Einen Diskurs zur Zukunft der Altmark wollte die 26-jährige Stendalerin Stefanie Michaelis im Rahmen ihrer Masterarbeit im vergangenen Jahr anstoßen. Die Masterarbeit wurde erfolgreich verteidigt und liegt jetzt vor. Durchaus mit ernüchternden Erkenntnissen zum Umgang mit dem demografischen Wandel in der Altmark. Heute Teil 1: drei provozierende Zukunftsszenarien.

Salzwedel/Stendal. "Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehn!" Goethes Theaterdirektor aus Faust scheint auch in der Altmark auf der Bühne zu stehen. Dieses Eindrucks kann man sich zumindest nicht erwehren, wenn man die 190-seitige Masterarbeit von Stefanie Michaelis liest. Unter dem Titel "Zukunft Altmark – Einen regionalen Diskurs anstoßen" hat die Stendalerin nicht nur drei Zukunftsszenarien entwickelt, sondern auch den Umgang der Region mit dem demografischen Wandel beobachtet und protokolliert.

Ihre Ausgangsthese lautet: "In der Altmark fehlt bislang bei vielen Hauptakteuren die Einsicht, dass eine genaue und detaillierte Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel unausweichlich ist beziehungsweise dass die Veränderungen, die dieser mit sich bringt, auch Chancen für die Region bedeuten können.

Drei provozierende Szenarien

Die Altmark ist zudem vorwiegend geprägt durch das ,Kirchturmdenken‘ der einzelnen Bürgermeister und die Angst vor zu großer Konkurrenz aus der Nachbargemeinde. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Dimensionen des demografischen Wandels nicht weit genug vorausgedacht werden beziehungsweise die Komplexität des Themas nicht tiefgründig genug bearbeitet, aber auch nicht beachtet wird."

Mit den drei Szenarien provoziert die Stendalerin bewusst, um Impulse für eine intensivere und konkretere Zukunftsdebatte auszulösen. Die Volksstimme unterstützte Stefanie Michaelis und räumte ihr im vergangenen Jahr im Rahmen der Volksstimme-Serie "Altmark 2050" breiten Raum ein. Auch deshalb ist nach der Anfang 2010 entbrannten Zukunftsdebatte, ausgelöst durch die Schließung des Stendaler Gefängnisses, in den vergangenen Monaten viel über die Perspektiven der Region gesprochen worden. Eine Diskussion, die von der Landesregierung mit großem Interesse verfolgt wurde.

Stefanie Michaelis geht mit wissenschaftlichen Methoden an das Thema heran. Sie definiert, analysiert und entwickelt schließlich Szenarien als Impulse für eine Zukunftsdebatte. Die öffentliche Wirkung der Szenarien beobachtet die 26-Jährige und wertet diese in Fragebögen und in Gesprächen aus.

Im ersten Szenario steckt die Region den Kopf in den Sand. Die Politik reagiert nicht auf den demografischen Wandel. Wirtschaftlich gerät die Altmark ins Abseits. Schulen und Kindertagesstätten werden geschlossen, die ärztliche Versorgung steht vor dem Kollaps. Die Innenstädte verwahrlosen und steigende Kosten wie bei Trink- und Abwasser setzen den Einwohnern in den Dörfern zu.

Im zweiten Szenario handelt die mittlerweile sensibilisierte Politik. Rahmenbedingungen werden angepasst. Flexibilität ist das große Schlagwort. Die Daseinsvorsorge ist durch Zwergschulen, Ärztehäuser und AGNES, die "mobile Gemeindeschwester" geprägt. Allerdings: Der Region fehlt der Mut zu großen Eingriffen.

Nichtstun wird abgelehnt

Diese werden im dritten Szenario möglich. Es gibt radikale Strukturveränderungen, und die Politik orientiert sich vollkommen neu. Solidarische Großkommunen organisieren das öffentliche Leben von der Schule bis zur ärztlichen Vorsorge. Statt zwei altmärkischen Kreisen gibt es einen Zweckverband, der die strategische Weichenstellung vollzieht. Das zivilgesellschaftliche Engagement rückt in den Mittelpunkt.

Was halten Altmärker von diesen drei Szenarien? Stefanie Michaelis hat die Reaktionen untersucht. Fazit: Das Nichtstun wird mehrheitlich abgelehnt. Die radikale Umstrukturierung stößt eher auf Skepsis. Die Flexibilisierung wird hingegen von mehr als Zweidrittel der Befragten – 60 ausgefüllte Fragebögen – favorisiert. Eine Grundtendenz, so Stefanie Michaelis. Die Stärken der Region sehen die Befragten in der Naturlandschaft, den historischen Stadtkernen, der Fachhochschule Stendal und der Bioenergie. Wohingegen politische Offenheit, Kommunikation, Anpassungsfähigkeit und Schullandschaft die wenigsten Punkte – 0 bis 6 – bei der Frage nach den Stärken der Region erhalten.

Bestätigt sich die Ausgangsthese? Ja und nein, lautet das Fazit von Stefanie Michaelis nach Foren und Diskussionsrunden sowie Einzelgesprächen, unter anderem mit beiden altmärkischen Landräten. Es habe sich gezeigt, dass mehr über aktuelle Probleme als über Zukunftsfragen diskutiert werde, so die Diplomingenieurin für Stadtplanung.