Gut vorangekommen ist der Wiederaufbau des Sandauer Kirchturms im Vorjahr. Bewerkstelligt hat dies der Förderverein der Kirche - auf der Jahreshauptversammlung wurde am Montag Bilanz gezogen.

Sandau l Mit dem ersten Satz aus der "Sandauer Turmmusik" - komponiert vom Kirchenmusiker Manfred Schlenker - stimmte das Pfarrerpaar Catharina und Hartwig Janus die Anwesenden im Pfarrhaus auf den Heimatvortrag und die Berichte des Vorstandes ein. Das Werk wartet übrigens immer noch auf seine Uraufführung - vielleicht zur Fertigstellung der Baustelle?

Dem rührigen Verein - und vor allem dessen Vorsitzenden Wolfgang Hellwig - ist es zu verdanken, dass die Sandauer diesem hochgestecktem Ziel schon sehr nahe gekommen sind. Von Außen präsentiert sich der Gottesturm fast wieder in seiner alten Pracht - lediglich der Dachreiter musste dem Sparzwang zum Opfer fallen.

Bevor Wolfgang Hellwig zu seinem Rückblick ansetzte, berichtete Maria Zohm aus der Geschichte des Sandauer Altenheimes - früher auch "das Amt" genannt. Erzbischof Theodorich hatte das Haus 1383 errichten lassen, er nutzte es als Sommerresidenz. Das sumpfige Areal diente zusammen mit der Stadtmauer und der Elbe zugleich als Schutz, zudem konnten im Notfall Schleusen geöffnet werden. Später wurde es eine Raubritterburg.

Vor hundert Jahren erstand der Leiter der russischen Geheimpolizei die Immobilie, zu Kriegsende 1945 suchten hier katholische Ordensschwestern mit Waisenknaben Unterschlupf. Schwester Franzilla versuchte den Beschuss der Stadt durch Vermittlung zu verhindern, fast hätte sie die SS deswegen erschossen. Die Eigentümerin vererbte das Haus der Kirche, seit 1959 ist es Altenheim - anfangs mit 30 Plätzen. 1999 war Grundsteinlegung für den Neubau.

"Auf allen Veranstaltungen in der Region erfahre ich immer großen Respekt vor dieser Aufbauleistung."

Wahlleiter Silvio Wulfänger

Die Kirchturmbaustelle war im Jahr 2013 durch eine umfangreiche Bautätigkeit gekennzeichnet - zumindest in der ersten Jahreshälfte, war im Bericht von Wolfgang Hellwig zu erfahren. Der siebente und achte Bauabschnitt mussten zu Ende gebracht werden, parallel dazu wurde der neunte Abschnitt vorbereitet - was von den ehrenamtlichen Bauherren allerhand Zeit und Arbeit erforderte. Im Februar wurde Richtfest gefeiert, die Bekrönung wurde zusätzlich finanziert. Es erfolgten Arbeiten in der neuen Glockenebene. Im Mai wurde der Kran zurückgebaut. Das Storchennest kostete weitere 5000 Euro - es ist in 33 Metern Höhe das höchste in Sachsen-Anhalt und derzeit sogar von einem Paar belegt.

Für die 250000 Euro umfassende neunte Etappe kam der Förderbescheid erst zur Flut - und sollte bis Ende November 2013 abgerechnet werden. Ein Ding der Unmöglichkeit, weshalb der Zeitraum bis dieses Jahr verlängert wurde. In der Glockenstube wurde mit dem Verlegen des Fußbodens begonnen, Wände wurden angeputzt und der Glockenstuhl errichtet - zum Quempas läutete die kleine Glocke wieder.

"Trotz der Flut hatten wir 2013 mit 3705 Besuchern einen neuen Rekord", freute sich der Redner. Auch kamen mehr Gruppen. Das war nur möglich dank des Kirchenführerteams, welches das Gotteshaus von April bis Oktober täglich offenhält. - Weitere Mitstreiter sind sehr willkommen, denn die Stelle von Bürgerarbeiter Dietmar Zehle läuft bald aus.

Auch im städtischen Leben ist der rührige Verein nicht wegzudenken, die nächste Aktion ist am Sonnabend der Osterbasar (siehe Artikel unten). Im Mai des Vorjahres war man Ausrichter des Elberadeltages, zudem war der Verein bei Volksfest und Weihnachtsbasar dabei, organisierte das Jugendkonzert samt Sponsorendank sowie drei Ausstellungen - eine davon zur Flut.

Die vielen Besucher trugen erheblich zur Finanzierung des Wiederaufbaus teil, informierte Schatzmeisterin Jutta Krüger. Der Verein kann sich über das zweitbeste Spendenergebnis seiner Geschichte freuen: 59194,65 Euro gingen auf dem Konto ein. "Hinter jeder Zahlung steht die Verehrung für den Turm", berichtete Jutta Krüger. Vier besonders große Summen gingen als Vermächtnis von Verstorbenen ein, darunter die Vereinsmitglieder Paul Biank und Wolfgang Krüger. Etliche sammelten Geld bei privaten Jubiläen.

Die Partnergemeinde in Hamburg sammelte fast 2000 Euro, durch eigene Veranstaltungen flossen 2645 Euro in die Kasse, die offene Kirche erbrachte 7204 Euro. Die Sparkasse stiftete 5000 Euro für die Glocke. Das für die Statik zuständige Ingenieurbüro Jakob erließ dem Verein sogar die komplette Rechnung. Dieser muss seit kurzem übrigens alle Rechnungen aus eigener Tasche vorfinanzieren - weshalb Darlehen und Zwischenfinanzierungen nötig wurden.

Alle zwei Jahre ist die Neuwahl des Vorstandes nötig. Vorstandsmitglied Christian Leue, der nach Kamern verzogen ist, will sich dort engagieren und schied somit aus. An seiner Stelle kandidierte Melitta Ott, sie erhielt wie Wolfgang Hellwig, Jutta Krüger und René Strawinski das Vertrauen der Anwesenden. Pfarrer Hartwig Janus ist von Amts wegen dabei. Friedrich Leue und Ingo Jurig sind nun Kassenprüfer.

Nächstes Ziel sei der Einbau des Aufzuges, erklärte Wolfgang Hellwig. Ein neuer Spendenaufruf betrifft die große Glocke, 5000 Euro müssen an Eigenleistungen aufgebracht werden. Neu ist die Stifterstein-Aktion: Wer 55 Euro zahlt, erwirbt einen Stein im Klosterformat mit seinem Namen. 100 davon sind nötig, um Schäden an der Turmfassade auszubessern.

Spendeneinzahlungen sind auf folgende Konten möglich: Kreissparkasse Stendal, IBAN: DE11810505553080004700; Volksbank Rathenow, IBAN: DE58160919940000269611.

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