Mit der provokanten Frage "Haldensleben - eine kulturlose Stadt?!" veranstaltete der Verein zur Förderung der Kultur- und Heimatpflege gemeinsam mit dem Jugendfreizeitzentrum (JFZ) "Der Club" in der Kulturfabrik eine Podiumsdiskussion anlässlich des Aktionstages für kulturelle Vielfalt. Bei der von der Leiterin des Alsteinklubs Janina Otto moderierten Veranstaltung sollten Kulturschaffende und Kulturinteressierte miteinander ins Gespräch kommen.

Von Friederike Ostermeyer

Haldensleben. "Die Leute sagen doch, hier in Haldensleben sei nichts los. Man müsse sich nur mal auf dem Marktplatz umhören", führte Dr. Michael Reiser vom Verein zur Förderung der Kultur- und Heimatpflege zu Beginn der Diskussion ein. Dabei war eine Woche zuvor das überregionale Fernsehen in der Stadt (Volksstimme berichtete) und zeigte wenige Tage später in einem kurzen, anschaulichen Beitrag, dass gerade in der Kleinstadt Haldensleben mit Hundisburg, der Künstlergilde oder dem Philosophischen Salon der kulturelle Reichtum liegt.

"Was können wir tun, damit das kulturelle Angebot mehr in das Bewusstsein der Bevölkerung dringt?", war eine der wichtigsten Fragen, die an diesem Abend diskutiert wurde. Das Podium selbst setzte sich aus unterschiedlichen Kulturschaffenden der Region zusammen, aus dem Leiter der Kreismusikschule, Armin Hartwig, dem Bassist Robert Gitschel, der Abteilungsleiterin für Kultur in der Stadtverwaltung Renate Schmidt, dem Leiter des JFZ "Der Club", Kai Luniak, und dem Vorsitzenden des Verbandes der bildenden Künstler und künstlerischen Leiter der Künstlergilde Haldensleben, Jochen P. Heite.

"Wir haben hier durchaus ein enormes Angebot an Kultur. Oft sind es auch die jungen Leute, die wir nur schwer erreichen können. Wir müssen einen Weg finden, die Menschen für Kultur genussfähig zu machen", merkte Renate Schmidt zu Beginn an. Kai Luniak betonte, dass es in Haldensleben wesentlich mehr Potenzial gäbe: "Wir nutzen noch nicht alle Möglichkeiten, die wir hätten." Armin Hartwig merkte an, dass sich die Leute von einem gut gestalteten Plakat noch lange nicht mitreißen lassen. "Wir müssen da offensiver vorgehen", so sein Credo.

Renate Schmidt nannte die Stadtliteraturtage als positives Beispiel: "Wir haben mit dieser Veranstaltung Menschen für Literatur zugänglich gemacht. Hier hat es wirklich funktioniert. Oft müssen erst Hemmschwellen überwunden werden, bis man sich auf etwas Neues einlässt." So merkte ein Gast an, dass doch gerade derjenige für die Kulturschaffenden interessant sein sollte, der sich über ein mangelndes Angebot beschwert: "Derjenige, der sagt, dass hier nichts los ist. Gerade ihn müssen wir fragen, was er sich wünscht."

Im Laufe der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass es kein Theater oder eine große Konzerthalle sei, was Haldensleben braucht, sondern eine bessere Vernetzung der Kulturschaffenden untereinander. Nicht von oben gesteuert, sondern nach den Interessen und Ideen der Haldensleber ausgerichtet. Dafür bräuchte es auch einen Ort der Begegnung, der zum Austausch und zur Weiterentwicklung dient. Armin Hartwig schlug daher die Einrichtung eines Kulturcafés vor.

Ebenfalls wurde festgestellt, dass sich das Kulturverständnis unter den Generationen stark unterscheidet. Schnittstellen gibt es nur wenige, und so gelte es, sich auch über die Veränderung von Kultur und kulturellen Werten bewusst zu werden.

Gegen Ende der Diskussion brachte Buchhändlerin Ursula Fricke, die mit im Publikum saß, eines der wesentlichsten Defizite auf den Punkt: "Das Problem ist die fehlende Identifikation mit unserer Stadt. Wenn ich von den Haldenslebern höre, dass sie sich hier nicht wohl fühlen, dann bricht es mir das Herz. Wir müssen nicht mit jeder Veranstaltung die Massen anziehen. Aber wenn wir es schaffen, mit einem Angebot auch nur einen einzigen Menschen richtig zu begeistern, dann haben wir schon viel erreicht. Wir dürfen uns auf keinen Fall entmutigen lassen. "

Das Fazit des Abends war von Dr. Michael Reiser schnell gezogen: "Wir haben mit der Diskussion einen Anfang gemacht. Wir sehen alle, dass Haldensleben ein großes kulturelles Potenzial hat. Fest steht, dass wir nicht aufgeben und an dem Ausbau eines funktionierenden Netzwerkes untereinander arbeiten müssen."