Einen Einblick in die Wohnsituation von Senioren hat der Vorsitzende der Linksfraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, Wulf Gallert, bei seinem Besuch in Haldensleben bekommen. Sein Fazit: Die Kreisstadt ist in Sachen altersgerechtes Wohnen gut aufgestellt, doch auf dem flachen Land gibt es Nachholbedarf.

Haldensleben l "Ich hatte die Wahl zwischen Wolmirstedt und Haldensleben, habe mich für Haldensleben entschieden und es nicht bereut." Ursula Tittel ist aus Hillersleben in die Kreisstadt gezogen, lebt in der Seniorenwohnanlage der Volkssolidarität in der Alsteinstraße und fühlt sich hier pudelwohl. "Allein zu Hause, das ging nicht mehr", begründet sie ihren Umzug nach Haldensleben. Diesen Schritt ist die heute 64-Jährige vor neun Jahren gegangen, hat ihr eigenes kleines Reich in der Wohnanlage.

Als Mieterin der ersten Stunde wohnt Elisabeth Albrecht seit 2001 bei der Volkssolidarität. Auch sie ist sehr zufrieden mit ihrem Alterssitz. "Ich wohne ja hier mitten in der Stadt", sagt die 85-Jährige. "Und im Vergleich zu anderen Wohnmöglichkeiten für Senioren in der Stadt ist es hier am schönsten", fügt Ursula Tittel hinzu.

36 Wohnungen befinden sich auf dem 3500 Quadratmeter großen Grundstück, die Hälfte davon ist für zwei Personen ausgelegt. "Sie haben eine separate Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Nasszelle sowie einen Balkon oder eine Terrasse", beschreibt Cornelia Wollbrück, Koordinatorin des Regionalverbandes Ohre-Börde der Volkssolidarität und zuständig für das Service-Wohnen in Haldensleben, die Einrichtung. Leerstand gebe es so gut wie nie, meint sie. "Wir haben eine lange Warteliste."

Ihre Worte finden bei Wulf Gallert offene Ohren. Der Vorsitzende der Linksfraktion im Landtag von Sachsen Anhalt ist nach Haldensleben gekommen, um sich hier einen Einblick zu verschaffen, wie es um das Thema "Wohnen im Alter" in der Kreisstadt bestellt ist. Er hört den Bewohnerinnen bei einer Tasse Kaffee genau zu, möchte wissen, wo der Schuh vielleicht drücke. Grund zum Klagen hätten sich nicht, versichern die Frauen. Aber eine Sorge gibt es doch. "Das Wohnen muss bezahlbar bleiben", meint Elisabeth Albrecht.

"Künftige Rentner müssen durchgehend gearbeitet und überdurchschnittlich verdient haben, um mit ihrer Rente künftig über dem Sozialhilfesatz zu liegen."

Das ist genau der Punkt, an dem Gallert sowohl die Bundes- als auch die Landespolitik in der Pflicht sieht. Seine Sorge gilt den kommenden Rentner-Generationen. "Künftige Rentner müssen durchgehend gearbeitet und überdurchschnittlich verdient haben, um mit ihrer Rente künftig über dem Sozialhilfesatz zu liegen", zeichnet er ein düsteres Bild. Und steht damit nicht allein da: Nach dem jüngsten Rentenversicherungsbericht wird das Rentenniveau bis zum Jahr 2028 auf 44,4 Prozent sinken. 2030 wird es nur noch knapp über dem gesetzlich festgeschriebenen Mindestsatz von 43 Prozent liegen - und danach weiter sinken. "Was wird aus den Regionen, in denen 50 bis 60 Prozent der Erwachsenen Rentner sind, die auf Sozialhilfe-Niveau leben müssen?", sieht Gallert Handlungsbedarf.

Schließlich sei der ländliche Raum nicht so gut aufgestellt wie die Kreisstadt. Sowohl bei der Volkssolidarität als auch bei der Wohnungsbaugesellschaft Wobau und der -genossenschaft "Roland" macht sich Gallert ein Bild von der gegenwärtigen Wohnsituation für Senioren. "In Haldensleben hat man sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und bietet verschiedene Modelle an. Der Bedarf scheint hier real erkannt worden zu sein", lobt er die Bemühungen im Wohnungsbau, gerade älteren Menschen auf ihre Bedürfnisse abgestimmten Wohnraum anbieten zu wollen.

Davon, so ist Gallert überzeugt, könne auf dem flachen Land nur geträumt werden. Nicht wenige Senioren müssen ihre angestammte Heimat verlassen und umziehen, wenn das Wohnen in ihren eigenen vier Wänden für sie immer schwieriger werde. Daher hält er es für wichtig, auch in den Grundzentren wie Calvörde, Erxleben, Flechtingen, Oebisfelde und Weferlingen eine Infrastruktur vorzuhalten, damit die Senioren eben nicht unbedingt in ein Mittelzentrum wie Haldensleben ziehen müssten, sondern zumindest in der Nähe ihres Heimatortes bleiben können. "Dazu zählen neben altersgerechtem Wohnraum auch die ärztliche Versorgung, ein funktionierender Personennahverkehr und Einkaufsmöglichkeiten", macht Gallert deutlich. "Die derzeitige Infrastruktur im ländlichen Bereich lässt ein Leben im Alter am Heimatort aber kaum zu", kennt auch Karin Handorf, die Vorsitzende des Beirates des Regionalverbandes Ohre-Börde, die Probleme.

"Das Grundproblem ist doch überall gleich: Die Leute werden älter und damit steigt die Nachfrage nach altersgerechtem Wohnraum. Doch die Wohnungen mit entsprechender Ausstattung haben ihren Preis", sagt die Linke-Stadträtin Roswitha Schulz aus Erfahrung, arbeitet sie doch im Immobilienbereich. Ihre Meinung teilt auch Detlev Geyer von der Volkssolidarität, der die Wohnanlage in der Alsteinstraße verwaltet. "Auch für uns zählt die Wirtschaftlichkeit. Die barrierefreien Wohnungen und die inhaltliche Ausrichtung unserer Anlage schlagen sich natürlich auf die Baukosten nieder. Die müssen über die Nettokaltmiete erwirtschaftet werden."

Seit der Eröffnung der Wohnanlage der Volkssolidarität habe es aber erst zwei Fälle gegeben, in denen Mieter auf einen Wohngeldzuschuss angewiesen waren, blickt Cornelia Wollbrück zurück. Doch sie ist überzeugt: "Es werden in Zukunft mehr werden."

"Wer dann nicht mehr allein in seinem Heim zurechtkommt und eine kleine Rente hat, der muss in ein Pflegeheim."

Für Gallert stellt sich daher mit Blick auf die Rentenentwicklung die Frage, wie lange sich Senioren eben solche Wohnungen noch leisten können. "Die Baupolitik kann das nicht lösen", ist Guido Henke, Vorsitzender des Haldensleber Stadtrats sowie Parlamentarischer Geschäftsführer und Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik der Linksfraktion im Landtag, überzeugt. Allerdings wäre eine substanzielle Erhöhung des Wohngeldes eine Alternative. "Und dafür können wir uns auch auf Landesebene stark machen", meint Wulf Gallert.

Ansonsten, so ist er überzeugt, könnten sich nur noch gut betuchte Rentner altersgerechte Wohnungen leisten. "Wer dann nicht mehr allein in seinem Heim zurechtkommt und eine kleine Rente hat, der muss in ein Pflegeheim. Denn das wird ja wieder aus einer anderen Quelle finanziert, nämlich über die Pflegeversicherung", so die Befürchtung des Landespolitikers.