Wenn jemand eine Reise tut, da kann er was erzählen. Wolfgang Meyer aus Samswegen könnte allein über seinen letzten Trip einen dicken und spannenden Fortsetzungsroman schreiben. Der 64-Jährige war in diesem Sommer 5454 Kilometer quer durch Skandinavien unterwegs - allein mit dem Fahrrad.

Samswegen l Langsam geht die Urlaubszeit zu Ende. Viele Fotos oder Videos halten die Erinnerung an wunderschöne Erlebnisse fest. Wolfgang Meyer aus Samswegen besitzt einen großen Stapel professionell gestalteter Reisebücher. Darin hat seine Frau Roswitha festgehalten, wohin es ihren umtriebigen Ehemann in den vergangenen Jahren gezogen hat.

Mit Gerald Günzl aus Lindhorst, mit dem er vor der Wende im Kalibetrieb Zielitz gearbeitet hat, war er zum Beispiel mit einem Jeep in Namibia, mit seinem Sohn Jens auf Safari in Südafrika und mit dem Bus in Tansania unterwegs. Zu seinen ungewöhnlichen Reisen gehört auch die Besteigung des Kilimandscharos. Außerdem fährt er regelmäßig zum Tauchen oder unternimmt ausgedehnte Radtouren. Im Vorjahr radelte er von Lübeck nach Ahlbeck, da holte er sich einen kleinen Vorgeschmack auf sein jüngstes Abenteuer: Allein mit dem Fahrrad quer durch Skandinavien, 5454 Kilometer von einem Zeltplatz zum anderen.

"Das alles sind keine Erholungsreisen - und dafür einen Partner zu finden, der das alles auf sich nimmt, über die notwendige Kondition verfügt und die gleichen Interessen hat, ist schwer", erklärt Wolfgang Meyer, warum er oft in der großen weiten Welt allein unterwegs ist - in diesem Jahr vom 31. Mai bis zum 8. August. Was er in dieser Zeit gesehen und erlebt hat, würde für einen spannenden Roman reichen.

Vorbereitung auf die Reise hat ein ganzes Jahr gedauert

Ein ganzes Jahr hat er sich darauf vorbereitet. Dazu gehörte neben Konditionstraining, die Festlegung der Route und die umsichtige Auswahl des 45 Kilogramm schweren Gepäcks, das in einem selbstgebauten Anhänger - eine Extraanfertigung für sein Fahrrad - Platz fand. Das war zwar teuer, hat sich aber gelohnt. "Ich bin täglich zwischen 51 und 166 Kilometer geradelt, auf einsamen, glatten Straßen mit wenig Verkehr, aber auch über holprige Wege durch dichte Wälder. Insgesamt habe ich 52 Tunnel passiert, Steigungen von bis zu 12 Prozent bezwungen und das Rad auf der ganzen Strecke nur wenige Kilometer geschoben. Pannen hatte ich kaum", erzählt Meyer stolz.

Gestartet war Wolfgang Meyer mit der Fähre von Rostock nach Trelleborg. Die Route ging durch Schweden, eine kurze Strecke durch Finnland, dann in Norwegen bis zum Nordkap und zurück an der norwegischen Küste über die Lofoten bis nach Oslo. "Die Natur ist überall in Skandinavien schön, aber atemberaubend ist es im hohen Norden. Das muss man gesehen haben, das kann man kaum beschreiben."

800 Fotos hat Meyer während der Zeit gemacht und jeden Tag Tagebuch geführt. Nur zweimal hat er nicht in seinem Zelt geschlafen, sondern sich eine kleine Hütte gemietet. Aber nur, weil er trotz wasserdichter Kleidung vom Regen klatschnass war und die Sachen trocknen musste. Er hat Wind und Wetter getrotzt, bei Minusgraden gefroren und bei über 30 Grad Celsius geschwitzt. Nein, sagt er, nicht alles hätte Spaß gemacht und kleine Blessuren habe er sich auch zugezogen, aber nie ans Aufgeben gedacht. "Ich bin schon sehr ehrgeizig, weiß aber genau, was ich mir zutrauen kann. Trotzdem: Mehr als einmal habe ich den eigenen Schweinehund überwinden müssen!" Ernährt hat er sich hauptsächlich von Käse, Brot, Fisch und Gemüse, sich nur ganz selten mit einem Stück Schokolade belohnt.

Schon bei der Reiseplanung hatte Meyer darauf geachtet, dass er innerhalb von zwei Tagen Einkaufsmöglichkeiten findet. Den Proviant hat er immer für zwei Tage gekauft und sich auf seinem kleinen Kocher in freier Natur oder auf dem Zeltplatz eine warme Mahlzeit bereitet, meist einen Eintopf aus Reis oder Couscous. Essen gehen in eine Gaststätte? Fehlanzeige!

Getrunken hat er Wasser aus Flüssen, Seen oder Gletschern. Lebensmittel sind in Skandinavien sehr teuer, erzählt Meyer, 500 Gramm Brot kosten 4,80 Euro, ein Stück Butter 4,20 Euro. Insgesamt hat er für Lebensmittel, Übernachtung, Gebühren, Kosten für die Fähre und Ersatzteile rund 4000 Euro ausgegeben.

Manchmal ist er stundenlang geradelt, ohne auch nur einem Auto zu begegnen. Dafür gab es reichlich Mücken, gegen die auch herkömmliches Mückenschutzmittel nichts ausrichten konnte. Er musste sich ein schwedisches Mittel kaufen, das fürchterlich gestunken habe. Gute Dienste hat ihm dagegen die eingepackte Salbe gegen Muskel- und Sehnenschmerzen geleistet und im hohen Norden, wo es nicht dunkel wird, in der Nacht eine Schlafmaske.

Wunderbare Begegnungen mit anderen Reisenden

Auch wenn er während der Zeit acht Kilogramm abgenommen hat, fühlt sich Wolfgang Meyer nach seiner Reise gestärkt an Körper und Geist. Dazu haben neben den Naturerlebnissen auch Begegnungen mit vielen interessanten Menschen beigetragen. So wurde er von einem holländischen Ehepaar, das mit dem Wohnmobil unterwegs war, zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Er beobachtete auf den Lofoten einen Angler, der in einer Stunde 17 Dorsche aus dem Meer holte und gleich wieder hineinwarf. Als er nach dem Warum fragte, bekam er die verblüffende Antwort: "Ich kann jeden Tag angeln, aber doch nicht jeden Tag Fisch essen." Er hat Schweizer getroffen, die seit einem Jahr mit dem Rad unterwegs und fast 16 000 Kilometer gefahren sind. Oder ein Ehepaar aus Kanada, das 2012 gestartet und noch mit dem Rad bis nach Südafrika will. Ins Gespräch - er verständigt sich auf Englisch - kam Wolfgang Meyer auch mit einem jungen Mann, der Skandinavien erwandert und schon sechs Monate unterwegs ist. Oder ein Holländer, der sich seine Radtour finanziert, indem er immer mal einen Job annimmt und einen Schweden, der mit einem verkleideten Liegefahrrad die ganze Welt erkundet und auch an Rennen teilnimmt. Außerdem hatte er auch Kontakt mit Einheimischen, die ihm meist begeistert auf die Schulter geklopft haben. Einmal hat er sich auch spontan einer Walsafarie angeschlossen.

Der nächste Plan: Wasserleitungen in Afrika

"Ich hätte auch täglich mehr fahren können, aber mir war wichtig, viel von Land und Leuten zu sehen und mich mit Gleichgesinnten zu unterhalten", sagt der Samsweger, der ständig in Kontakt mit seiner Frau war. Mit seiner Roswitha macht er übrigens auch "richtigen Urlaub", meist geht es mehrere Wochen zum Jahresende in Länder, wo es warm ist und er tauchen kann.

In der Zeit grübelt er aber auch schon wieder über neue, aufregendere Unternehmungen nach. "So lange ich kann, will ich noch was sehen von der Welt. Ich habe immer das Gefühl, was zu verpassen, wenn ich das nicht mache. Naja, ein bisschen Abenteuerlust und Draufgängertum ist vielleicht auch im Spiel."

Wolfgang Meyer, der nach der Wende eine Firma für Maschinen- und Anlagenmontage gründete und die bis vor zwei Jahren mit sechs Angestellten erfolgreich führte, hält nichts von Kreuzfahrten, teuren Klamotten oder dicken Autos. "Das brauche ich alles nicht. Wichtiger ist mir, die Welt auf meine Weise kennenzulernen, an meine Grenzen zu gehen und sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen." Und so plant er für das nächste Jahr eine Reise bis Südafrika, will unterwegs arbeiten - vielleicht Wasserleitungen bauen oder reparieren, was mit Tieren machen. Ob ihm das gelingt? Er hat ein paar Zweifel, noch ist nicht alles 100prozentig geplant - "aber wäre die Welt ohne Träume nicht furchtbar?"

   

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