Haldensleben l Mit der vom Landesverwaltungsamt (LVA) zum 31. Dezember 2014 geplanten Schließung der AWO-Schwangerschafts- und Sexualberatungsstelle in Haldensleben (Volksstimme berichtete) hat sich der Sozialausschuss des Stadtrats beschäftigt. Noch gebe es keine Reaktionen aus dem Landes-Sozialministerium auf einen Brief von Bürgermeister Norbert Eichler, teilte Stadt-Dezernent Henning Konrad Otto mit. Eichler hatte sich, wie auch Landrat Hans Walker, an Sozialminister Norbert Bischoff gewandt mit der Bitte, die Schließung der Einrichtung noch einmal zu überdenken beziehungsweise die Beratungsstelle in Haldensleben zu erhalten.

Laut Beratungsstellenleiterin Heimtraut Bergmann gibt es im Land Sachsen-Anhalt aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Quote von einer Beratungsstelle auf 40000 Einwohner neun Berater zu viel. Das Land müsse also streichen. Den Grund, weshalb es die Haldensleber Beratungsstelle trifft, vermutet sie in einer Rankingliste des LVA. "Dort sind wir nach hinten gerutscht, weil wir in Haldensleben derzeit keine integrative Beratung anbieten können", sagte sie. Doch ein solches Angebot, das neben der reinen Schwangerschaftskonfliktberatung den Betroffenen auch Auskünfte zu Mutterschutz, Kindergeld, Unterhalt und gesetzlichen finanziellen und sozialen Hilfeleistungen bietet, sollte es laut Otto spätestens ab Anfang 2015 im neuen Mehrgenerationenhaus EHFA geben. Doch mit den Schließungsplänen ist das LVA dem Umzug der Schwangerschaftsberatungsstelle ins EHFA zuvor gekommen.

"Schon seit gut drei Jahren wird im Land über die Schließung von Beratungsstellen gesprochen", weiß Stadtrat Michael Reiser (FUWG). Als stellvertretender Vorsitzender des Paritätischen kenne er die Problematik nur allzu gut. "Ein Zurückrudern wird es nicht geben, das Land steht unter Druck. Wir sollten uns darauf einstellen, dass die Haldensleber Stelle geschlossen wird", macht er wenig Hoffnung.

Was jedoch weder die Ausschussmitglieder noch Heimtraut Bergmann verstehen, ist die Diskrepanz bei der Anzahl der Beratungsstellen in den einzelnen Landkreisen und kreisfreien Städten. Laut Sicherstellungsplan des Landesverwaltungsamtes (LVA) für 2015 soll neben dem Landkreis Börde (236662 Hektar groß, rund 170000 Einwohner) nur noch der Saalekreis (143343Hektar, 180000 Einwohner) über ebenfalls eine Beratungsstelle - in Merseburg - verfügen. Allerdings tummeln sich im von Merseburg gerade einmal 18 Kilometer entfernten Halle gleich sechs solcher Einrichtungen. Alle andere Landkreise werden auch künftig mindestens zwei Beratungsstellen haben. Für die Landkreise Anhalt-Bitterfeld (145342 Hektar, 140000Einwohner) sowie für den Landkreis Harz (210448Hektar, 222000 Einwohner) sind sogar jeweils vier Beratungsstellen festgeschrieben.

Gegen die Entscheidung des LVA hat die Arbeiterwohlfahrt als Träger der Haldensleber Beratungsstelle bereits Klage eingereicht. "Auch wir haben den Willen zu helfen, aber Sie sehen uns ratlos", meint Ausschussvorsitzender Klaus Czernitzki (Die Linke) resigniert zu Heimtraut Bergmann. "Auch ich sehe nur den juristischen Weg."

Ganz so einfach mag hingegen Peter Koch (SPD) nicht aufgeben. "Hier muss der Protest der Bürger deutlich werden", sagt er kämpferisch. "Ich kann nicht einsehen, dass der Teil, der bislang in Haldensleben betreut wurde, nun nach Oschersleben muss. Da hört die Freundschaft auf!" Zumal der weitere Weg nicht nur mehr Zeit, sondern auch eine finanzielle Mehrbelastung für die Frauen mit sich bringen würde. "Und viele von ihnen sind schon auf finanzielle Unterstützung angewiesen, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln überhaupt nach Haldensleben zu kommen", kennt Heimtraut Bergmann ihr Klientel.

"Stadt und Kreis haben getan, was sie konnten. Jetzt müsste das Ganze wirklich über eine Protestaktion auf den Punkt gebracht werden", sieht auch Otto nur noch diese Möglichkeit. Der Idee Czernitzkis, mit einer Unterschriftenaktion für den Erhalt der Haldensleber Beratungsstelle zu kämpfen, steht der Ausschuss offen gegenüber und sichert seine Unterstützung zu. Auch über den Facebook-Auftritt der Stadt Haldensleben könne die Protestaktion unterstützt werden, bietet Dezernent Otto Hilfe an.