Vor zwei Jahren ging die gebürtige Haldensleberin Inga Nelli mit ihrem Ehemann nach Hongkong, um dort zu studieren und zu arbeiten. Unter dem Titel "Closed Eyes Open" hat sie jetzt ein besonderes Kunstprojekt begleitet: eine Fotoausstellung für Sehbehinderte.

Haldensleben/Hongkong l "2013 startete Inga ein Studium der Malerei am Savannah College of Art and Design (SCAD) in Hongkong und ist seitdem mit der Stadt und der Region sehr verbunden", erklärt Inga Nellis Vater Roland Fritsch. "Ihr aktuelles Kunstprojekt, in dem Sie vor allem kurativ tätig war, ist eine Fotografieausstellung, die Sehbehinderte zu Protagonisten ihres Lebens und der Kunst macht."

Hongkong zählt mit seinen mehr als sieben Millionen Einwohnern zu den größten Metropolen der Welt. Die Stadt, deren Name übersetzt "Duftender Hafen" bedeutet, ist zudem eine der Städte mit den höchsten Lebenshaltungskosten der Welt.

"Die Gegensätze zwischen arm und reich sind teilweise schockierend", so Roland Fritsch. Das sei besonders offensichtlich in Sham Shui Po, dem Stadtteil, in dem die Universität liegt. Sham Shui Po ist eine der ärmsten Gegenden Hongkongs und bekannt für eine große Anzahl sogenannter "Cage People". Dieser Begriff bezeichnet arme Leute, die in kleinen, mietbaren und übereinander gestapelten Containern leben.

"Ähnlich wie Neukölln in Berlin ist es jedoch eine Gegend voller Leben, Vielseitigkeit und Authentizität, wo Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung noch wichtiger sind als anderswo", berichtet Roland Fritsch. "Das wollte Inga Nelli mit dem Projekt `Closed Eyes Open` zeigen und zwar mit Kunst im öffentlichen Raum, die für jeden zugänglich ist."

In Hongkong gibt es ungefähr 700000 Sehbehinderte. Die Idee war es, den Sehbehinderten in einem Kunstprojekt die Chance zu geben, ihre Umgebung und ihre Sicht auf die Dinge abzubilden. Das Projekt erfolgte in Zusammenarbeit mit dem "Sham Shui Po Welfare Department" und der "Hong Kong Society for the Blind", die ihren Hauptsitz ebenfalls in Sham Shui Po hat. Sie setzt sich dafür ein, diesen sehbehinderten Menschen ein wertvolleres Leben zu ermöglichen. In der Hauptphase des Projektes sind Kunststudenten der Universität gemeinsam mit den Sehbehinderten auf Fototour gegangen. Ziel war es, Hoffnung, positive Gefühle und Zusammenhalt in der Gemeinde abzubilden. Aus etwa 1500 Fotos wurde eine Auswahl von 24 Bildern ausgestellt.

Das Besondere dabei: Zu jedem Bild gibt es eine Geschichte. Die wurde jedoch nur in Blindenschrift dargestellt. So haben die Sehenden zwar den Vorteil, die Fotos zu betrachten, doch die Sehbehinderten können als einzige die Beschriftung lesen. Um das Projekt in seiner Gänze zu verstehen, müssen beide Parteien also kooperieren.

Die offizielle Ausstellungseröffnung fand im Lai Kok Community Center statt, einem Ort, an dem die Menschen des Distrikts zusammenkommen. Wegen der guten Resonanz wurde die Ausstellung um eine Woche verlängert. Danach zog sie ins Regierungsgebäude des Distrikts um, wo sie weiterhin zu sehen ist. Für das ehrenamtliche Engagement haben Inga Nelli und die Projektpartner eine Auszeichnung der Stadtverwaltung erhalten. "Die Zusammenarbeit mit den Sehbehinderten war für alle Beteiligten eine sehr bewegende Erfahrung", so Roland Fritsch.

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