Liedermacher Joshua Carson hat eine Lebensformel für sich gefunden, die ihm einerseits Freiheit bringt und andererseits verschiedene Wohnzimmer als Showbühne. Er ist in ganz Deutschland unterwegs mit seiner Tour für Stubenhocker. Am Sonnabend hat er seine drei Gitarren in Eickendorf ausgepackt.

Eickendorf l "Im Fernsehen habe ich Joshua gesehen und von seinem Angebot für Stubenhocker gehört", erklärt Gastgeberin Heike Sue. Für seine Wohnzimmerkonzerte hat der Liedermacher Regeln aufgestellt. Die Gastgeber sorgen neben den Räumlichkeiten für Essen und Getränke und garantieren, dass mindestens 25 Zuhörer erscheinen. Dafür ist der Auftritt bis auf geringe GEMA-Gebühren kostenlos. Carson verkauft vor Ort seine CD. "Das funktioniert wie eine Art musikalische Tupperparty", erklärt er sein Geschäftsmodell. Für ein solches Konzert können sich Freunde von hausgemachter Musik mit Vorliebe zu Liedern von Reinhard Mey bewerben. Heike Sue, die auch die Vorsitzende der Kirchengemeinde ist, tat dies und hatte Erfolg. Und weil ihr heimisches Wohnzimmer zu klein ist, wurde die gute Stube Gottes kurzerhand als Domizil umfunktioniert. Ein Teppich, der das heimische Flair gibt, dient sowieso schon in der Kirche der Wohlfühlatmosphäre. Als Krönung für die Abenddekoration unter dem Titel "Schöner Wohnen" musste eine Stehlampe mit Fransen herhalten. "Oma Erika hat gefragt, wo ich mit ihrer Lampe hin will", erzählt Susanne Cherubim von der Leihgabe der 93-jährigen großherzigen Großmutter. So fordert der Stubenmusikant die Zuhörer im Schein von Omas Fransenstrahler musikalisch auf "Kommt, lasst uns glückwärts gehen!"

"Von Eickendorf hatte ich zuvor nie gehört. Obwohl ich eine Freundin in Helmstedt hatte, und wir auch Ausflüge in Richtung Osten machten", erzählt Joshua. Aber er freue sich, so viele nette Gesichter zu sehen. "Ich lasse meinen Wollschal um, es ist doch ziemlich frisch hier", stellt er fest. "Wir müssen sparen", sagt Frank Kaiser, Freund der Familie, feixend. Reiner Sue, Ehemann der Gastgeberin und Freund Udo Cherubim, der auch Eickendorfs Ortsbürgermeister ist, versuchen inzwischen, den Heizlüfter wieder in Gang zu bringen. Eines ist klar, der Defekt hat nichts mit Oma Erikas Lampe zu tun. Übrigens besteht das Publikum an diesem Abend nur aus Sues Familienmitglieder und Freunden und deren Freunde. Mit Schokolade auf einem Teller versüßen die Dorfbewohner den Aufenthalt des Sängers. Als Naturalien-Gage lockt außerdem ein Büfett. Doch vor dem Abendessen wird auch mit kalten Fingern auf den Gitarrensaiten gespielt.

Schnell zieht der Songpoet das Publikum in seinen Bann. Das liegt wohl auch daran, dass er zwischen den Liedern Anekdoten aus seinem Leben erzählt. Damit trifft er genau den Nerv der Zuhörer. "Als Neunjähriger habe ich eine mehrstündige Sendung mit Reinhard Mey im Radio gehört. Das hat mich damals inspiriert," erzählt der heute 44-Jährige.

Ein halbes Jahr vor seiner Abschlussprüfung als Programmierer begann Carson auf der Straße zu musizieren. Der erste Versuch auszusteigen scheiterte. "Ich fuhr mit meinem alten VW-Bus nach Teneriffa und wollte dort als Kneipenmusiker meinen Lebensunterhalt verdienen", erinnert er sich. "Diese Idee hatten viele andere schon vor mir und ich kam - wie ihr alle seht - wieder zurück." Vor drei Jahren entdeckte er die Wohnzimmerkonzerte für sich. Die Idee mit den intimen Konzerten kam gut an. Fast jeden Tag tritt er in einem anderen Ort auf. Carson gab seine Wohnung in Bad Schwartau auf und zog in ein Wohnmobil.

Der Künstler überzeugt mit gefühlvollen Balladen wie "Was ich gerade denke" davon, dass er - wie er beschreibt "fließend romantisch spricht". Wie Reinhard Mey setzt sich Carson in einigen seiner anspruchsvollen Texte auch mit gesellschaftlichen Missständen auseinander. Abgerundet wird das Programm durch humorvolle Lieder wie "Meine Deutschlehrerin", eine Hommage an seine heiß geliebte, aber leider sehr erfolglose Pädagogin. "Seine Lieder sind so gefühlvoll", schwärmt Angela Schwab und verrät: "Ich habe schon beim ersten Lied Gänsehaut bekommen." Das ist Absicht. "Ich will mit meinen Liedern Emotionen wecken und zum Nachdenken anregen." Der tosender Applaus belegt, dass ihm dies problemlos gelingt.