Auf ein großes Interesse ist am Sonnabend die erste öffentliche Führung zur entdeckten Sumpfburg auf dem Hermes-Gelände gestoßen. Etwa 100 angemeldete Besucher ließen sich von den Archäologen die bedeutsamen Funde und deren geschichtliche Einordnung näher erläutern.

Haldensleben. Lange hatten sie darauf warten müssen, am Sonnabend war es nun soweit: 100 Haldensleber und Gäste, die sich bereits im Dezember des vergangenen Jahres zur ersten öffentlichen Führung auf das Grabungsfeld auf dem Hermes-Gelände angemeldet hatten, konnten nun endlich unter fachlicher Führung selbst die teilweise freigelegte und noch immer viele Geheimnisse bergende Sumpfburg in Augenschein nehmen. Die erste Führung war wegen schlechten Wetters abgesagt worden.

"Als wir hier hergekommen sind, wussten wir schon, dass wir viel finden werden. Wir waren auf vieles vorbereitet. Doch was wir dann hier gefunden haben, hat uns selbst überrascht", gestand Dr. Susanne Friederich, Projektleiterin vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Halle. Der Fund der Sumpfburg sei "ein Baustein deutscher Geschichte", der noch vieles verberge.

"Wir erhoffen uns noch sehr, sehr viel von den Grabungen. Hier bietet sich uns die einmalige Chance, einen kompletten Einblick in die Geschichte zu bekommen", sagte die Projektleiterin. Der Umstand, dass der Grabungsbereich sehr nass und "torfig" ist, macht zwar die Arbeit der Archäologen ziemlich schwierig. Andersherum aber haben sich die Fundstücke durch die Feuchtigkeit außerordentlich gut gehalten. Die Archäologen gehen gar davon aus, dass sie neben den sehr gut erhaltenen Baumstämmen weiteres organisches Material finden können. Dr. Friederich gibt sich optimistisch: "Wir werden rekonstruieren können, was hier angebaut wurde und wie die Menschen damals Landwirtschaft betrieben haben."

Die Hoffnungen und Wünsche der Archäologen gehen sogar noch weiter. Mit einem Augenzwinkern verriet die Projektleiterin, dass sich Kollegen wünschen, bei weiteren Grabungen ein Holzboot zu finden, sie selbst wünsche sich eine Moorleiche - möglichst die Herzogin Gertrud von Haldensleben. Ihr nämlich wird der Bau der Sumpfburg zugesprochen. Eine Untersuchung der mächtigen Holzbalken habe gezeigt, dass die Hölzer im Winter 1076/1077 geschlagen wurden. Hier zeichne sich ein Zusammenhang mit der als "Sachsenaufstand" bezeichneten Erhebung gegen den salischen König Heinrich IV. ab, bei der die Herzogin Gertrud von Haldensleben eine wichtige Rolle spielte.

Nach der schweren Niederlage der aufständischen Sachsen an der Unstrut im Jahr 1075 hatten sich die noch gegen den Salierkönig aufbegehrenden sächsischen Fürsten wohl im Haldensleber Raum verschanzt. Gertrud von Haldensleben war 1075 in salische Gefangenschaft geraten, aus der sie 1076 freikam. In den folgenden Jahrzehnten stand sie zusammen mit ihrem Enkel, Lothar von Süpplingenburg, der 1125 schließlich die deutsche Königswürde erlangte, im Zentrum des sächsischen Widerstandes.

Klar ist laut Archäologen bereits, dass die gefundene Wehranlage zu dieser Zeit sehr schnell und mit sehr viel Holz errichtet wurde. Die Burg ist als quadratische, kastellartige Befestigung mit etwa 35 Metern Seitenlänge angelegt worden. Die Vorderseiten der Befestigungswälle bestanden aus massiven Bohlen, hinter denen grob zurechtgehauene Eichenstämme saßen. Die Längshölzer waren im rechten Winkel mit Stämmen verkämmt, die als Ankerbalken in einem Wall lagen.

Freundeskreis soll gegründet werden

Von der ursprünglich mehrere Meter hohen Wallkonstruktion haben sich die zwei untersten Lagen aus Stämmen mit bis zu 60 Zentimetern Durchmesser vollständig erhalten. Wahrscheinlich in einer jüngeren Bauphase hat man vor der hölzernen Wallfront eine etwa 1,7 Meter breite zweischalige Mauer aus in Kalkmörtel gesetzten Steinen errichtet. "Wann genau diese Steinmauer gesetzt wurde, darüber sind wir uns noch nicht ganz einig. Sie ist aber so exakt gesetzt worden, dass man den Erbauern der Haldensleber Stadtmauer eigentlich Pfusch am Bau bescheinigen müsste", sagte die Projektleiterin schmunzelnd.

Bei der gefundenen Burg soll es sich aber nicht um die überlieferte Burg Niendorf handeln. "Das hier ist etwas Neues", so Dr. Friederich. In der schriftlichen Überlieferung taucht die Burg Niendorf erst anlässlich ihrer Zerstörung im Jahr 1167 auf. Damals soll Erzbischof Wichmann von Magdeburg die dem Welfen Heinrich dem Löwen gehörenden Burgen Niendorf und (Alt-)Haldensleben zerstört haben. Nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen konnte Wichmann im Jahr 1181 auch die von Heinrich dem Löwen in der Ohreniederung planmäßig angelegte Marktsiedlung Neuhaldensleben zerstören. Die Bewohner Neuhaldenslebens sollen daraufhin nach Niendorf übergesiedelt sein. Niendorf erlangte so für einige Jahrzehnte frühstädtischen Charakter.

Südöstlich der hochmittelalterlichen Burganlage konnten in den vergangen Monaten umfangreiche Spuren der Besiedlung Niendorfs aus dem 12. und 13. Jahrhundert dokumentiert werden. Neben Teilen des Friedhofs und der Kirchhofsmauer haben die Archäologen die Struktur der Siedlung mit Holz- und Steingebäuden, Ofenanlagen, Brunnen und Kloaken bereits entdeckt. Besonderer Fund hier: ein mittelalterlicher Kalkbrennofen. Insgesamt brachten die Archäologen mehr als 2000 Funde zutage.

Was die Funde der Burg anbelangt, so wird derzeit alles genau dokumentiert und Stück für Stück abgebaut. "Das Holz wird geborgen und sofort wieder unter Wasser gebracht, damit es nicht zerstört wird. Momentan haben wir ein Viertel freigelegt. Wir machen uns derzeit intensiv Gedanken, wie wir weiter vorgehen können", so die Projektleiterin zum Schluss der gut einstündigen Erläuterungen.

Dass die Archäologen auf dem Hermes-Gelände weiter suchen können, dafür stehen die Zeichen derzeit gut. Sowohl von Hermes als auch von Landesministerien kamen Zusagen der Unterstützung. Angesichts des großen öffentlichen Interesses soll sich nun auch ein "Freundeskreis Burg Niendorf" gründen. Stadt-Sprecher Lutz Zimmermann verteilte am Sonnabend bereits Anmeldeformulare. "Die Mitglieder sollen zunächst immer über Neuigkeiten informiert werden. Wie weit die Arbeit des Freundeskreises darüber hinaus aussehen kann, müssen wir sehen", so Zimmermann. Wer Interesse an dem Freundeskreis hat, kann sich per E-Mail anmelden:

niendorf@haldensleben.de