Sinkende Kinderzahlen, eine älter werdende Bevölkerung, knappe Kassen und weniger Geld vom Staat: Wie will die Hohe Börde darauf in den nächsten Jahren reagieren? Zum Thema "Demografischer Wandel - Anpassungsstrategien in der Zukunft" hatte die Gemeinde die Bürger der Hohen Börde zu einem Forum mit Experten in das Hermsdorfer Mehrgenerationenhaus eingeladen.

Hermsdorf/Hohe Börde. Herausforderungen des demografischen Wandels - ein Thema, das nach Worten von MDR-Moderatorin Kerstin Paltzer von vielen Politikern auf nahezu allen Ebenen "oft und gern totgeschwiegen" wird, - bewegt die Hohe Börde seit Monaten. Die Gemeinde hatte Anfang des Jahres ein vom Land gefördertes Projekt angeschoben, bei dem das Expertenteam um den Hallenser Wissenschaftler Wolfgang Bock die konkreten Auswirkungen des Bevölkerungswandels in der Hohen Börde analysiert und sich zusammen mit Bürgern, Kommunalpolitikern und der Gemeindeverwaltung um Anpassungsstrategien bemüht.

Geburtenzahlen werden sich halbieren

Wie dramatisch der Bevölkerungswandel deutschlandweit - auch in Regionen Westdeutschlands - durchschlägt, davon berichtete der Wissenschaftler Steffen Kröhnert vom "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung" (siehe Kasten). "Die ohnehin wenigen Jungen wandern ab. Die Zahl der älteren Menschen verdoppelt sich. Wenn es nicht gelingt, rechtzeitig auf diese Entwicklung zu reagieren, neue Wege zu finden, neue Wertschöpfungsketten in diesen Regionen zu installieren, droht in einigen ländlichen Gebieten tatsächlich das Licht auszugehen." Solche Strategien zu entwickeln, und das mit weniger öffentlichem Geld - das ist Kröhnert zufolge die Herausforderung der Zukunft. Statt staatlich entwickelter Förderprogramme mit Fördervorgaben von oben sollten besser Freiwilligen-Initiativen von unten auf lokaler Ebene gefordert und gefördert werden. Hier könnte eine Verwaltung ansetzen und mit engagierten Bürgern etwas initiieren, was den konkreten Erfordernissen vor Ort entspricht (siehe Bericht auf dieser Seite).

Für Wissenschaftler Harald Kegler vom Projekt-Team zählt die Gemeinde Hohe Börde mit ihrer Nähe zur Landeshauptstadt und den international bedeutenden Autobahnen zwar zu den Gewinnern des Standortwettbewerbs unter den Kommunen und hat im Vergleich zu anderen Gemeinden Sachsen-Anhalts derzeit weniger Probleme. "Aber die Probleme werden kommen". So berge der überdurchschnittliche Bevölkerungszuwachs im Magdeburger Speckgürtel (östlicher Bereich der Gemeinde mit vielen neu gebauten Wohngebieten) bereits Probleme von morgen in sich.

"In einigen Jahren werden die Kinder der hier lebenden Familien groß sein und wegziehen. Die massiven Siedlungen im Speckgürtel drohen auszudünnen, und das hat Auswirkungen auch auf die Kinderbetreuung. So wird sich die Zahl der Kinder von null bis zwei Jahren bis 2025 mehr als halbieren", erklärte Projektleiter Wolfgang Bock. Gerade deshalb, so betonten Kegler und Bürgermeisterin Steffi Trittel übereinstimmend, sei es wichtig, rechtzeitig notwendige Infrastrukturentscheidungen bei Investitionen zu treffen - für die Kinderbetreuung, aber auch für die Zunahme der älteren Bevölkerung. Daher habe das Projekt-Team beispielsweise in den vergangenen Wochen die Grundschulstandorte einem "Stresstest" unterzogen.

Differenzierung in drei Untersuchungszonen

Dabei wurden der Reparaturstau an den Schulgebäuden analysiert, ein möglicher Investitionsaufwand ermittelt und zukunftsfähige Standortlösungen entwickelt. "Nur unter Berücksichtigung dieser Faktoren und der sich abzeichnenden Bevölkerungsentwicklung haben wir eine Chance, in Zeiten unserer knappen Gemeindekasse überhaupt Fördergelder zu bekommen."

"Unser Ausgangspunkt dabei ist: Keine Grundschule soll geschlossen werden", erklärte Kegler und antwortete auf die kritische Nachfrage, ob das angesichts der gehörten Fakten überhaupt haltbar ist: "Wir haben das als Ausgangslage formuliert. Wir werden sehen, ob und in welchem Umfang die Standorte gehalten werden können. Da muss man schauen, ob nicht ortsübergreifende Nutzungen möglich sind, um so Synergieeffekte der vorhandenen Standorte zu nutzen. Den größten Diskussionsbedarf wird es im mittleren Bereich der Gemeinde geben."

Zur Erläuterung: Das Projektteam hat die Hohe Börde in drei Zonen eingeteilt. Im östlichen Bereich (Speckgürtel) gelten die Schulstandorte als äußerst stabil, während im Bereich zwischen Hermsdorf und Rottmersleben/Bornstedt der wohl größte Handlungsbedarf für eine nachhaltige Weichenstellung in der Zukunft besteht. Im westlichen Bereich (Zone 3) mit Bebertal und Nordgermersleben gilt es dem Projekt-Team zufolge, das Erreichte zu halten und auf verschiedene Weise zu stabilisieren. Kegler erklärte: "Innerhalb dieser sehr unterschiedlich strukturierten Zonen muss sehr differenziert gehandelt werden, aber wir haben heute die einmalige Chance, die Trends rechtzeitig zu erkennen, um später von den heute schon abzusehenden Entwicklungen nicht getrieben zu werden. Dazu laden wir alle ein, die daran mitwirken wollen."

Die Diskussion dauerte eine Stunde länger als geplant, zahlreiche gewünschte Wortmeldungen werden die Experten nun schriftlich beantworten. Der gute Zuspruch bei den Bürgern legt die Vermutung nahe, die Bürger haben das Angebot zur Mitgestaltung angenommen.

So forderte eine Bürgerin, die Haltefaktoren gerade für jüngere Frauen in der Gemeinde zu verbessern, um damit dem Geburtenrückgang entgegenzuwirken. Andere forderten eine stärkere Berücksichtigung von Strategien für die älteren Bürger. Dieses Thema war während der Diskussion auch zum Bedauern der Referenten am Donnerstag zu kurz gekommen.