Haldensleben l Wer erinnert sich nicht an die russische Zungenbrecher-Vokabel "dostoprimechatel`nosti" (übersetzt: Sehenswürdigkeiten). Diese damit verbundenen Erinnerungen lebten bei der Buchlesung des bekannten Schriftstellers Wladimir Kaminer erneut auf. "Die russischen Brieffreunde schreiben schon lange nicht mehr zurück, aber der russische Zungenbrecher lebt im ostdeutschen Mund weiter", scherzte der Autor.

Mit Witz, Charme und sympathisch-russischen Akzent begeisterte er sein Publikum mit Geschichten, die nur das wahre Leben schreiben kann. Doch der Autor findet dafür auch immer die richtigen Worte: "Denn der große Unterschied zwischen Literatur und Leben ist: Das Leben geht immer weiter".

So berichtete er von seiner Mutter, die seit 23 Jahren an der Volkshochschule Englisch lernt. Immer mit derselben Gruppe, derselben Lehrerin und natürlich mit demselben Stoff. Mittlerweile wäre sie dort mit 83 Jahren die älteste Schülerin - aber das war natürlich nicht immer so gewesen. Seine Tochter würde hingegen die Englischkenntnisse ihrer Oma nicht anerkennen. Sie verstehe Oma nicht und Oma sie nicht. "Daher hält meine Tochter die Volkshochschule für einen `Fake`", sagte der Buchautor.

Aber Wladimir Kaminer ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Entertainer. "Kennen Sie das? Kinder werden immer disziplinierter, wenn man unterwegs ist. Wenn ich auf Lesungen bin, dann machen sie immer Hausaufgaben, wenn ich anrufe", erzählte er. Dafür würden zeitgleich seine Katzen zu wilden Bestien mutieren, die heimlich eine ganze Flasche Cognac trinken, versteckte Zigarren rauchen oder eine Pflanze umstoßen, die knapp 50 Kilogramm wiegt. Kommt der Autor zurück von seinen Reisen, liegen die Katzen wieder entspannt auf dem Sofa und die Kinder machen keine Hausaufgaben mehr. "Einfach nur faszinierend", findet Kaminer das Phänomen.

Und so nahm er das Publikum mit seinen humorvollen Geschichten aus dem Alltag mit auf Reisen. Erzählte von Merkel, die sich gern in Berlin zusammen mit Kindern an Schulen fotografieren lässt und somit ihre neuen Wähler für die nächste Wahlperiode heranzüchtet. Oder auch von einem spontanen Besuch aus Russland, der - typisch russisch eben - unangemeldet und mitten in der Nacht um 3 Uhr vor der Tür steht. Aber auch von den stets auf Ordnung bedachten schwäbischen Nachbarn aus dem Erdgeschoss, die seiner Frau gerne Parktipps geben, während sie unverblümt ihre Einkaufstaschen inspizieren. Und doch schwärmt er auch von seinen Schwaben, die kurz nach Ankunft des spontanen "Russenbesuchs" schon mit Kuchen und Brot an seiner Haustür klingeln, um auszuhelfen und natürlich interessiert das Spektakel zu betrachten.

Kaminer zeigte sich als ein Autor zum "Anfassen". Er nahm sich Zeit und beantwortet Fragen, signierte Bücher und hörte sich auch Kritik an - natürlich immer mit einem trockenen Spruch auf den Lippen.

Bereits vor sechs Jahren war Wladimir Kaminer in der Stadt. "Mein nächster Besuch in Haldensleben sollte aber auf jeden Fall eher sein", verrät der Schriftsteller. Seit seinem Debüterfolg mit "Russendisko" im Jahr 2000 hat der gebürtige Moskauer eine beachtliche Anzahl an Büchern und Hörbüchern veröffentlicht.