Wohl mehr Gäste als Einwohner waren am Sonnabend in Neukamern anzutreffen: Die Lehrschmiede von Ingo Hünemörder hatte zum zweiten Mal ihre Tore geöffnet.

Neukamern l Ein unangenehmer Geruch von verbranntem Horn wabert durch die Luft, vor den Schmiedefeuern herrscht rege Geschäftigkeit. Vier Hufeisen werden abwechselnd rotglühend auf den beiden Ambossen in Form gebracht, noch immer glühend dem Pferdehuf angepasst, danach beschliffen und letztendlich angenagelt. Das alles erfolgt in rascher Reihenfolge, jeder Handgriff sitzt. Der stinkende Qualm, der dem Schmiedehelfer mitten ins Gesicht steigt, ist nebensächlich, alles muss schnell gehen, Zeit ist Geld. Früher hieß es: Wer diesen Qualm einatmet, wird hundert Jahre alt.

Etwa zwei Stunden dauert es und wohl viele Liter Schweiß kostet es, bis aus dem langen Stab ein Hufeisen geworden ist. Bis zu 1000 Grad Celsius heiß wird das Schmiedeeisen in der Esse. Da kommt man schon vor Hitze ins Schwitzen.

Ingo Hünemörder, welcher die Lehrschmiede 2012 eröffnet hatte, legte an diesem Tag aber nicht selbst Hand an. Das taten seine sechs Kollegen aus Thüringen, Sachsen, Frankfurt (Oder) und aus der Prignitz. Alle sind sie Meister, bis auf die beiden Leipziger Lehrmeister arbeiten alle als Selbstständige - wie auch Ingo Hünemörder.

Wer den Qualm atmet, wird hundert Jahre alt

Das Ritual dieses Handwerks hat sich seit fast 200 Jahren nicht geändert, nach wie vor ist allerhand Muskelkraft und viel Geschick vonnöten. Nur, dass heute die Eisen zumeist aus der industriellen Produktion kommen - und die Hufschmiede zu ihren Kunden fahren.

Die geschmiedeten Eisen werden einem schweren Warmblut von Jürgen Lemme aus Wulkau angepasst, ein Fahrpferd. Befestigt werden die Eisen heutzutage mit Vidianägeln, die sind schier unverwüstlich. Weil die Eisen wegen des nachwachsenden Hufes alle acht Wochen erneuert werden müssen, ist das eine teure Angelegenheit - und wird nur bei Fahrpferden vorgenommen.

Auf einem Tisch liegen griffbereit am Beschlagplatz einige der Schmiedewerkzeuge: Hufraspel, Hauklinge und Schneidezange - alle etwas größer als gewohnt.

"Bei den Brauereipferden waren die Eisen oft schon nach drei Wochen durch", berichtete der Altmärker Klaus Siebert aus seinem Berufsleben. Er hatte in der Brauerei Hadmersleben noch Bierkästen und Fässer ausgefahren. Zwei Liter des Gebräus gab`s pro Tag als Deputat.

Von Beruf ist er Huf- und Wagenschmied, hatte zusammen mit seinem Meister sogar noch Pflugschare nach Gebrauch mit dem Vorschlaghammer bearbeiten müssen. "Einmal haben wir von 12 bis 22 Uhr schwere eiserne Ackerwagenreifen aufgezogen, danach sind wir nach einem Bier fast vom Stuhl gefallen", gibt er ein Erlebnis aus dem Arbeitsleben als Bierkutscher zum besten.

Einer, der auch mal den Beruf des Schmieds erlernt hatte, schaute ebenfalls bei der Arbeit in der Neukamernschen Lehrschmiede zu: Hugo Zielske aus Klietz. Er war von 1959 bis 1962 in Havelberg in der Roßmühlenstege in die Lehre gegangen, bei den Meistern Werner Weiß und Günter Heinz.

Draußen im Festzelt gab es Kaffee, Kuchen und andere Speisen. Informiert wurde über die drei verschiedenen Wege, die zum Hufbeschlagschmied führen. Es gibt eine dreieinhalbjährige Berufsausbildung im Metallhandwerk, Fachrichtung Metallgestaltung, Kernbereich Hufbeschlag. Mit abgeschlossener anderer Ausbildung kann man das mit einer zweijährigen sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit bei einem Hufschmied machen, als Pferdewirt ist nur ein Jahr notwendig.

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