Calvörde. Zur Vorstellung des Buches "Konfrontation mit dem Schicksal", in dem Werner Bloch - als ein Calvörder Überlebender des Holocaust - über sein Schicksal erzählt, begrüßte Karl-Heinz Lindeke, Vorsitzender des Calvörder Heimatvereins, über 70 Gäste im Goldenen Löwen. "Bloch ist in Calvörde aufgewachsen. Er lebt heute in Holland", erklärte Lindeke. "Wir wollen nicht den Inhalt der Lektüre vorstellen, sondern neugierig auf diese kleine Broschüre machen", sagte Pfarrer Andreas Knauf und beschrieb: "Die Jugendlichen aus unserer Kirchengemeinde hatten sich im Rahmen des Projektes ,Zeitensprünge\' der Initiative der Stiftung Demokratische Jugend für die Herausgabe des Buches in deutscher Sprache starkgemacht. Herausgekommen mit der Begegnung von Werner Bloch, den wir in Amsterdam besuchten, ist auch eine Ausstellung und das Verlegen von sechs Stolpersteinen auf dem Calvörder Marktplatz vor der letzten Wohnstätte der Familie Bloch.", erklärte Knauf und betonte: "Das Wichtigste überhaupt war, dass sich Jugendliche bereitfanden, sich mit den Themen Faschismus, Holocaust und Vergangenheitsbewältigung sowie mit Judenverfolgung, Schuld und Sühne auseinander zu setzen."

Knauf schilderte die Fahrt der jetzt schon älteren Jugendlichen nach Amsterdam. "Wir hatten die Ehre und durften Herrn Bloch interviewen", erinnerte sich Knauf und dankte im Besonderen Dr. Reinhard Rücker, der die Arbeit der Jugendlichen mit angestoßen und begleitet sowie den Kontakt zu Bloch hergestellt hatte.

Gemeinsam mit den Jugendlichen erzählte Knauf, wie es zum Buch kam. "Im Sommer 2006 waren wir auf der Suche nach ihm - dem letzten jüdischen Zeugen aus Calvörde", sagte der Pfarrer. Daniela Uhe erzählte weiter: "Er wollte eigentlich zu seiner Leidensgeschichte keine Interviews mehr geben und sagte: ,Sie lassen mich die Nacht vorher keine Ruhe finden, weil alles wieder so nah ist.\'"

Lebten in Calvörde überhaupt Juden? Natürlich!

Die Spurensuche begann. "Lebten in Calvörde überhaupt Juden? Natürlich! Wir fanden hier eine zur Klempnerwerkstatt mutierte Synagoge in der Neustadtstraße. Heute steht die Synagoge unter Denkmalschutz. Doch kaum einer denkt mal nach. Das Gebäude verrottet wohl eines Tages, denn niemand hat Geld", sagte Carolin Wolf. "Die merkwürdigen Überreste eines eingezäunten Friedhofes - nahe des Grieps gelegen - sind nur durch eine Tür mit Schlüssel begehbar. Eifrige finden einen Durchschlupf und können die restaurierten Grabsteine sehen", erzählte Nicole Bösche.

"Werner Bloch nannte uns Namen, die sich gegen seine Familie im Dritten Reich hervorgetan haben. Er nannte Namen von Freunden, die zu seiner Familie gehalten haben. Er erinnerte sich an Namen von echten und unechten Freunden, denen er bei seinem einzigen Besuch vor etwa zehn Jahren in Calvörde begegnet war", berichtete Daniela Uhe.

Bloch erzählte den jungen Leuten damals von seinen Kindheitserinnerungen in Calvörde. Er erzählte von seiner Flucht nach Holland, seinem Aufenthalt in den Lagern Westerbork, später Theresienstadt, Auschwitz ... und dann vom "Todesmarsch" in Richtung Lübeck. Er erinnerte sich an die Befreiung durch die Engländer. Später ließ er sich in Holland nieder und begann dort, Spielzeug zu produzieren. "Bloch lernte in Holland seine heutige Frau kennen. Seine erste Frau verstarb mit seinem Kind im Leib im Lager Auschwitz", berichtete Carolin Wolf und ergänzte: "Kinder und Enkelkinder gehören nun zu seiner Familie. In ihm ist auch Dankbarkeit, dass er das alles noch erleben konnte. Viele Millionen Menschen haben dies nicht erleben dürfen, weil ein furchtbares Regime denen das Leben verweigerte." Carolin Wolf las Passagen des Buches vor und verbreitete so Gänsehaut und eine überaus nachdenkliche Stimmung.

Was wäre, wenn ich auf der anderen Seite gestanden hätte?

Das Buch ist nicht nur ein historischer Abriss. Der Autor stellt die Frage: "Was wäre, wenn ich auf der anderen Seite gestanden hätte. Wie hätte ich mich wohl verhalten?" Pfarrer Knauf dazu: "Für jemanden, der so viel Schreckliches erlebt hat, ist das eine unheimlich faire Geste. Er blickt ohne Zorn zurück - ehrlicher kann ein Buch nicht sein." Knauf berichtete, dass Bloch an diesem Abend im Gedanken in Calvörde sei. "Wir haben vorhin noch telefoniert. Er wäre gern heute hier, aber er ist schon über 90 Jahre alt und das Reisen macht ihm sehr zu schaffen. Er ist mit seiner Familie essen gegangen", erzählte der Pfarrer und bedankte sich beim Erinnerungszentrum Westerbork, das es gestattet hatte, dass die Broschüre in deutscher Sprache übersetzt und verlegt werden durfte.

"Wir wollen mit dem Buch kein Geld verdienen, aber wir haben die Kosten ausgelegt. Es gab auch Spenden, deshalb kostet das Buch nur 7,50 Euro. Es ist im Pfarramt und im Elektrogeschäft am Markt erhältlich", sagte Knauf.

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