Der Tag des Mauerfalls gehört zu den Sternstunden der deutschen Historie. Doch abseits von Zahlen und Fakten sind es vor allem die persönlichen Erlebnisse, die die Bedeutung dieses Moments spürbar machen. Eine ganz besondere Geschichte haben Marita und Volkmar Schlitte erlebt.

Haldensleben/Bebertal l "Als Günther Schabowski erklärt hat, dass die Grenzen offen sind, haben wir erst gar nicht begriffen, was das bedeutete", erinnert sich Marita Schlitte. Gemeinsam mit ihrem Mann ging sie schlafen, stand am nächsten Morgen auf und machte sich für die Arbeit fertig. Damals arbeitete die Lehrerin an der Georgi-Dimitroff-Schule am Süplinger Berg.

Doch dann lief im Radio ein Interview. Dabei erzählte ein Mann aus Bebertal, wie er die ganze Nacht in einer Braunschweiger Disco durchgefeiert hatte. "Erst in diesem Moment habe ich realisiert, was wirklich passiert war", erklärt Marita Schlitte. Sofort sei sie zu ihrem Mann Volkmar gegangen.

Doch so richtig daran glauben, dass die Mauer gefallen war, konnten beide nicht. "Nach meinem Feierabend haben wir uns mit unserem Sohn Matthias in den Trabi gesetzt, um zu schauen, ob es wirklich stimmt", so Marita Schlitte. Dabei hätten sie gar nicht "rübermachen" wollen. "Ich hatte ganz viel Angst. Wir wollten nur schauen, was an der Grenze los ist", so die heute 50-Jährige.

Aber dann entfalteten die Ereignisse dieses Tages ihre Eigendynamik. Marita, Volkmar und Sohn Matthias Schlitte gerieten in den Grenzstau. "Man kann sich gar nicht vorstellen, was da los war. Wir konnten nicht mehr umdrehen, wie wir uns das gedacht hatten." So wurde Familie Schlitte vom Strom der Autos mit hinüber in den Westen gezogen. Die nächste Station war Helmstedt. "Wir sind gleich an der ersten Abfahrt von der Autobahn runtergefahren und haben angehalten", sagt Marita Schlitte. Was heute ein normaler Einkaufsbummel wäre, grenzte damals ans Undenkbare. "Junge Leute können sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie dieser Westgeruch duftete."

Verwandte im Westen hatte die Familie Schlitte keine. Dafür aber Freunde in der Nähe von Bremen. Der Kontakt war durch einen Luftballon zustande gekommen, der heimlich über die Grenze schwebte. Marita Schlittes Vater hatte ihn 1984 auf einem Acker entdeckt.

Um jemandem von ihrem ersten Besuch im Westen zu erzählen, gingen Marita und Volkmar Schlitte zur Helmstedter Post. Von dort wollten sie die Freunde anrufen. Doch stattdessen machten sie eine neue Bekanntschaft.

Klaus Becker war damals Leiter der Lutherschule in Helmstedt. "Wir haben uns gedacht: Heute ist Geschichte. Also haben wir an diesem Tag den Stundenplan über den Haufen geworfen", erinnert sich Klaus Becker. Fast alle Kollegen seien mit ihren Klassen zum Grenzübergang nach Marienborn gezogen. Er selbst hatte keine Klasse und zog allein los. Später entdeckte er Familie Schlitte durch Zufall in der Post. Er lud sie ein, von ihm daheim aus zu telefonieren. Anschließend bewirtete er die unverhofften Gäste mit Kaffee und Kuchen. So entstand für beide Seiten die erste Freundschaft, die die beiden deutschen Staaten miteinander verband.

Später brachte Klaus Becker Familie Schlitte zum Rathaus, damit sie dort ihr Begrüßungsgeld abholen konnte. Es folgte ein kurzer Bummel in der Innenstadt. Dann ging für die drei damaligen Haldensleber der erste Tag im Westen zu Ende. Sie fuhren zurück.

"Aber wir mussten irgendjemandem erzählen, dass wir drüben gewesen sind", erinnert sich Marita Schlitte lächelnd. Also besuchten sie ihre Eltern bei einer Betriebsfeier im "Volkspark". Dort sorgte die Neuigkeit für großes Hallo. Später sahen sich Marita Schlitte und Klaus Becker auch bei gemeinsamen Lehrerfortbildungen wieder. "Doch irgendwann haben wir uns aus den Augen verloren", so die Lehrerin.

Bis vor wenigen Tagen. Klaus Becker hat als Redakteur am "Kreisbuch des Landkreises Helmstedt" mitgewirkt. Unter den Autoren war auch eine Lehrerin aus Haldensleben. Bei der offiziellen Präsentation des Kreisbuches sprach er die Lehrerin an. Neugierig erkundigte er sich, ob sie vielleicht eine Familie Schlitte kennt und gab ihr einen Brief mit. Wie es der Zufall wollte, sind diese Lehrerin, Heike Lessat, und Marita Schlitte Kolleginnen - und zwar mittlerweile am Sekundarschulzentrum Karl Liebknecht. Nach fast 25 Jahren lebte so der Kontakt wieder auf. "Als ich den Brief gesehen habe, habe ich eine Träne verdrückt. Ich dachte: Das gibt`s doch gar nicht", erklärt Marita Schlitte. Mittlerweile wohnt sie mit ihrer Familie seit vielen Jahren in Bebertal. Auch Klaus Becker ist mit seiner Frau Christa umgezogen, nach Kneitlingen in der Nähe von Wolfenbüttel. Doch über das Internet fand Marita Schlitte die aktuelle Telefonnummer von beiden heraus. An diesem Wochenende, pünktlich zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, haben sich die Familien zum ersten Mal wiedergesehen. "Es war sehr emotional und einfach nur schön", sagt Marita Schlitte.

Zur Begrüßung brachte sie mit ihrem Mann ein Ostpaket mit, unter anderem mit Rotkäppchen-Sekt und Halloren-Kugeln gefüllt. Bis in die Nacht hinein saßen die beiden Familien beisammen. Die Wiedersehensfreude war groß. "Und dieses Mal lassen wir den Kontakt nicht mehr abreißen", verspricht Klaus Becker.