Ob Zeitungsartikel über die Gemeinderatssitzung, den Karneval oder die Grenzöffnung, ob Todesanzeige oder Fußball- tabelle - Martin Herrmann sammelt seit mehr als drei Jahrzehnten alles, was er über Walbeck in die Finger bekommt.

Walbeck l "Die meisten denken, ich bin gebürtiger Walbecker, weil ich soviel von Walbeck weiß, aber ich bin ein Taujetreckter", sagt Martin Herrmann. Der Ortsbürgermeister hat ein ganzes Regal voller Ordner, in denen er bereits Material über Walbeck gesammelt hat. Dazu kommen Bücher, Kalender und Fotos.

Zeitungsartikel aus der Volksstimme machen den größten Teil seiner Sammlung aus, erzählt Martin Herrmann. Seit mehr als 30 Jahren klebt er jeden Beitrag, der in der Zeitung erschienen ist, auf und heftet ihn ab. Schuld daran ist eigentlich Anni Opolka, seine Schwiegermutter, wahrscheinlich aber hat sie nur den letzten Anstoß dazu gegeben. Anni Opolka hatte schon über Jahre alle Todesanzeigen ausgeschnitten und aufgehoben und auch sonst manches über das Dorf gesammelt. Vor allem aber hat sie auch private Aufzeichnungen aus der Familie fortgeführt. Martin Herrmann konnte also gar nicht anders, er musste weitermachen. Mehr noch, ihn hat die Sammelleidenschaft noch mehr gepackt. "Ich bin reineweg verrückt, sammle alles, was Walbeck betrifft, egal, wo ich etwas darüber finde", bekennt der 57-Jährige. Seine Frau versteht das inzwischen, ist er sich sicher.

"Wir sind kaum dazu gekommen, was zu trinken, und keiner wollte zum Rauchen rausgehen"

Nicht selten kommt jemand und will nur einen Blick auf die Todesanzeigen werfen, weil zu Hause etwas abhanden gekommen ist. "Da konnte ich schon so manchem helfen", blickt Martin Herrmann zurück. Viele sind froh, wenn sie eine Kopie bekommen können.

Zu einem Abend im Freundeskreis hat er mal einige Ordner mitgenommen. "Wir sind kaum dazu gekommen, was zu trinken, und keiner wollte zum Rauchen rausgehen", sagt er und lacht. Alle waren begeistert, konnten gar nicht wieder aufhören zu lesen. "Vieles hatte man schon vergessen."

Auch die Interessengemeinschaft der Walbecker Natur- und Heimatfreunde profitiert von Martin Herrmanns Sammelleidenschaft. Dieter Hahne und Dietmar Pätz bereiten zum nächsten Jahr wieder ein Walbecker Heft vor - zum 1085. Ortsgeburtstag. Die aktuelle Chronologie haben sie aus den Ordnern des ehrenamtlichen Ortschefs zusammengestellt.

Martin Herrmann hat seine Frau Steffi in der Lehrzeit kennengelernt. Sie ist gebürtige Walbeckerin. "1977 war ich zum ersten Mal schwarz in Walbeck", erinnert er sich schmunzelnd. Walbeck lag im Sperrgebiet, Passierscheine gab es nur für nahe Verwandte. "1981 haben wir geheiratet", erzählt der Wahl-Walbecker. Aber Fußball gespielt hat er in Walbeck schon vorher. Ein Volkspolizist hat ihn am Schlagbaum immer klammheimlich durchgelassen, der war auch Fußballfan und stand später nicht selten am Spielfeldrand.

"Ich habe auch wieder damit angefangen, Sportberichte und Tabellen aufzukleben"

Bestimmte Themen hat Martin Herrmann besonders im Blick, zum Beispiel die Grenzöffnung, den Streit um die ehemalige Straße zwischen Walbeck und Helmstedt, das Dilemma mit dem abgerissenen früheren Grenzturm. Das sind Themen aus der jüngeren Geschichte. Darüber hinaus bemüht er sich, noch an älteres Material heranzukommen. Wilhelm H. Bork, ein gebürtiger Walbecker, der über Jahre als Haldensleber Stadtchronist tätig war und auch viele andere Volksstimme-Artikel gesammelt hat, habe ihm Kopien mit Beiträgen aus den 50er und 60er Jahren gegeben, freut sich Martin Herrmann.

Sollte noch jemand Zeitungsausschnitte, Dokumente, Bilder oder anderes haben, das mit Walbeck in Verbindung steht, wäre er glücklich, wenn man ihm das überlassen würde, damit er wenigstens eine Kopie machen kann. "Ich bin dankbar für alle Zuarbeiten", bekräftigt er. Es treibt ihn um, die Identität des Ortes zu erhalten, das Unverwechselbare, die fernere wie jüngere Geschichte zu bewahren. Das betrifft ja nicht nur Walbeck, meint er.

Das Amt des Ortsbürgermeisters hat er 2008 von Brunhilde Fucke übernommen, stellvertretender Bürgermeister war er aber bereits seit 1988. Er mischt im Sportverein mit, war hier etliche Jahre Vorsitzender, und ist auch aus dem Karneval nicht wegzudenken. Etliche Jahre hat er sogar alle Sportberichte und Tabellen eingeklebt, dann war ihm das zu viel. "Aber jetzt habe ich doch wieder damit angefangen", räumt er ein.

Ein etwa 15 Zentimeter dicker Chronikband liegt noch völlig leer da. Den hat Brunhilde Fucke mal vor vielen Jahren geschenkt bekommen, aber keiner hatte Zeit, sich damit zu beschäftigen. Vielleicht macht sich Martin Herrmann doch noch dabei, aber das ist eine riesige Arbeit. Jede Menge statistische Werte müssen eingetragen werden, Anzahl der Häuser, der Einwohner, die Vereine, der Ortschaftsrat mit seinen Sitzungen und vieles, vieles mehr. Er behält es zumindest im Auge.