Die Mitarbeiter der Evangelischen Stiftung Neinstedt bieten Menschen mit geistiger Behinderung in Calvörde nicht nur ein Zuhause, sondern sie versuchen, die Lebensbedingungen ihrer Bewohner an veränderte Situationen anzupassen. Den Besuch des Sozialministers Norbert Bischoff nutzen die Verantwortlichen, um auf Probleme aufmerksam zu machen.

Calvörde l "Für uns ist es wichtig, wenn Politiker zu uns kommen, dass wir sie für die Lebensbedingungen der Menschen mit Behinderung sensibilisieren und ihnen auch zeigen, wie die Arbeit der Mitarbeiter, die diese Menschen betreuen, aussieht", sagte Diakon Hans Jaekel. Den Besuch des Ministers für Arbeit und Soziales in Sachsen-Anhalt, Norbert Bischoff (SPD), nutzten die Anwesenden, um über die politischen Rahmenbedingungen zu reden. Martin Dickmann, Bewohner des Hauses, führte die Gäste. Seit 2002 ist das Haus Bonin bewohnt. Insgesamt leben derzeit dort 43 Frauen und Männer im Alter von 19 bis 90 Jahren in verschiedenen Häusern in Calvörde. Elf Bewohner sind in der Tagesförderung, die Anette Klug leitet, beschäftigt. "Aus Altersgründen kommen bald einige Bewohner mehr dazu, die nicht mehr in der Werkstatt arbeiten können. Wir sind froh, dass diese Menschen bei uns bleiben können und mit der Förderung eine Tagesstruktur haben und so sinnvoll betreut werden", erklärte Annerose Schulze, Leiterin der Häuser in Calvörde.

"In der Tagesförderung sind wir kreativ, aber beschäftigen uns auch mit ganz alltäglichen Dingen wie Abwaschen oder Kuchenbacken", schilderte Anette Klug. Außerdem sei es für die Bewohner wichtig, zum Bespiel über Nachrichten im Fernsehen und was in der Welt so passiert, zu reden. "Viele der Bewohner erzählen dann, was sie selbst in ihrer Jugend erlebt haben", sagte Anette Klug.

"Die Menschen, die vor zwölf Jahren hier eingezogen waren, sind älter geworden. Damit ändern sich auch die Betreuung, die Pflegesituation und die Ansprüche der Bewohner. Wir wollen erreichen, dass das Ministerium es uns erleichtert, auf die Veränderungen, die der Mensch an sich erlebt, einzugehen", erklärte Jaekel. Während sonst die meisten der Bewohner in der Werkstatt arbeiteten und nur wenige in der Tagesförderung waren, habe sich jetzt das Verhältnis genau ins Gegenteil gedreht. "Bei älteren Menschen erhöht sich die Betreuungszeit und auch der Pflegebedarf", erklärte Jaekel.

Ein grundsätzliches Pro-blem sei, dass das System nicht flexibel genug ist, um den Menschen mit Behinderung passende Hilfe anzubieten. "Jeder Mensch ist ja einzigartig und individuell mit seinem Bedarf. Wir wünschen uns als Träger der Einrichtung, dass wir für jeden Bewohner eine Lösung hinbekommen. Diese Menschen sind gealtert und ihre Ansprüche haben sich dementsprechend geändert. Rein theoretisch müssten sie hier ausziehen. Das wäre aber für die älteren Menschen schwierig. Wir hoffen, dass wir gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden und dem Ministerium die Starrheit der Leistungstypen auflösen können", sagte Bernd Bergmann, Bereichsleiter der Stiftung, der auch zuständig für die Häuser in Calvörde ist. Bischoff zeigte sich von der Einrichtung beeindruckt, das Problem sei ihm bekannt und eine Lösung nur mit der Änderung des Bundesleistungsgesetzes möglich. All seine Eindrücke würde er als Arbeitsgedanken mitnehmen.

Um die Bedingungen zu verbessern, sucht die Stiftung für die Einrichtung in Calvörde auch eine Person, die sich über das Bundesfreiwilligenprogramm oder auch über das Freiwillige Soziale Jahr engagiert. Wer Interesse hat, kann sich telefonisch unter 039051/98269 melden.