Ob Gänsebraten, Schoko-Weihnachtsmann oder Kekse: Für viele ist Schlemmerei ein fester Bestandteil von Weihnachten. Doch nicht für alle ist das selbstverständlich. Wie viele Menschen auch über die Festtage auf Unterstützung angewiesen sind, das hat gestern ein Besuch bei der Haldensleber Tafel gezeigt.

Haldensleben l "Insgesamt versorgen wir rund 1500 Menschen in Haldensleben", verrät Mandy Oelke. Als Leiterin der Sozialen Arbeit beim DRK-Kreisverband Börde ist sie auch für die Tafel zuständig. Gestern war der letzte Ausgabetag vor dem Fest. Normalerweise gibt es am Donnerstag in Haldensleben eine zweite Ausgabe. Diese würde jedoch auf den zweiten Weihnachtstag fallen. Da bleibt die Tafel geschlossen. Entsprechend groß war gestern der Andrang.

Auf dem Hof des Gebäudes an der Gerikestraße hatte sich eine lange Schlange gebildet. Jeweils zu zweit wurden die Besucher der Tafel eingelassen. Einer von ihnen war Gerhard Kulinski aus Haldensleben. "Zu Weihnachten mache ich selbst Entenbraten", verriet er. Das sei allerdings eine Ausnahme, weil er Besuch bekomme. Denn der 67-Jährige muss mit wenig Rente auskommen. Seit vier Jahren besucht er die Tafel. "Mir bleiben im Monat 90 Euro zum Einkaufen. Wenn es die Tafel nicht gäbe, wäre es schlecht." Besonders vor den Menschen, die in der Tafel die Lebensmittel verteilen, hat er Achtung. "Die machen das fast alle ehrenamtlich. Das muss man ihnen hoch anrechnen."

Rentner, die auf Unterstützung durch die Tafel angewiesen sind, gibt es laut Mandy Oelke immer mehr. Viele seien nach der Wende langzeit- arbeitslos geworden und erhielten jetzt lediglich die Grundsicherung. "Gerade bei älteren Bedürftigen ist die Schamgrenze hoch. Sie kommen nur, wenn es wirklich nötig ist", ergänzt Kirsten Brickzinsky, Mitarbeiterin der Sozialen Arbeit.

Jeder Bedürftige erhält für zwei Euro einen "Standardbeutel". Darin sind beispielsweise Saft, Brot und Brötchen sowie Käse und Wurst enthalten. Obst und Gemüse sind kostenlos. Hier können die Besucher der Tafel selbst wählen. Das Angebot schwankt allerdings.

Die Tafeln in Haldensleben, Wolmirstedt und Oschersleben gehören zusammen. Die Lebensmittel für die Bedürftigen sammeln die Fahrer zweier Tafelautos ein. Dafür steuern sie zum Beispiel Supermärkte und Bäckerläden an. Jeden Tag sind die Fahrer dafür rund sechs Stunden unterwegs. "Die Touren gehen um 7.30 Uhr los", erklärt Kirsten Brickzinsky. "Man weiß allerdings nie, was man bekommt. An manchen Tagen haben die Läden viel abzugeben. Am nächsten ist es weniger."

Trotzdem soll nichts schlecht werden. Deshalb haben die verschiedenen Tafeln versetzt geöffnet. Was bei einer Ausgabe übrig bleibt, wird zu den anderen Standorten gebracht. Das erfordert einigen logistischen Aufwand. Grundsätzlich sei die Hilfsbereitschaft jedoch hoch: "Wir haben wirklich tolle Märkte und Bäcker", bedankt sich Mandy Oelke.

"Im Winter verteilen wir Lebensmittel, die maximal vier Tage über dem Mindesthaltbarkeitsdatum sind. Im Sommer sind es drei Tage", sagt Kirsten Brickzinsky. Nach den entsprechenden Verordnungen könnten die Lebensmittel noch älter sein, aber man wolle kein Risiko eingehen. "Denn in dem Moment, in dem wir die Lebensmittel übernehmen, sind wir auch dafür verantwortlich", betont Mandy Oelke.

Lebensmittel, die kein Haltbarkeits-, sondern ein so genanntes Vebrauchsdatum haben (wie zum Beispiel Fisch), werden im Winter nur bis zum betreffenden Tag angeboten und auch dann nur mit dem Hinweis "auf eigene Verantwortung". Im Sommer gebe es diese Produkte kaum.

Auf diese Weise müssen Märkte nur einen kleinen Teil ihrer aussortierten Waren entsorgen. Durch die Tafeln kommen sie stattdessen Menschen zugute, die dringend darauf angewiesen sind. Am Sonnabend gibt es in Haldensleben eine weitere Ausgabe, die speziell für Großfamilien reserviert ist.

Allerdings verteilt die Tafel nicht nur Lebensmittel. Auch Freizeitangebote gehören zum Programm. "Dabei schauen wir verstärkt, dass wir den Kindern etwas bieten", erklärt Mandy Oelke. So habe die Tafel unter anderem ein Sommerfest veranstaltet. In der St.-Liborius-Kirche habe es eine gemeinsame Weihnachtsfeier mit Pfarrer Winfried Runge gegeben. Im Sommer konnten Kinder aus Haldensleben und Wolmirstedt mit Eltern oder Großeltern dank der Tafel nach Güntersberge und Arendsee fahren. Dort nahmen sie an einem Bildungsprojekt teil und konnten sich unter anderem den Themen "Der Wald" oder "Gesunde Ernährung" widmen.

Klassische Weihnachtsprodukte wie Adventskalender oder Schoko-Weihnachtsmänner gab es bei der gestrigen Ausgabe nicht. Laut Kirsten Brickzinsky stehen sie meist bis zum letzten Tag in den Läden. Erst nach dem Fest finden sie ihren Weg zur Tafel. "Aber das macht nichts. Die Leute freuen sich trotzdem", erklärt Mandy Oelke lächelnd.