Ein ehrwürdiges Haus und seine Geschichte: Am 24. Dezember 1914 hielten die Vorfahren der Familie Kusian Einzug in ihre für damalige Verhältnisse luxuriöse Villa am Flechtinger Bahnhof. Heiligabend 2014 wurden die Anfänge ihrer Geschichte noch einmal nachgestellt.

Flechtingen l Niemand am Tisch der Familie Kusian hat Heiligabend 1914 erlebt, doch der Hauch der Geschichte ist noch an vielen Stellen zu spüren: eine alte Kredenz steht im Zimmer, ein auf einer Spieluhr positionierter Weihnachtsbaum mit Echtkerzen wartet hinter einer langen Familientafel nur darauf, dass sie Spieluhr aufgezogen wird und er sich drehen kann, eine Petroleumlampe verbreitet schummriges Licht, auf dem Tisch stehen Haushaltskerzen in rohen Kartoffeln, die als Ständer zurechtgemacht wurden.

Am 24. Dezember vor genau 100 Jahren war das Haus der Familie Kusian am Flechtinger Bahnhof bezugsfertig. Es konnte Einzug gefeiert werden. Trotz des 1. Weltkrieges hatte es der Großvater der heutigen Besitzer aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen geschafft, die Bauleute bis zuletzt am Haus arbeiten zu lassen, ohne dass diese in den Krieg ziehen mussten. Dabei waren im Herbst schon viele Männer einberufen worden.

Elektrisches Licht gab es nicht, und auch kein Telefon, aber mit einer Warmluftheizung und fließendem Wasser im Haus war es für damalige Verhältnisse schon luxuriös ausgestattet.

"Für das Beheizen wurde extra eine Person abgestellet, die ständig Holz nachlegen musste", erzählt Bärbel Kusian. Und für das Wasser befand sich eine Pumpe im Keller, die von Hand betrieben aus einem Brunnen Wasser pumpte und durch Leitungen auf den Hausboden in einen großen Behälter beförderte. Von dort aus konnte es mit natürlichem Gefälle zu den Zapfstellen im Haus gelangen", ergänzt ihr Mann Bodo.

Sicher war das Weihnachtsfest damals vor 100 Jahren angesichts des Krieges kein so frohes, aber für die Kinder versuchten es alle, so friedvoll wie möglich zu gestalten.

Viele familiäre und gesellschaftliche Hoch- und Tiefpunkte hat die Villa seitdem erlebt, aber sie blieb immer in Familienbesitz. In diesem Jahr fand sich die Familie zu einem besonderen Heiligabend zusammen, denn der Hauch von vor 100 Jahren sollte noch einmal lebendig werden. "Unserem Enkelkind aus Wolfsburg wollen wir heute von unseren Vorfahren erzählen und aus der alten Zeit von 1914", so Bärbel Kusian.

Das typisch altdeutsche Essen, ausgebreitet auf einem selbstgenähten Leinentuch und mit Kiefernzweigen als Zierde umfasst Pellkartoffeln, Quark, Speckstippe, Schmalz, Margarine, Rapsöl, Zwiebeln, Steintopfgurken, selbstgebackenes Brot, Pflaumenmus, Rübensaft, Apfel, Milch und selbstgebackenen Honigkuchen mit Kunsthonig.

"Das meiste stammt aus unserem Garten", sagt Bärbel Kusian, während der Malzkaffee aus den Tassen heraus dampft. Am Haus wird angebaut, was die Familie an Obst und Gemüse benötigt. "Im Sommer, wenn es grünt und blüht, ist es eine Oase", sagt die Hausherrin, denn nur über einen kleinen Weg, den "Kusian Privatweg", wie an der Einfahrt zu lesen ist, kann die Villa erreicht waren.

Einige Gebäude kamen im Laufe der Zeit hinzu, wenn sich beispielsweise die Kinder ihr eigenes Zuhause schaffen wollten oder wo allmorgendlich die Kusians die Volksstimme und die Biber-Post angeliefert bekommen, die sie schon seit Jahrzehnten zuverlässig für Flechtingen und Umgebung austragen.

Wie eine einsame Festung, mittlerweile allerdings ringsum zugewachsen, steht die ehrwürdige Villa mit ihren Türmchen und zahlreichen Winkeln wie vor 100 Jahre fest auf ihrem Fundament und wartet auf die nächsten Ereignisse, die in die Familiengeschichte Einzug halten werden.

Und nach dem Essen warten alle gespannt auf die Musik aus der Spieluhr, die den Weihnachtsbaum drehen lässt und eine wohlige, friedvolle Atmosphäre hält Einzug in die Herzen der Familie Kusian.

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