Singen verbindet - auch über Ländergrenzen und Kulturen hinweg. Das zeigt ein Projekt, das sich mittlerweile in Haldensleben etabliert hat: ein Eine-Welt-Chor. Haldensleber und Asylbewerber singen hier gemeinsam, lernen sich kennen.

Haldensleben l "Kumbaya my Lord", oder auch "Bruder Jacob" klingt es vielstimmig im Mehrgenerationenhaus EHFA in Haldensleben. Immer freitags trifft sich hier der Eine-Welt-Chor. Haldensleber und Asylbewerber haben sich hier zu einem bunten Chor zusammengefunden. Auch wenn die Töne nicht immer richtig sitzen, so sind alle mit Spaß bei der Sache, die deutschen Wörter klingen bei den Asylbewerbern immer sicherer, kommen deutlicher. Und das ist auch eines der Ziele des Chorprojektes.

Initiiert wurde der Eine-Welt-Chor von der Journalistin Marita Bullmann. Durch ihre Arbeit hatte sie oft mit Asylbewerbern zu tun - und hat dabei gemerkt, dass es Sprachprobleme und Unsicherheiten gibt. Auch wurde immer wieder der Wunsch laut, mehr Kontakt zu den Haldenslebern zu bekommen, erzählt sie.

Singen verbindet, dachte sie sich und nahm zum ehemaligen Musiklehrer und Chorleiter Albert Konrad Kontakt auf. Der war von der Idee sofort angetan. Auf der Suche nach einem geeigneten Proberaum wurden sie schließlich im Mehrgenerationenhaus "Ein Haus für Alle" (EHFA) fündig. Fehlte also nur noch ein Träger, der das Projekt unter seine Fittiche nimmt. Der Verein zur Förderung der Kultur- und Heimatpflege fand sich als Unterstützer.

Eine der Hauptaufgaben des Vereins ist es, für möglichst alle Voraussetzungen zu schaffen, um ihren kulturellen Interessen nachzugehen. Und der Verein fühle sich verpflichtet, auch für die Neubürger in Haldensleben, auch wenn sie nur kurz hier wohnen sollten, die Voraussetzungen für eine kulturelle Betätigung zu schaffen, sagt Dr. Michael Reiser, stellvertretender Vereinsvorsitzender und Mitsänger im Eine-Welt-Chor. Der Verein möchte die Initiative unterstützen und organisatorisch absichern, beispielsweise durch die Beantragung von Fördergeldern.

"Wir lernen und üben die Aussprache - und wir sind mit netten Menschen zusammen."

Simon Okbamichael aus Eritrea

Mit kleinen Infozetteln an neuralgischen Stellen in der Stadt wurde ordentlich Werbung für das Projekt gemacht. Und so kamen zum ersten Treffen rund 20 interessierte Deutsche und eine Zugezogene. So richtig wusste da aber noch keiner, welche Richtung das Projekt nehmen würde. Dennoch ging man das Ziel mit viel Engagement an. Mittlerweile gibt es einen Sängerstamm, aber es kommen immer wieder Neue dazu. Neben den freitäglichen Proben im EHFA wird seit sechs Wochen ein Mal in der Woche direkt im Asylbewerberheim an der Hafenstraße gesungen.

So kommen jetzt meist 20 bis 25 Deutsche und Asylbewerber zusammen, um gemeinsam zu singen, sich kennenzulernen. Gesungen wird englisch, ein bisschen französisch und natürlich vor allem deutsch. "Bruder Jacob", "Es war eine Mutter" oder "Kuckuck" hilft den jungen Männern aus Eritrea, Burkina Faso oder Afghanistan, die deutsche Sprache weiter zu lernen, die Aussprache zu festigen.

Simon Okbamichael aus Eritrea freut sich über das Angebot, ist regelmäßig bei den Proben dabei. "Das Singen hilft beim Lernen der deutschen Sprache. Wir lernen und üben die Aussprache - und wir sind mit netten Menschen zusammen", sagt er. Die Asylbewerber haben zwar in der Regel einfache Deutschkurse, doch sie haben überhaupt keine Sprachpraxis. Sie reden miteinander meist in ihrer Landessprache. Simon spricht zudem noch gut englisch, muss häufig für seine Landsleute dolmetschen. Beispielsweise beim Arzt.

"Ich fand die Idee genial: Fremde, die miteinander etwas tun, wobei man sich kennenlernt und voneinander lernen kann."

Theda von Graeve

Von dem Projekt angetan war auch Theda von Graeve. Mehrere Jahre hatte sie in einem Chor gesungen, hatte immer Lust, dies wieder zu tun, wie sie sagt. Gleichzeitig wollte sie sich bei der Flüchtlingshilfe einbringen. Da kam der Eine-Welt-Chor gerade recht.

"Ich fand die Idee genial: Fremde, die miteinander etwas tun, wobei man sich kennenlernt und voneinander lernen kann. Die jungen Männer sind so höflich und zuvorkommend. Und wenn sie mich fragen, wie es mir geht, beschämt es mich fast und all meine Probleme und Sorgen werden klein bei dem Gedanken, wie sie sich bei allem offensichtlichen Lebensmut wohl selbst häufig fühlen müssen nach dem, was sie bisher durchgemacht haben und so fern der Heimat und allen Vertrauten sind", sagt Theda von Graeve.

Mittlerweile hat sich das Projekt weiter in Haldensleben herumgesprochen, kommen neben dem festen Sängerstamm weiter Neue hinzu. Und das auf zum Teil verschlungenen Wegen. Zerabruk Gebregzabher beispielsweise kam eines Tages mit seinen Notenblättern vom Singen in die Kleiderkammer des DRK. Hier ist Martina Schoof seit einigen Jahren ehrenamtlich tätig. So erfuhr sie von dem Chor und singt nun auch mit. Sie hatte bereits vorher in einem Chor gesungen und ist nun froh, wieder einen Chor gefunden zu haben.

Der ehrenamtliche Chorleiter Albert Konrad ist ganz angetan von seinen neuen "Schülern". "Ich wollte eigentlich keinen Chor mehr übernehmen. Aber dieser Chor hat so viel Potenzial, und es macht Spaß mit ihm zu arbeiten. Die Stimmen der jungen Männer zu entwickeln, ist sehr reizvoll", sagt er.

Nun steht der Eine-Welt-Chor bereits vor seinem ersten öffentlichen Auftritt. Zum "Tag der Begegnung" am Sonnabend, 9. Mai, im Asylbewerberheim an der Hafenstraße wird der Chor auftreten. Nach der Begrüßung um 10 Uhr soll er anstimmen. Aufgeregt sind die Sänger bereits. Doch es überwiegt vor allem die Freude, dass das Projekt sich mehr und mehr etabliert.

"Ich wollte eigentlich keinen Chor mehr übernehmen. Aber dieser Chor hat so viel Potenzial."

Chorleiter Albert Konrad

Mitstreiter sind jeder Zeit gern gesehen, der Chor steht weiter offen für Interessenten. "Wir rufen alle auf, die daran interessiert sind, für unsere neuen Bürger ein Gefühl des Willkommens zu schaffen, die daran interessiert sind, sich mit deren Schicksalen vertraut zu machen oder sie einfach kennenzulernen: Kommen Sie zu uns! Unterstützen Sie uns! Das gemeinsame Singen kann nur der Anfang sein", so Michael Reiser.