Einen Blick in die jahrhundertealte Geschichte von Glüsig unternahmen gestern der auf Gut Glüsig tätige Caritas-Geschäftsführer Hans Könecke und die Althaldensleber Ortschronisten Günther Handke und Hartmut Neumann. Glüsig und Althaldensleben sind geschichtlich eng miteinander verwoben.

Glüsig. Die Verbindungen zwischen Glüsig und Althaldensleben haben historische Wurzeln, war doch das Gut Glüsig früher ein Vorwerk des Althaldensleber Zisterzienserinnenklosters. Die Althaldensleber Ortschronisten, ein stattlicher Verbund von etwa 20 Hobbyhistorikern, erforschen die Geschichte ihres Heimatortes, die auch mit den umliegenden Dörfern eng verwoben ist. Das trifft auch für die persönliche Geschichte von Günther Handke zu. Er war 30 Jahre Agronom im Volkseigenen Gut (VEG) Althaldensleben. Glüsig war zu DDR-Zeiten eine Abteilung des VEG mit 135 Hektar Land sowie Rinder-, Pferde- und Schweinehaltung. Das Gut Glüsig kennt Handke aus dem Effeff. Bei einer der vielen Hofführungen auf dem heutigen Bio-Gut der Caritas, hatten sich Hans Könecke und Günther Handke kennengelernt und sich zur gestrigen "historischen Hofbegehung" verabredet. Gemeinsam mit dem Leiter der Althaldensleber Ortschronisten, Hartmut Neumann, und Caritas-Mitarbeiterin Jeannette Magdeburg, tauchten die zwei tief in die Historie von Glüsig ein, das früher eigentlich Glüsingen hieß.

Die Schalkenburg zum Schutz vor den Wenden

Günter Handke hat alte Chroniken studiert, unter anderem die alte Kreischronik von Pfarrer Peter Wilhelm Behrens und Schriften des einstigen Hundisburger Kantors Dieskau. Er hat mit Zeitzeugen gesprochen und alte Dokumente aufgestöbert.

Handke zufolge hat es in frühchristlicher Zeit auf Glüsiger Gebiet eine Burg gegeben, die "Schalkenburg", welche die Grafen von Haldensleben zum Schutz gegen die Wenden (Slawenvolk) errichten ließen. Das Dorf Glüsig, das damals noch Glüsingen hieß, wurde erstmals 1112 erwähnt und lag südwestlich des heutigen Glüsiger Teiches, also nicht auf dem Gelände des heutigen Gutes. Die Burg lag nordwestlich des späteren Vorwerks. Jene Burg wurde im 12. Jahrhundert zerstört, das Dorf Glüsingen brannte im selben Jahrhundert nieder. Die Kapelle des einstigen Glüsingen (Vorgänger der heutigen St.-Annen-Kapelle) übertrug der Magdeburger Erzbischof Willbrand 1236 dem Kloster Althaldensleben. Mitte des 15. Jahrhunderts rafften die Pest und der Krieg das in der heutigen Ortslage des Gutes aufgebaute Glüsingen dahin, das Kloster Althaldensleben baute an der Stelle des Dorfes ein Vorwerk und baute die zerstörte Kapelle wieder auf. Dann suchte der 30-jährige Krieg (1618 bis 1648) das Vorwerk heim, nur die Grundmauern blieben übrig. Darauf errichtete das Kloster die - teilweise bis heute erhaltenen - Wirtschafsgebäude, eine neue Kapelle und ein repräsentatives Wohnhaus, das heutige Gutshaus. Die aus dieser Epoche stammenden baulichen Details der Renaissance sind noch zu erkennen. Die Geschichte einer Prozession zur St.-Annen-Kapelle ist 500 Jahre alt und wird bis heute, immer am zweiten Augustwochenende, von Groß Ammensleben und Althaldensleben aus in Richtung Glüsig durchgeführt.

Die größte Baumschule in ganz Deutschland

Der Großkaufmann Johann Gottlob Nathusius prägte die Gutsgeschichte im 19. Jahrhundert, Nathusius kaufte das Kloster und damit auch das Vorwerk Glüsig. Auf den Tälern und Hängen von Glüsig ließ er Obstbäume pflanzen, von denen heute noch zwei einzelne Bäume - ein Nathusius-Taubenapfel und eine Birne "Gute Luise" - erhalten geblieben sind. Nathusius legte damals die größte Baumschule Deutschlands an, deren Standorte sich auf Pflanzungen in Ackendorf, Gutenswegen, Haldensleben, Wedringen und eben Glüsig ausdehnten.

Glüsiger Siedlung entstand viel später

1881 pachtete die Ackendofer Zuckerfabrik Jendrich, Druckenbrodt Co. das Vorwerk und kaufte es schließlich 1883 für 270000 Reichsmark. Seither gehört das Gut zu Ackendorf, während die im 20. Jahrhundert enstandene Siedlung Glüsig, direkt an Kreisstraße Haldensleben-Groß Santersleben gelegen, zu Haldensleben gehört. Dorthin wurden in den 30er Jahren Bewohner eines geplanten Schießplatzes bei Bergen-Belsen (zwischen Hamburg und Hannover) umgesiedelt. Die nahmen das Umsiedlungsangebot wegen des guten Bördebodens an. Bis heute leben Nachfahren jener Umsiedler in der Glüsiger Siedlung.