Haldensleben (ah/fl). "Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen: Wenn so etwas noch einmal passiert, mache ich vor dem Wahllokal kehrt." Volksstimme-Leserin Anja Fieseler schüttelt noch immer mit dem Kopf, wenn sie an den Wahlsonntag zurückdenkt.

Die 30-jährige Haldensleberin sitzt im Rollstuhl. In ihrem Wahllokal, eingerichtet in der Kindertagesstätte "Regenbogen" in Althaldensleben, wollte sie am Sonntag ihre Erst- und Zweitstimme zur Landtagswahl abgeben. "Ich halte es für wichtig und verantwortungsvoll, zur Wahl zu gehen. Nicht nur, weil es immer wieder von Politikern, die gewählt werden wollen, gefordert wird", sagt die junge Frau. Und sie handelt entsprechend.

"Ich möchte nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein"

Doch vor der Kita türmt sich vor der Frau im Rollstuhl eine dreistufige Treppe auf. "Ich habe fest damit gerechnet, dass der Eingang zum Wahllokal barrierefrei gestaltet ist. Nicht nur, weil an diesem Tag hier das Wahlbüro ist. Eine Kindereinrichtung ist doch schließlich eine Stätte für Kinder und Mütter, die mit dem Kinderwagen kommen", sagt Anja Fieseler verständnislos und fügt hinzu: "Bei mir ist es ja nicht so schlimm. Ich konnte mich bemerkbar machen. Aber ältere Menschen, die schlecht laufen können, haben wohl viel größere Probleme ohne einen vernünftigen barrierefreien Zugang zu ihrem Wahllokal."

Die drei Stufen sind für die junge Frau im Rollstuhl zuviel, um aus eigener Kraft in das Gebäude zu gelangen. Zu ihrem Glück kamen gerade andere Wähler, die ihr gern geholfen haben. Sie sagten im Wahllokal Bescheid, kurze Zeit später kam ein freundlicher Wahlhelfer heraus und kümmerte sie um Anja Fieseler.

"Das hätten auch meine Eltern selbstverständlich getan", sagt Anja Fieseler. "Aber ich möchte unabhängig sein und nicht beim Betreten von öffentlichen Gebäuden, wie einem Wahllokal, auf fremde Hilfe angewiesen sein."

Die junge Frau kennt das Problem nur zu gut. Bei einer Wahl vor einigen Jahren stellte sich ihr das Thema "behindertenunfreundlich" schon einmal, vor dem Rathaus am Markt. "Dort hat man mittlerweile einen behindertengerechten Zugang geschaffen. Auch in anderen öffentlichen Gebäuden in der Kreisstadt. Doch als Rollstuhlfahrerin reagiert man viel aufmerksamer und feinfühliger auf Hindernisse, die für einen nicht behinderten Menschen gar keine Hürden sind", weiß sie aus Erfahrung und stellt fest: "Leider wird immer noch das Thema Barrierefreiheit vielerorts stiefmütterlich behandelt."

"Das Thema wurde in der Verwaltung ausgewertet"

Lutz Zimmermann, Pressesprecher der Stadtverwaltung Haldensleben, erklärt auf Volksstimme-Anfrage: "Das Thema Barrierefreiheit hat bei der Auswertung der Landtagswahl in der Verwaltung eine Rolle gespielt. Wir werden deshalb in Zukunft alle Wahllokale diesbezüglich überprüfen und im Vorfeld einen behindertengerechten Zugang schaffen."

Anja Fieseler hatte das nach ihren schlechten Erfahrungen vor Jahren eigentlich schon am vergangenen Wahlsonntag erwartet. "Ich stehe nicht nur positiv zum Thema Wahlen, sondern insgesamt optimistisch zum Leben. Bei so schönem Wetter wie am Sonntag möchte ich einfach raus, unter Leute gehen und ohne große Bitten um Hilfe überall dabei sein können. Deshalb wollte ich auch selbst zur Wahl gehen und habe bewusst auf die Option Briefwahl verzichtet", sagt Anja Fieseler.

Sie hofft auf die nächste Wahl und darauf, dass die Stadtverwaltung Wort hält ...