Schon lange vor der friedlichen Revolution im Herbst 1989 brodelte es in der DDR. Das beweist die Ausstellung "Lernt Polnisch - Solidarnosc, die DDR und die Stasi", die am Freitag in der Zielitzer Ganztagsschule "Werner Seelenbinder" eröffnet wurde.

Zielitz l Auf großen Tafeln sind Dokumente und Bilder zu sehen, die von den Ereignissen im Sommer 1980 künden. Die Arbeiter der Gdansker Leninwerft streikten, die freie Gewerkschaft Solidarnosc wurde gegründet. Zu sehen sind auch Dokumente, die zeigen, wie sehr die Ereignisse in Polen auch in der DDR wahrgenommen wurden. Flugblätter, Parolen an Häuserwänden oder Aufrufe hatten sofort den DDR-Staatssicherheitsdienst auf den Plan gerufen.

Viele Bürger wurden verhaftet. "Auch ich habe 1980 an meinem Fahrrad eine kleine polnische Fahne befestigt und mit einer Überschrift aus der SED-Zeitung ,Neues Deutschland`, nämlich ,Solidarität mit dem polnischen Volk` versehen", erzählte Roland Jahn bei der Ausstellungseröffnung.

Jahn, damals in Jena lebend, wurde deshalb wegen "Missachtung staatlicher Symbole" zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt. Heute ist Roland Jahn der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. "Die Geschichte kann eine Chance sein für die nachfolgende Generation", richtete Jahn das Wort an die Zielitzer Schüler. Er erzählte auch davon, dass er als Jugendlicher bei einem Jazz-Festival in Warschau erstmals einen "Hauch von Freiheit" erlebt habe.

Solidarnosc-Aufkleber provozierte Machthaber

Von persönlichen Erlebnissen berichtete auch Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh. "Im Sommer 1989 bin ich mit dem Zug nach Poznan gereist, um eine Radtour durch die Masuren zu unternehmen. Bei der Rückkehr hatte ich einen Solidarnosc-Aufkleber an meinem Fahrrad. Das war schon eine Provokation, denn die damaligen Machthaber hatten große Angst davor, dass der polnische Funke auf die DDR überspringt."

Der Zielitzer Schulleiter Henning Bialek hatte die Gäste zur Ausstellungseröffnung begrüßt. "Ich sehe das als eine Würdigung unserer mittlerweile 16-jährigen Unesco-Projektarbeit und unserer zahlreichen bi- und multinationalen Schulpartnerschaften an", freute sich der Schulleiter, dass die sehr informative Ausstellung in der Zielitzer Sekundarschule eröffnet wird.

Bialek begrüßte besonders herzlich eine Delegation der Partnerschule aus dem polnischen Goworowo. "Uns verbinden gemeinsame Projekte und Schüleraustausche. Und mittlerweile sind aus Partnern auch Freunde geworden", betonte Henning Bialek.

Jacek Dobrzynski, Schulleiter der Kopernikus-Schule aus Goworowo, das in Sachsen-Anhalts Partnerregion Masowien liegt, ließ in seinem Redebeitrag die Ereignisse im Sommer 1980 in seinem Heimatland noch einmal Revue passieren. Er erinnerte daran, dass Polen nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegermächten der sowjetischen Einflusssphäre zugeordnet worden war. "Anfangs gab es bewaffnete Aktionen, später immer wieder Arbeiter- und Studentenproteste", zählte Dobrzynski Beweise für den Freiheitswillen der Polen auf.

Die Aktionen der Gdansker Werftarbeiter sorgten schließlich mit Unterstützung vieler polnischer Menschen, der katholischen Kirche und des polnischen Papstes dafür, dass die "Mauer aus Lügen und Propaganda eingerissen wurde" und Polen 1989 endlich frei wählen durfte. "Das war der erste Dominostein für den politischen Wandel in Osteuropa", sagte Jacek Dobrznski unter dem Beifall der Gäste.

Ausstellung wandert nach Berlin und Gdansk

"Das Stasi-Archiv dokumentierte nicht nur die Tätigkeit des Geheimdienstes, sondern ist auch ein Zeugnis für den Freiheitswillen der Menschen", betonte Roland Jahn bei einem Rundgang durch die Ausstellung. Die wird noch bis zum 15. Dezember im Foyer der Zielitzer Schule zu sehen sein. Danach wandert die zweisprachige Ausstellung nach Berlin und später nach Gdansk.

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