Volle Kulturfabrik zum Volksstimme-Wahlforum am Donnerstagabend: 240 Gäste waren gekommen, um die Standpunkte der acht Bürgermeisterkandidaten zu erfahren und auch selbst Fragen zu stellen. Und dabei ging es durchaus kontrovers zu.

Haldensleben l Zahlreiche Themen sind in dem mehr als zweistündigen Forum angesprochen und diskutiert worden. Dazu gehörten unter anderem: die Belebung der Innenstadt, der geplante Tunnelbau in der Hagenstraße, die Kultur- und Jugendarbeit, der Brandschutz, der Wunsch nach einem Kino sowie nach mehr Bürgerbeteiligung.

Tunnel


Ein besonders diskutiertes Thema an dem Abend war der geplante Tunnel unter dem Bahnübergang Hagenstraße. Einzelbewerber Fabian Damerau fand es auf Nachfrage "Wahnsinn, was da für Geld reingesteckt wird". Ralf W. Neuzerling (FDP) stellte zwar klar, dass es sich hier um ein Projekt von Bahn, Bund und Land handele, bei dem Haldensleben Vorgaben zu erfüllen habe, doch auch ihm seien die Kosten für den Tunnel zu hoch. Der Verkehr würde ohnehin über die künftige Ortsumgehung laufen.

Henning Konrad Otto (parteilos für die CDU) konterte: Es sei schlicht falsch, dass es eine Ortsumgehung geben werde ohne den Tunnel. Er erinnerte an Beschlüsse, Planungsvereinbarungen, teils bereits erreichtes Baurecht. "Das komplette Projekt kostet 27 Millionen Euro. Der Tunnel macht sechs Millionen aus, Kostenanteil für die Stadt: drei Millionen Euro. Und dabei darf man nicht vergessen, dass Haldensleben bereits in den letzten Jahren Geld in die Planungen investiert hat, das die Stadt wieder zurückbekommt." Zudem kämen noch rund 1,5 Millionen Euro Fördermittel. Die Stadt gehe also mit ihrem Kostenanteil sehr verantwortungsvoll um.

Das sieht auch Klaus Czernitzki (Die Linke) so. Auch er erinnerte daran, dass das Projekt beschlossen sei. Regina Blenkle (FUWG) indes glaubt nicht, dass der Tunnel gebaut wird: "Haldensleben ist auf Morast gebaut." Sie finde es zudem "schlecht, dass Stadtteile abgekoppelt würden". Auch sie erinnerte an die Planungsvereinbarungen, sie sehe aber ebenfalls die Kosten sehr kritisch.

Frank Schünemann (Einzelbewerber) war die erneut aufkommende Diskussion leid. "Planung und Stadtentwicklung lassen sich nicht aufhalten. Wir haben jetzt einen Fakt - und den sollte man so schnell wie möglich umsetzen." Für ihn sei der Tunnel eine verkehrliche Erleichterung.

Innenstadt

Ein weiteres Diskussionsthema des Abends war die Belebung der Innenstadt. Neuzerling brachte dabei die Öffnung der Hagenstraße für Autos ins Spiel, plädierte für eine Änderung der Verkehrspolitik. Damerau sprach von Aufstellern vor den Geschäften, bunten Schirmen. Man müsse mit dem arbeiten, was da ist und es weiter entwickeln.

Joachim Hoeft (SPD) sieht das Dilemma im Abzug der Kaufkraft durch die Nähe zu Magdeburg sowie den Internethandel. Er sei jedoch zuversichtlich, dass es in Haldensleben ein tragfähiges Konzept geben werde. Der Idee der Öffnung der Hagenstraße für Autos erteilte er eine Abfuhr: "Man muss nicht bis direkt vor die Tür fahren".

Czernitzki sieht eine Chance darin, mehr Dienstleistung in die Hagenstraße zu bringen, Blenkle brachte unter anderem die Idee in die Runde, auch das Handwerk mit hineinzuholen. Für Otto gab es in der Diskussion zu viel Schwarzmalerei. Haldensleben habe sich wirtschaftlich gut entwickelt, durch Zuzüge sei die Altstadt auch jünger geworden. Einzelhandel und Gastronomie könnten noch ausgebaut werden, aber man solle nicht immer alles schlecht reden.

Wirtschaft


Wie die klein- und mittelständische Wirtschaft gefördert und besser eingebunden werden könne, wollte Dietlind Kinnemann von Einzelbewerber Reinhard Schreiber, Neuzerling und Blenkle wissen und fragte nach konkreten Plänen. Schreiber möchte dazu zunächst mit den Firmen ins Gespräch kommen, um zu erfahren, wo der Schuh drückt. Außerdem könne er sich regelmäßige Treffen zum Informationsaustausch vorstellen. Neuzerling plädierte dafür, Klein- und Kleinstgewerbe im Innenbereich der Stadt mehr zu fördern. Auf mehr Forschung und Wissenschaft setzt Kandidatin Blenkle. Ihr schwebt ein Forschungsstandort Haldensleben vor, dann könnte auch mehr Gewerbe angesiedelt werden.

Bürgerbeteiligung

Wie die Bürger bei Entscheidungen mehr einbezogen werden können, wollte Birgit Hagemeister von den Kandidaten wissen. Hier herrschte im Podium mehrheitlich die Auffassung, dass es schon jetzt Möglichkeiten der Beteiligung gebe. Allerdings müssten sie von den Bürgern auch angenommen werden. Als Beispiel wurden hier die Teilnahmen an öffentlichen Ausschuss- oder Stadtratssitzungen genannt. Ansonsten zeigten sich alle Kandidaten jederzeit gesprächsbereit.

Konsens herrschte auch beim Wunsch nach der Wiederbelebung des "Friedensecks" durch ein Kino. Initiativen würden die Kandidaten unterstützen. Doch für Betreiber sei es schwierig in Haldensleben mit der Nähe zu Magdeburg. Und vor allem müssten dann auch die Haldensleber hingehen.

Zum Ende des mehr als zweistündigen Forums gab es noch einen emotionalen Appell von Martina Wiemers an alle Kandidaten: "Ich schäme mich manchmal, wenn ich sehe und lese, was im Stadtrat los ist. Egal wer von Ihnen Bürgermeister wird, ich hoffe, dass dann alle gut miteinander arbeiten - ich bitte darum!"

   

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