Die Tage der Bühne im Schönhauser Park, einst erschaffen von den Dorfbewohnern, sind gezählt. Das steinerne Podest wird nach der Flut weggerissen. Was bleibt, sind Erinnerungen an schöne Parkfeste und an das Theaterspiel.

Schönhausen l Der 11. Juni 1961 war für die Schönhauser ein besonderer Tag: Auf der nur wenige Jahre zuvor gebauten Freilichtbühne wurde erstmals ein von Laien aus der Region einstudiertes Theaterstück aufgeführt: "Der Ritter im Trüben". Warum der gerade wieder in die Erinnerung der Schönhauser gelangt? Zum vierten Kunstfest 2013 der Otto-von-Bismarck-Stiftung und der Verbandsgemeinde "Kunst für Demokratie" in Zusammenarbeit mit dem Theater der Altmark Stendal war auf zwei Tafeln über dieses Heimatspiel informiert worden - schon damals eine Kooperation Schönhausens mit den Theater. Der geschichtsinteressierte Manfred Jann hatte alles zusammengetragen. Unter anderem besaß er Aufzeichnungen von Ortschronist Alwin Zinke - mit dessen Sohn Manfred ist er zusammen zur Schule gegangen. Nach dem Kunstfest erhielt Manfred Jann immer mehr Informationen und Bilder. Die will er mit anderen teilen. Deshalb hat er für das im kommenden Jahr erscheinende Buch "Das Wissen der Region" einiges über den "Ritter im Trüben" zusammengefasst. Vor einiger Zeit lud er einige der in der Nähe lebenden Darsteller zum Treffen ein.

Manfred Jann organisiert ein Wiedersehen

In der "Alten Linde" hatten Günter Walther aus Klietz, der die Hauptrolle des Ritters Konrad spielte, die Wusterin Sigrid Bose als "Johanna", der Schönhauser Reiner Schulze als 1.Knappe "Sigismund von Halt" sowie der ebenfalls in Schönhausen lebende Hans-Jürgen Rose als Knappe Thomas Freude ein freudiges Wiedersehen.

Schnell war sie wieder ganz lebendig - die Zeit, als sich die Laiendarsteller zusammenfanden. Anlass waren die 3. Arbeiterfestspiele in Magdeburg gewesen. Auch auf dem Land sollten Laien und Berufskünstler zusammen auf der Bühne stehen. In Schönhausen hatte der Senior Albert Mähne, einst Eisenbahner, in Anlehnung an die Geschichte Schönhausens und den heute kaum mehr vorhandenen Burgwall im Trüben zwischen Schönhausen und Wust das Stück "Der Ritter im Trüben" in Versform verfasst.

Hilfe vom Theater der Altmark

Davon hatte Günter Walter, stellvertretender Leiter der Abteilung Kultur beim Rat des Kreises Havelberg, gehört und war begeistert! "Das muss auf die Bühne!" Er machte sich ans Werk: Die zumeist jungen Darsteller wurden schnell gefunden und mit Konrad Zschiedrich vom Theater in Stendal gab es einen Regisseur, der den rund 30 Laien als fachlicher Berater zur Seite stand. Zu den Darstellern kamen noch einmal fast 30 Statisten, die meisten Mitglieder des hiesigen Chores. Geprobt wurde nach Feierabend, ein- bis zweimal pro Woche, oft bis Mitternacht. Fachleute vom Stendaler Theater kümmerten sich auch um Technik, Bühnenbild und Kostüme. Die Kulissen bauten die Darsteller größtenteils selbst. "Die PGH ,Aufbau`, heute Thermoplast, die Tischlerei Welle und die PGH ,Vereinte Kraft` beispielsweise haben uns sehr unterstützt. Und die LPG stellte uns zwei Pferde zur Verfügung", erzählt Günter Walther. Er schwärmt von der "dollen Truppe", die sich in Schönhausen auf und hinter der Bühne zusammengefunden hat. Das machte es ihm auch leicht, bei Wind und Wetter von Klietz oft zu Fuß und per Anhalter nach Schönhausen zu kommen, so manches Mal hat ihn auch Reiner Schulze mit dem Motorrad gefahren. Zur Generalprobe kamen Vertreter von SED und FDGB "auf das kleine DEFA-Gelände", wie die Volksstimme damals den Ort bezeichnete, und nahmen das Stück wohlwollend ab.

1000 Besucher bei der Uraufführung am 11. Juni 61

Sogar ein Bus wurde eingesetzt, um den Bürgern der Region den Theaterbesuch in Schönhausen zu ermöglichen. Über 1000 Besucher kamen am 11. Juni 1961 zur Uraufführung. Diese wurde ein voller Erfolg, ebenso die Wiederholung zwei Tage später und die Aufführungen im Sandauer Volkspark und im Wuster Park. Reiner Schulze erzählt: "Nach Sandau und Wust mussten ja auch irgendwie die Pferde kommen. Also haben wir uns Stunden vorher auf den Weg gemacht - in voller Montur mit Kettenhemd!" Der Applaus war der Lohn für all die Mühen der zurückliegenden Monate.

Übrigens: Von einem Aufstand der deutschen und slawischen Bauern im Jahre 1250 gegen den Ausbeuter ist in der Geschichte Schönhausens nichts überliefert - beim "Ritter im Trüben" handelt es sich um eine Legende.

Vom Erfolg der vier Aufführungen beflügelt, machte sich die Theatergruppe an das nächste Stück: "Der gestiefelte Kater". Auch das Gegenwartsstück "Wohin gehen wir?" kam bei der Bevölkerung gut an. Doch während der Proben für das vierte Stück, "Der Diener zweier Herren", löste sich die Gruppe auf. Zu zeitaufwändig waren die Proben für die Laien nach Feierabend. Und der Regisseur Konrad Zschiedrich, der Schüler bei Berthold Brecht gewesen war, verließ nach zehn Proben in Schönhausen das Stendaler Theater, um nach Berlin zu gehen - somit stand er auch den Schönhausern nicht mehr zur Verfügung.

Zu viel Zeit in das Theater investiert

Auch Günter Walther gehörte nicht mehr zur Laiengruppe. Der Kreisleitung hatte es nicht gefallen, dass er sich dem "Ritter" zu sehr widmete und darüber seine eigentliche Arbeit bei der Betreuung der Kulturlandschaft im Kreis Havelberg angeblich vernachlässigte. Diese Bevormundung ließ er sich nicht gefallen und kündigte. Nach kurzer Arbeit als Kellner in der Schönhauser "Einheit" fand er Anstellung in seinem eigentlichen Beruf als Maler bei der PGH "Farbenfreude".

Das Theaterspiel hat er immer in bester Erinnerung gehalten. "Es sind so viele kleine Episoden, die ich nicht missen will." Reiner Schulze erzählt beispielsweise von den Kartoffelkisten und der Tischtennisplatte, die in Sydow als Bühne reichen musste.

Alle Anwesenden beim Wiedersehen über 50 Jahre nach der Theater-Premiere waren Manfred Jann dankbar für seine Initiative. Ihm ist wichtig, dass dieses Stück Schönhauser Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. "Das Wissen der Region" trägt dazu bei.

   

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