Um die wertvolle Orgel in der Havelberger Stadtkirche restaurieren zu können, wird am heutigen Freitag ein Verein gegründet. Domkantor Matthias Bensch hat die Initiative ergriffen und hofft, dass der Scholtze-Orgel durch Spenden wieder zu ihrem alten Glanz und Klang verholfen werden kann.

Havelberg l "Die Besonderheit der Orgel in der Havelberger Stadtkirche ist, dass ihr Erbauer ein Meisterschüler des herausragenden Orgelbauers Joachim Wagner ist. Wagner (1690-1749), Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs, war neben Gottfried Silbermann einer der bedeutendsten Orgelbauer des 18. Jahrhunderts und mit Abstand der berühmteste in der Mark Brandenburg", nennt Matthias Bensch einen der Gründe dafür, weshalb die Orgel restauriert werden sollte. "Wagner hat Maßstäbe gesetzt, die bis heute nachwirken. Er wird deswegen auch der ,Märkische Silbermann` genannt. Eine seiner innovativen Erfindungen ist die ,Gabelkoppel`, welche die alte und störanfällige Manualschiebekoppel ersetzt."

"Scholtze erreicht die Perfektion von Wagner-Orgeln."

Domkantor Matthias Bensch

Gottlieb Scholtze (1713- 1783) gehörte zu den Schülern Wagners, die dessen Traditionen fortführten. Er machte sich ab 1740 als Orgelbauer und Bildschnitzer in Neuruppin selbstständig. "Die Qualität seiner Instrumente erreicht die Perfektion von Wagner-Orgeln in vollem Umfang", sagt Matthias Bensch. Und er berichtet weiter: "Leider sind im Laufe der Jahrhunderte durch Kriege und Umbauten die meisten Instrumente von Wagner und Scholtze verloren gegangen. Es ist keine einzige dreimanualige Orgel erhalten geblieben. Von Wagner gibt es noch fünf größere zweimanualige Orgeln und von Scholtze drei. Ansonsten sind von beiden Orgelbauern nur noch einige kleine, einmanualige Instrumente erhalten."

Scholtze hatte die Orgel in der Stadtkirche als Neubau konzipiert, dessen Größe und Disposition vergleichbar ist mit den Wagner-Orgeln im Brandenburger Dom, der St. Marienkirche in Angermünde oder der Scholtze-Orgel in Lenzen.

Zwei der drei erhaltenen, größeren Scholtze-Orgeln stehen in Havelberg und sind nicht restauriert. Das dritte Instrument wurde 2007 in Lenzen sehr gut restauriert.

Ein weiterer guter Grund für die Restaurierung ist, dass von der Orgel in der Stadtkirche noch über die Hälfte als Originalsubstanz erhalten ist. Deshalb ist aus Sicht des Domkantors die Wiederherstellung des Originalzustandes durch eine Restaurierung sinnvoll und notwendig. Matthias Bensch wirft die herausragende Klangqualität und die Seltenheit dieser Instrumente in die Waagschale und sieht sie als "kulturhistorisch extrem wichtiges Projekt von deutschlandweiter Bedeutung" an.

Anders verhält es sich mit der Scholtze-Orgel im Dom. Sie wurde 1796 von Ernst Julius Marx deutlich vergrößert und umgebaut. "Sie trägt damit bereits zarte frühromantische Einflüsse, die erhaltenswert sind und auch aus denkmalpflegerischer Sicht nicht zurückgeführt werden können. Somit haben beide Havelberger Scholtze-Orgeln ein ganz eigenes Klangbild und stehen musikalisch absolut nicht in Konkurrenz zueinander."

Um das Projekt verwirklichen zu können, soll ein Orgelrestaurierungsverein gegründet werden, denn allein könnte die Kirchengemeinde es nicht realisieren. "Der Verein weckt das Interesse der Bevölkerung an dieser Orgel und durch vielfältige Werbeaktionen können Spenden gesammelt und engagierte Sponsoren geworben werden", sagt der Kantor. Mit Blick auf die Bundesgartenschau im nächsten Jahr, wenn die Stadtkirche die Blumenhallenschauen beherbergt und viele Besucher dorthin strömen, ist die Kirchengemeinde bereits aktiv geworden. Vereinsanwärter haben sich zweimal getroffen und der Gemeindekirchenrat hat das Orgelsachverständigengremium beauftragt, die Arbeit aufzunehmen. Dieses besteht aus Wolf Bergelt (Berlin), Dietrich Kollmannsperger und Christoph Lehmann (Tangermünde), Andreas Kitschke (Potsdam) und Johannes Wauer (Wittenberge). Außerdem wurde die Vereinssatzung ausgearbeitet und juristisch geprüft. Die derzeitigen Restaurierungen des Kirchengebäudes, die mit Fördergeldern des Landes erfolgen, schaffen die Grundlage dafür, dass eine Restaurierung des wertvollen Inventars der Kirche sinnvoll ist.

"Eines der wertvollsten Instrumente im mitteleuropäischen Kulturkreis."

Orgelforscher Wolf Bergelt

Auch das hätte die Kirchengemeinde nicht aus eigener Kraft finanzieren können, weshalb sie sehr dankbar ist dafür. "Ich nehme diese günstigen Umstände zum Anlass, Menschen für den größten Schatz in dieser Kirche zu begeistern, der nach einer Restaurierung viele kulturbegeisterte Menschen nach Havelberg locken wird", sagt Matthias Bensch. Er zitiert aus einem Schreiben des international renommierten Orgelforschers Wolf Bergelt: "Mit Freude erfuhr ich durch Herrn Kollmannsperger, dass nun endlich die Havelberger Stadtkirchenorgel in ihre ursprüngliche Originalgestalt zurückgeführt werden soll. Zu diesem Entschluss kann ich die Kirchengemeinde nur beglückwünschen. Handelt es sich doch um eines der wertvollsten historischen Instrumente im mitteleuropäischen Kulturkreis überhaupt."

Dass das Projekt gelingen kann, davon ist der Domkantor überzeugt. "Da wir die ursprüngliche Disposition mitsamt der Mensuren genau kennen und für alle Register Vorbilder haben, die wir nur kopieren brauchen, können wir heute problemlos den Teil der Scholtze-Orgel exakt rekonstruieren, der in den vergangenen 250 Jahren verloren gegangen ist." Er hat sich auch Gedanken zur künftigen Nutzung der Stadtkirche gemacht. Konzerte, internationale Orgelwettbewerbe und Orgelmeisterkurse gehören dazu.

Am heutigen Freitag findet um 17 Uhr die offizielle Gründungsversammlung des Vereins im Musikraum des Havelberger Doms statt. Alle Interessenten sind herzlich dazu willkommen. Vereinsanwärter und Gemeindeglieder sind zudem am Montag, 16. Juni, eingeladen, sich in Lenzen einen Eindruck von den zu erwartenden klanglichen Möglichkeiten der Stadtkirchenorgel zu verschaffen. Treff ist um 18 Uhr in Lenzen. Mitfahrgelegenheiten können organisiert werden.