100 Jahre alt wird die Weule-Uhr im Bülstringer Torturm in diesem Jahr. Sie wird gehegt und gepflegt, damit sie auch in diesem Alter noch ganz genau die Zeit anzeigt. Das Turm-Team zerbrach sich den Kopf über ein Geburtstagsgeschenk und bat schließlich geschichtlich Interessierte, der Jubiläumsuhr doch 100 kleine Uhren zu schenken. 22 noch oder nicht mehr tickende Zeitmesser liegen bereits im Turm.

Haldensleben. "Das ist doch toll", freut sich Stadtführerin Corinna Leder, die sich mit weiteren Mitstreitern auch um den Bülstringer Torturm kümmert. "22 Uhren haben wir am vergangenen Wochenende bereits erhalten. Frau Engel kam als erste Gratulantin und brachte eine ebenfalls 100 Jahre alte, kleine graue Uhr. Sie hat erzählt, dass sie mit dieser Uhr als Kind immer gespielt hat, und weil die Uhr grau ist und etwas knubbelig, war das für sie ein Elefant." Jetzt bekommt die Uhr einen Ehrenplatz im Uhrenverschlag. Das zweite Geburtstagsgeschenk brachte Wilfried Jaeck, eine Uhr, die halb so alt ist wie die Jubilarin, allerdings nicht mehr geht.

Auch Rosemarie Schlieker, die seit dem vergangenen Jahr das Stadtführerteam verstärkt, kam mit einer Uhr, allerdings wesentlich jüngeren Datums. Und dann stellte sich am Sonnabend die Kräuterfrau der Tempelritter ein. "Ich habe unterwegs allen Leuten ihre Uhr abgenommen", scherzte Doris Warnecke und holte einen Beutel mit sieben Uhren aus ihrem Kräuterkorb. Auch Ruth Appel, langjährige Turmfrau und Begründerin des Stadtführerteams und der Stadtgeschichtsausstellung im Torturm, ließ es sich nicht nehmen, mit mehreren Uhren der Veteranin zu gratulieren. "Hoffentlich hält die Uhr noch 100 Jahre durch", sprach sie ihre Hoffnung aus.

Schlechte Nachricht: Sie sind soeben im Gefängnis gelandet

Insgesamt 22 Uhren hat das Turmteam am Wochenende bereits angenommen. "Das Jahr ist noch lang", meinte Corinna Leder, "da bekommen wir bestimmt noch 100 Uhren zusammen." Corinna Leder hatte mit Melanie Wilke, die seit zehn Jahren zum Turmteam gehört, für die Gratulanten etwas zum Anstoßen bereitgestellt.

Und sie hatte auch kleine Plätzchentürme für die Gäste gebacken."Wir haben keine Uhr mit, dürfen wir trotzdem reinkommen?", fragte Kerstin Bunke. "Selbstverständlich", antwortete Corinna Leder, "aber ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Sie sind soeben im Gefängnis gelandet. Die gute Nachricht ist, Sie sind durch die Tür gekommen. Als hier noch Gefangene untergebracht wurden, mussten sie durch eine Luke in der Decke hineinsteigen. Die Tür wurde erst später eingebaut." Die Stadtführerin in historischer Bekleidung verwies auf die Ausstellung zur Stadtgeschichte, die ähnlich wie ein Stadtrundgang aufgebaut ist. Dann stieg sie mit der Besucherin die steile Treppe nach oben zur Uhr.

Irmgard Bunke war dieser "Aufstieg" zu mühsam. "Ich kann von meiner Wohnung aus vom Fenster die Uhr sehen", erzählte die Haldensleberin. "Sie geht immer genau, nur selten fällt sie mal aus." Das konnte Melanie Wilke bestätigen. Wenn die Uhr jedoch wirklich mal ausfällt, kann es schon ein paar Tage dauern, bis sie wieder die genaue Zeit anzeigt. Das Turmteam ist an jedem Sonnabend und Sonntag, auch Ostern, um 14 Uhr im Torturm, um Interessenten zu ermöglichen, sich das Uhrwerk der Weule-Uhr und die Stadtgeschichtsausstellung anzusehen. "Wer sich hier umsehen möchte, sollte möglichst auch zu 14 Uhr kommen, denn es ist jetzt noch so kalt im Turm, dass wir uns hier nicht zwei Stunden lang aufhalten können, wenn keine Gäste kommen", bittet Corinna Leder um Verständnis. Länger als eine halbe Stunde warten die Aktiven des Turmteams daher nicht. Wer noch eine Uhr zum Jubiläum bringen möchte, kann das auch am Wochenende tun.

Am Osterwochenende muss Corinna Leder übrigens besonders früh aufstehen. Sie hat es nämlich von Ruth Appel übernommen, an diesem Tag noch vor Sonnenaufgang Osterwasser aus dem Arteserbrunnen am Stendaler Tor zu holen. Dieses Wasser soll schön machen. "Das hilft aber nur bei Damen. Herren sind naturschön", wiederholte die Stadtführerin den Spruch, den Ruth Appel zu dieser Gelegenheit immer im Munde führte. Wer ebenfalls Osterwasser holen möchte, um sich damit zu waschen, sollte sich am Ostersonntag noch vor 6 Uhr mit einem Krug schweigend einfinden, lädt Corinna Leder ein.

Sie wird wieder mehrere Fläschchen mit dem Wasser füllen und die Fläschchen dann Besuchern im Bülstringer Torturm schenken, so lange der Vorrat reicht. Wer am Sonntag also ausschlafen und dennoch Osterwasser haben möchte, sollte sich am Nachmittag zu 14 Uhr im Torturm einstellen. Und vielleicht gibt es im Haushalt noch eine alte Uhr für das Geburtstagskind...

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