Zum kulturhistorischen Osterspaziergang lud am Ostermontag der Aller-Ohre-Verein ein. Etwa 60 Geschichts- interessierte verfolgten die spannenden Ausführungen von Museumsleiter Ulrich Hauer. Dieses Mal ging es um die verheerende Feuersbrunst vor 350 Jahren in der Haldensleber Innenstadt.

Haldensleben. 60 Fachwerkhäuser - von der Bülstringer Straße bis fast zum Stendaler Tor - verschlang die verheerende Feuersbrunst von Haldensleben. Der Brand breitete sich bis zum Standort des heutigen Bürgerbüros und des Rathauses aus und machte auch vor der Marienkirche nicht Halt. Sie brannte damals bis auf die Grundmauern nieder.

Glücklicherweise hat dieser schwere Brand die Kreisstadt nicht erst kürzlich heimgesucht, sondern im Jahre 1661, also bereits vor 350 Jahren. Seitdem wurden alle durch ihn entstandenen Baulücken wieder gefüllt. Anhand der nach der Katastrophe entstandenen Häuser erklärte Ulrich Hauer beim kulturhistorischen Osterspaziergang am Ostermontag die Ausbreitung des Feuers.

"Der Brand begann am 2. Juli 1661 gegen Mittag", erklärte Hauer den etwa 60 Zuhörern und wies dabei auf ein Fachwerkhaus in der Bülstringer Straße. Dieses wurde zur Zeit des Brandes von Johann Bolte bewohnt, der von 1646 bis 1652 Haldenslebens Bürgermeister war. Da der Wind in Richtung Norden wehte, breitete sich das Feuer dorthin aus. Die Fachwerkhäuser, die im Zentrum der Stadt vor allem wohlhabenden Leuten gehörten, bestanden größtenteils aus Holz und hatten Heu in den Dächern, sodass die Flammen schnell überschlugen. Der reitende Roland, der noch heute im Museum thront, erlebte mit, wie der Brand an ihm vorbeizog und bis auf den Markt überschlug. Auch das Vorgängerhaus des Bürgerbüros fiel den Flammen zum Opfer. "Aber bereits ein Jahr nach dem Brand, also 1662, wurde ein neues Haus errichtet. Das Haus, in dem heute das Bürgerbüro ist", erzählte Ulrich Hauer und fügte hinzu: "Das Rathaus war übrigens nicht betroffen, denn es existierte zu der Zeit noch gar nicht."

Auf der Stendaler Straße wüteten die Flammen bis zum Ratsfischerhaus, das auch als Repssches Haus bekannt ist und heute als eines von Haldenslebens ältesten Häusern unter Denkmalschutz steht. "Kurz davor hat das Feuer Halt gemacht", so Hauer. Auch in der Steinstraße, in der Burgstraße und im Gärhof brannten alle Häuser ab, darunter befanden sich zwei Hospitäler und die Stadtschreiberei. Dort brachte man jedoch vermutlich die alten Stadtbücher aus dem 13. Jahrhundert rechtzeitig in Sicherheit, sodass sich Haldensleben noch heute als eine der Städte mit den ältesten Stadtdokumenten ausgezeichnet sieht.

Trotz des vielen Geldes, das durch Kirchenkollekten für den Wiederaufbau der zerstörten Häuser, darunter 45 bürgerliche Häuser und 15 öffentliche Gebäude, zusammenkam, dauerte es ein halbes Jahrhundert um alles wieder aufzubauen.

Bei dem Neubau ging man mit der Mode. "Was bei den Fachwerkhäusern modern war, änderte sich in jedem Jahr wieder", sagte Hauer. So fand man vor dem Brand noch reich verziertes Fachwerk, wie man es auch im Museum noch betrachten kann. Die hinterher errichteten Häuser wurden dann schlichter und teilweise mit recht tristen Farben hergestellt.

Der Osterspaziergang endete in der Marienkirche, die durch die Feuersbrunst bis auf die Grundmauern abbrannte. Judith Vater von der Kirchengemeinde St. Marien gewährte den Besuchern Einblick in das Gotteshaus und gab viele Informationen zu dem vor 350 Jahren zerstörten Innenraum.

So erfuhren die Gäste, dass der dreistöckige Altar, der die ganze Ostergeschichte darstellt, erst fünf Jahre nach der Katastrophe gebaut wurde und von da an den Innenraum des Gebäudes prägt. Auch die Kanzel schmückt seit 1666 die St. Marienkirche. Der Wiederaufbau nach dem Brand wurde 1675 abgeschlossen. Auch später hatte man jedoch noch mit Zerstörungen an der Kirche zu kämpfen. Nach dem Einsturz beider Türme, über die die Kirche einst verfügte, wurde ab 1812 ein neuer Turm errichtet. 1820 wurde dieser fertig gestellt. Wie schon viele Haldensleber zuvor erklommen auch die Besucher des Osterspazierganges seine Stufen, um aus 60 Metern Höhe über die Kreisstadt zu blicken.

 

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