Haldensleben (tj) l Den Besuchern des Haldensleber Museums wird ab dem 7. November der Erste Weltkrieg auf ganz besondere Art und Weise nahe gebracht. Die Ausstellung zeigt in Wort und Bild, wie die Einwohner von Haldensleben den Krieg erlebten. Veranschaulicht werden die Ereignisse anhand eines Tagebuches von einem Haldensleber Schulmädchen namens Frieda. Frieda war zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns 14 Jahre alt und hat ihre Beobachtungen in einem Tagebuch niedergeschrieben.

Frieda gab es nicht wirklich. Ihre fiktiven Eltern allerdings schon. Paul Herzberg (1865-1934) war Direktor der Lehranstalt für praktische Landwirte und Dora Herzberg (1877-1934) eine engagierte Frauenrechtlerin. In der Realität hatte das Ehepaar allerdings keine eigenen Kinder. Dafür aber Mitstreiter, Bekannte und Zeitgenossen, wie den Bäckermeister Karl Stuhlmann (1878-1950), den jüdischen Kaufmann Eugen Frohhausen (1878-1942), den Kunstmaler Heinrich Uffrecht (1878-1954) oder den Gymnasiallehrer und Museumsleiter Hans Wieprecht (1882-1966).

Wirklichkeit war auch der Erste Weltkrieg, der vor 100 Jahren seinen Anfang nahm. 1914 zogen deutsche Soldaten nach Osten und Westen, um Tod und Elend bis nach Frankreich und Russland zu bringen. Im Süden kämpften die Österreicher und andere Verbündete gegen die Balkanvölker. Deutsche Kriegsschiffe kreuzten auf den entferntesten Weltmeeren und deutsche Flugzeuge entluden ihre Bombenlast über London. Als der Krieg 1918 endete, hatten Millionen Menschen ihr Leben verloren und die Weltordnung war aus den Fugen geraten. Zu Recht halten heute Dokumentationen in den Medien und Ausstellungen in Museen die Erinnerung an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts wach.

Die jetzige Sonderausstellung im Museum Haldensleben führt allerdings nicht zu den Kriegsschauplätzen, sondern berichtet von der Heimatfront in Haldensleben. Zwar sind Frieda und ihr Tagebuch Erfindungen der Ausstellungs- macher, doch die einzelnen Eintragungen standen wörtlich oder sinngemäß im Lokalteil der Tageszeitung "Wochenblatt". Das Datum vor den einzelnen Eintragungen gibt daher den Erscheinungstag der jeweiligen Zeitung an.

Von den Zeitungsnachrichten bei Frieda und ihrem Bruder Fritz verursachte menschliche Regungen sind wiederum frei erfunden und durch einen anderen Schrifttyp in der Ausstellung kenntlich gemacht.

Die vorwiegend aus der eigenen Museumssammlung stammenden Exponate wurden durch Leihgaben des Kulturhistorischen Museums Magdeburg und des Stadtmuseums Brandenburg sowie des Freundeskreises Zinnfiguren Magdeburg und einiger Privatpersonen ergänzt.

Die Volksstimme veröffentlicht die Tagebuchtexte von Frieda in den kommenden Monaten jeweils tagesaktuell, 100 Jahre später.

6. August 1914

Seit der Mobilmachung unseres Heeres am 1. August herrscht auch in Haldensleben eine begeisterte Aufbruchstimmung. Hedwig Ittner aus der obersten Klasse der Mädchen-Volksschule spricht uns allen mit ihrem im heutigen Wochenblatt abgedruckten Aufruf aus dem Herzen:

Auf, deutsches Volk, auf, zu den Waffen,

Es gilt die Freiheit und das Vaterland;

Für Ruhm und Ehre gilt es jetzt zu schaffen,

Auf, deutsches Volk, das Schwert nun in die Hand!

Nicht wanken wollen wir, nicht zagen,

Vertrauen nur auf Gott allein,

Er mög´ uns schirmen in Gefahren

Und möge uns den Sieg verleih´n.

Daß später wir als Helden kehren

In unser Vaterland zurück

Und dann mit Weib und Kindern ehren

Den Gott, der uns verlieh das Glück!

11. August 1914

Seit Tagen wird hier in der Stadt das 3. Bataillon des Reserve-Infanterie-Regiments 72 zusammengestellt. Darunter sind auch Freiwillige aus Haldensleben und Umgebung. Papa wäre auch gern mitgezogen, doch ist er dafür schon zu alt. Fritz ist natürlich noch zu jung, doch verbringt er seine ganze Freizeit bei der Mobilmachung auf dem Marienkirchplatz. Dort sieht man ihn fast nur noch mit Pickelhaube. Beim Abschiedsgottesdienst gestern auf dem Marktplatz war diese Kopfbedeckung allerdings unseren zukünftigen Helden vorbehalten.

Umgeben von vielen Hunderten für sie betender Freunde hatten die Krieger inmitten des Platzes Aufstellung genommen, in drei Pulsen erklang der Glocken eherner Mund und dann stimmte die Kapelle das Lutherlied an. Seine anfeuernde Kraft und befreiende Größe ward einem in dieser Feierstunde erst völlig klar: "Und wenn die Welt voll Teufel wär, es muß uns doch gelingen!", denn "ein´ feste Burg ist unser Gott!"

Mit weithin deutlich vernehmbarer Stimme legte die Predigt des Herrn Superintendent Graßmann trostvoll und mahnend den zu schwerem Dienste Hinausziehenden nahe (5. Mose 31, 6): "Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht, und lasset euch nicht vor ihnen grauen; denn der Herr, dein Gott wird selber mit dir wandeln und wird die Hand nicht abtun, noch dich verlassen." - Die Rede, die sich bei aller Innigkeit freihielt von Weichheit, die das Gebot der Manneszucht betonte, die die gewisse Hoffnung: Gott ist mit uns! überzeugend aussprach, muß in jedes Soldaten Herz ein Echo gefunden haben, wie sie der Zurückbleibenden Seelen erquickt hat. "Fahrt wohl, fahrt wohl im Herrn, er sei euch nimmer fern, Vergeßt uns nicht in seinem Licht und wenn ihr sucht sein Angesicht", so sang die Gemeinde ihnen zu und dann richtete Major Jenke eine Ansprache an seine Truppen, in seine Worte auch den Dank an die "gute Stadt Neuhaldens- leben" einflechtend. Ein Hurra für den obersten Kriegsherrn unsern Kaiser schloß, brausend widerhallend, seine Worte. "Die Wacht am Rhein" einte dann Krieger und zurückbleibende Bürger zum letzten gemeinsamen Gesang vor dem Ausmarsch und beendete mit vaterländischem Ausklang die Feierstunde, die jedem bleibenden Trost gegeben haben dürfte.

Im Laufe des Tages trafen die Angehörigen der Krieger, alte Mütterchen, Frauen und Kinder, in großer Zahl hier ein, um mit den Kriegern, die in wenigen Stunden hinausziehen sollten ins Feld, noch einige Stunden des Beisammenseins zu verleben. So bot denn unsere Stadt ein recht buntbewegtes, eigenartiges Bild, dem natürlich der soldatische Frohsinn nicht fehlte, die lieben bekannten Soldatenlieder ertönten von vielen Seiten. Am Abend in der 12. Stunde rief die Krieger die Pflicht, die Abschiedsstunde nahte. Unsere Bevölkerung gab ihren 72ern das Geleit bis zum Bahnhofe, hinüber und herüber flogen beim Abmarsch die kurzen Grüße und Wünsche "Auf gesundes Wiedersehen", "Dank den Bürgern von Neuhaldensleben für die gute Verpflegung". So verließ das Bataillon, dessen Angehörige meist aus unserer Stadt und ihrer näheren Umgebung stammen und mit der Bürgerschaft während der Tage der Einquartierung manch feste Freundschaftsbande geschlossen, unter den heißen Segenswünschen einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge unsere Stadt.

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