Einen roten Faden zieht Dr. Jürgen Schrader in seinem Buch durch 1200 Jahre Calvörder Geschichte. Am Donnerstag stellte der Hobbybuchautor sein Werk im sehr gut besuchten "Goldenen Löwen" vor. Schrader reiste in seiner Lektüre durch die Jahrhunderte und gab einige Leseproben von seiner ganz besonderen Spurensuche.

Calvörde. Karl-Heinz Lindeke, der Vorsitzende des Calvörder Heimatvereins, begrüßte am Donnerstagabend die vielen Gäste zur Buchvorstellung "Der Flecken Calvörde - eine 1200-jährige Geschichte". Autor Dr. Jürgen Schrader gestand in seinen einleitenden Worten: "1200 Jahre sind schon schwer auf 250 Seiten niederzuschreiben. Noch schwerer ist es, sie in einer dreiviertel Stunde abzuhandeln."

Über die Vergangenheit des Fleckens liegen bereits sechs Abhandlungen vor: Die Schriften von Friedrich Röver (1832), Heimatforscher Peter Wilhelm Behrends (1844), Bürgermeister Karl Vibrans (1905), Lehrer Rudi Fischer (1996), Apotheker Klaus Wolf (1999) und Siedlungsgeograph Prof. Dr. Wolfgang Meibeyer (2002). Diese Schriften sind der Kern seiner Darstellungen, erklärte Schrader und ergänzte: "Weitere wichtige Quellen sind die Einsichtnahmen in Akten und Archive, die Aussagen von Zeitzeugen und die Fachliteratur zur regionalen Geschichte."

Bei der Entstehung des Buches ging Schrader auf eine besondere Spurensuche. Er wollte wissen, wie alt Calvörde wirklich ist. 1996 wurde "800 Jahre Calvörde" gefeiert. Die 800 Jahre ergeben sich aus einer Urkunde aus dem Jahre 1196, in der Calvörde erstmalig erwähnt wurde.

Jetzt kommt Jürgen Schrader und redet von 1200 Jahren. "2002 war ich im Niedersächsischen Staatsarchiv in Wolfenbüttel auf der Suche nach Unterlagen über den Calvörder Hexenprozess von 1621. Ein Mitarbeiter zeigte mir ein gerade herausgekommenes Urkundenbuch der Bischöfe von Verden" Darin war ein Schriftstück enthalten. Demnach sollte Calvörde schon 786 ein Grenzort des Bistums Verden gewesen sein. "Insgesamt habe ich sieben Spuren ausfindig gemacht. Mögen die aufgefundenen Spuren jede für sich mit Unsicherheiten behaftet sein. Zusammen zeichnen sie aber ein Bild. Und das führt etwa 1200 Jahre zurück", ist sich der Autor sicher. Er beschrieb die Struktur der Lektüre. "Das Buch ist in zehn Kapitel und einen Bildteil gegliedert." In Auszügen schilderte der Autor die Entwicklung der Region. Es beginnt mit der Entstehung der Calvörder Scholle im Zechsteinmeer vor 270 Millionen Jahren, führte über die Eiszeit zu den sächsischen und wendischen Vorfahren in die Zeit des Mittelalters. Die Ohrefurt, die Burg und der Name waren mit der ersten Ansiedlung verbunden. Weitere Themen sind Calvörde zu Braunschweig, die Entwicklung des Bauernstandes und des Handwerks, Calvörde als Schmuggelnest.

Die Industrialisierung, die beiden Weltkriege, Amerikaner und Russen besetzten den Ort und Calvörde im Sozialismus sowie im wiedervereinigten Deutschland stehen im Buch für die unruhige Zeit des letzten Jahrhunderts. Schrader erzählte auch Episoden. Zum Beispiel, dass Günter Baake sich noch gut erinnern kann, dass sich die Amerikaner während der Besetzung von Calvörde mit Stiefeln in die Betten seiner Oma gelegt hatten. Die Großmutter musste den ungebetenen Gästen Eierback machen und selbst vom Essen probieren. Die Amis wollten sicher gehen, dass die Oma sie nicht vergiftet.

"Warum ich das Buch geschrieben habe? Das ist für mich kein Geschäft, sondern ein Hobby, das Geld kostet. Der eine Mann hat eine Freundin, der nächste spielt Golf und der nächste hat ein Boot, und ich hab\' das Buch geschrieben", feixte Schrader und dankte seiner Frau für ihr Verständnis und sagte: "Statt im Garten zu arbeiten, habe ich an meinem Buch geschrieben."

Schrader sagte abschließend: "Ich bedanke mich beim Landkreis Börde, der das Buch mit Kulturfördermitteln unterstützt hat und bei den vielen Mitbürgern, die mir Auskünfte und Ratschläge gegeben haben. Ein Dankeschön geht auch an die Fotografin Anett Roisch, die die Bilder zum Buch geliefert hat."

Landrat Thomas Webel dankte dem Autor höchstpersönlich mit einer Flasche Wein. Webel lobte das Engagement des Autoren und der Fotografin. "Wenn die Menschen, die in der Region leben, sich nicht mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen, wird es kein anderer tun", sagte Webel und betonte: "Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, dass Menschen ehrenamtlich bereit sind, Geschichte aufzuschreiben."

Auch Calvördes Bürgermeister Volkmar Schliephake sagte dem Hobbyspurensucher Dankeschön und versprach: "Wir werden auch in dieser Mitgliedsgemeinde Calvörde weiter Geschichte schreiben."

Ab Dienstag nächster Woche wird das Buch im Handel erhältlich sein. Aber schon am Abend der Vorstellung war der Andrang auf den geschichtlichen Lesestoff sehr groß.