"Gelehrte, Forscher und Entdecker in den Dörfern zwischen Calvörde und Klein Oschersleben", so lautet der Titel der Ausstellung, die in der Geschichtswerkstatt "Samuel Walther" zu sehen ist. Groß war der Andrang schon bei der Eröffnung. Es folgt eine Serie von Vorträgen zum Thema.

Wegenstedt l Die Ausstellung entstand nach einer Idee und nach sehr zeitaufwendigen Recherchen und Vorarbeiten der Pastorin Irene Heinecke und ihres Mannes, Dr. Berthold Heinecke. Mit einem Vortrag von Professor Siegfried Wollgast aus Dresden sollte die Ausstellungszeit beginnen. "Leider konnte der Referent Wegenstedt wegen des Streiks der Lokführer nicht erreichen", erklärte die Pfarrerin. Professor Wollgast wird seinen Vortrag nun am Sonntag, 31. Mai, um 14 Uhr halten. Trotzdem konnte die Ausstellungseröffnung mit zahlreicher Beteiligung von Gästen stattfinden. Das Ehepaar Heinecke legte abwechselnd den Zuhörern ihre Gedanken zur Thematik lebendig dar. Mucksmäuschenstill war es in dem Vortragsraum. Alle folgten den Ausführungen aufmerksam, die Vergangenes lebendig werden ließen.

Heinecke berichtete unter anderem über Johann Heinrich Helmuth, Pastor in Calvörde am Ende des 18. Jahrhunderts. "Helmuth war leidenschaftlicher Verfasser populärwissenschaftlicher Werke - hat nicht nur eine Volksnaturlehre zur Bekämpfung des Aberglaubens verfasst - sie liegt in unserer Vitrine aus - sondern er verfasste auch eine Einführung in die Astronomie unter dem Titel ,Erste Gründe der Sternwissenschaft`", schilderte Heinecke.

In Büchern fixiertes Wissen, so wurde es aus Heineckes Ausführungen deutlich, war auch schon früher nicht auf die Gruppe der berufsmäßigen Gelehrten beschränkt, sondern fand sein Publikum auch in anderen Volksschichten. Damit war schon ein wesentliches Element genannt, das die Mitglieder des Freundeskreises der Geschichtswerkstatt zu dieser Ausstellung inspirierte.

In der Ausstellung geht es auch um "Die Geburt der Wissensgesellschaft". So lautete auch der Untertitel eines vielbeachteten Buches von Peter Burke - als einem europäischen Phänomen. "Ein Phänomen, das vielleicht eine Erklärung dafür abgibt, wie es geschehen konnte, dass Europa, obwohl im Mittelalter hinter kulturellen Zentren wie dem Nahen Osten oder China weit zurückgeblieben, seit dem 15. Jahrhundert eine Dynamik entfaltete, die schließlich zu einer Europäisierung der ganzen Welt führte. Dies konnte unter anderem nur geschehen - so die These - weil Wissen und Bildung nicht auf eine schmale Elite beschränkt blieb, sondern sich in allen Volksschichten ausbreitete.

Die Schulausstellung des vergangenen Jahres, die der Wegenstedter Ewald Koch als einstiger Lehrer zusammengestellt hatte, hat dieses Phänomen sozusagen von der anderen Seite des Spektrums her beleuchtet.

Eine wichtige Rolle bei der Wissensverbreitung spielten die Universitäten. "Es wird heute oft vergessen, dass es knapp 30 Kilometer von hier eine bedeutende Universität der frühen Neuzeit gab, nämlich Helmstedt", sagte Heinecke. Mehrere der in der Ausstellung vorgestellten Personen sind mit Helmstedt verbunden, Johann Heinrich Helmuth und Gebhard Johann I. von Alvensleben studierten dort. Zur Blütezeit der Universität in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte Helmstedt etwa 2500 Einwohner - war also nach heutigen Begriffen eher ein Dorf - und hatte bis zu 800 Studenten. "Dies strahlte ins Umland aus und Helmstedter Professoren beschäftigten sich mit der regionalen Geschichte, so zum Beispiel Heinrich Meibohm der Ältere, der eine auch heute noch wertvolle Geschichte des Kollegiatstiftes zu Walbeck schrieb. Und nicht zuletzt gab es dort eine bedeutende Bibliothek", sagte Irene Heinecke.

Das Neue in der Wissenschaft wurde jedoch besonders außerhalb der Universitäten gepflegt. Schon im 16. Jahrhundert bildeten sich Vereinigungen von Gelehrten und interessierten Laien, die sich der Förderung der Naturwissenschaften und Entwicklung der deutschen Sprache und Literatur una anderen Gebieten widmeten. Neben den berühmten Vereinigungen wie der Leopoldina oder der Fruchtbringenden Gesellschaft in Köthen gab es auch weniger berühmte wie die Herzogliche Deutsche Gesellschaft in Helmstedt. Marie Charlotte von Schenk und Johann Heinrich Helmuth waren Mitglieder dieser Gesellschaft.

"Wenn auch die hier vorgestellten Personen auf dem Dorf lebten, so hatten doch einige von ihnen die große Welt gesehen: Joachim I. und sein Sohn Gebhard unternahmen in ihrer Jugend ausgedehnte Bildungsreisen", zählte Irene Heinecke auf.

Auch Maximilian Wahnschaffe lernte viele Länder Europas kennen. Mit dem 19. Jahrhundert dehnte sich der Horizont für immer mehr Leute auf die ganze Welt aus, der Reiseschriftsteller Stefan von Kotze ist dafür ein gutes Beispiel. Seine Bücher waren über Jahrzehnte populär und so mancher mag sich mit ihnen in fremde Länder geträumt haben. "Unsere Ausstellung findet ihr zeitliches Ende Mitte des 20. Jahrhunderts. Dies ist kein Zufall. Denn das was in den vergangenen Jahrhunderten die Spezifik des Dorfes ausmachte nämlich die Abgeschiedenheit, endet flächendeckend im 20. Jahrhundert", ergänzte Koch. Schienen- und Autoverkehr, Telefon, Radio und Fernsehen und schließlich das Internet hätten alle räumlichen Beschränkungen aufgehoben und tatsächlich so etwas wie ein globales Dorf geschaffen.

Die Ausstellung ist bis zum 2. August immer sonntags von 14 bis 16 Uhr oder nach Vereinbarung zu sehen.

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