bis 4. Juli 1916 die Schlacht um Verdun gegen die Franzosen mit. Seine letzten Eintragungen sind die Verfolgungskämpfe vom 25. bis 31. März 1918 bei Noyon-Montdidier nördlich von Paris.

Zwölf Tage später wurde Gustav Ernst Todtenhaupt verwundet - und hatte dabei Glück im Unglück. "Das hat meinem Vater das Leben gerettet", pocht Gustav Adolf Todtenhaupt auf das Soldbuch: Es hat ein Loch. "Das war am 12. April. Plötzlich gab es Fliegeralarm. Mein Vater lag in einem Zelt auf einer Liege. Vor ihm stand ein Stuhl, darüber hatte er seine Jacke gehängt. Als eine Bombe explodierte, traf ein Splitter die Jacke, wurde vom Soldbuch abgelenkt und verwundete meinen Vater am kleinen Zeh", erzählt Todtenhaupt. Der vorgesetzte Leutnant seines Vaters hätte weniger Glück gehabt. "Der war bei dem Fliegeralarm rausgelaufen, um zu sehen, was da los sei. Er wurde von der Bombe zerrissen."

Als Landwirt auf Ernteurlaub mitten im Krieg

Für seinen Vater war der Krieg damit schon fast beendet. "Er kam in die Krankenhaussammelstelle nach Hannover und anschließend nach Hause. Als Landwirt wurde er zu Kriegszeiten auf Ernteurlaub geschickt. Das war vom Kaiser so gewollt", erklärt sein Sohn. Ab dem 13. Juli 1918 war Gustav Ernst Todtenhaupt dann wieder Zivilist.

Nur wenig Erinnerungsstücke hat Gustav Adolf Todtenhaupt an seinen Vater. Was die Flucht aus Ostpreußen überstand, sind neben jenem Zettel der Wehrpass, das Soldbuch und verschiedene Auszeichnungen. "Am 6. April 1916 bekam mein Vater den Militärverdienstorden 2. Klasse mit Schwertern vom Bayerischen König verliehen - als Preuße", sagt Todtenhaupt mit einem Schmunzeln und zeigt als Beweis die Urkunde mit königlichem Stempel.

Gustav Ernst Todtenhaupt musste nie wieder in einen Krieg ziehen und kämpfen. Gleichwohl haben er und seine Familie das Grauen im Zweiten Weltkrieg miterlebt, wenn auch nur als Zivilisten. Die Flucht vor der Roten Armee verschlug ihn nach Egeln, wo die Familie nach zweimonatiger Odyssee am 8. März 1945 ankam. Dort starb Gustav Ernst Todtenhaupt auch 1962 im Alter von 79 Jahren.