Wer in der Insel- und Domstadt Havelberg groß geworden ist und das noch direkt am Wasser, kann vom feuchten Element nicht mehr loskommen. So wie der Havelberger Erwin Schneidewind, dessen große Liebe ein altes Boot ist.

Havelberg l Erwin Schneidewind hat aber auch etwas "Werftarbeiterblut" in den Adern, denn sein Vater war damals auf der Grabertschen Schiffswerft - unterhalb des Calvarienweges gelegen - tätig. Als Kind hat er in der Nähe der Werft gespielt und er erzählt von dem klaren Wasser in der Havel und den vielen Fischen. "Mit anderen Kindern habe ich an der Werft oft gebadet. Drei kleine Inseln befanden sich davor, und wenn ein Schiff zu Wasser gelassen wurde, habe ich mich schnell mit einem Eimer bewaffnet. Durch die große Welle, die beim Eintauchen des Schiffskörpers entstand, wurden viele Fische auf die kleinen Inseln gespült, die ich dann einsammelte".

Robert Schneidewind baute auch ein Paddelboot für seinen Sohn Erwin. Er selbst besaß zwei Angelkähne, die zur Heuernte zusammengebunden wurden. Sie dienten auf dem Wasserweg, vom Stremel bis zum Calvarienweg, als Transportmittel für das Heu. Der restliche Weg wurde mit einem Kastenwagen, der von einem Pony gezogen wurde, zurückgelegt.

"Kapitän Paul König" im Jahr 1952 erworben

Bei der Firma "Ruß und Springer" erlernte Erwin Schneidewind später den Beruf des Zimmermanns. "In meiner Freizeit war ich aber viel in der alten Badeanstalt unterhalb der Weinbergstraße, wo mein Vater als Bademeister angestellt war. Da gab es als Schwimmstufe noch das sogenannte Totenschwimmen, das zwei Stunden lang um die Zickeninsel geschwommen wurde. Da musste ich oft mitschwimmen, um die Kandidaten zu kontrollieren, dass sie unterwegs keine Pausen machten", blickte Erwin Schneidewind zurück.

Im Jahr 1952 kaufte er sich ein Kajütboot, das damals schon etwa zehn Jahre alt war. Und das Kajütboot gibt es heute noch! "Ich habe das Boot von dem Lebensmittelhändler Rudi Zimmermann erworben und es dann restauriert", so Erwin Schneidewind. Das hölzerne Kajütboot trug zu dieser Zeit den Namen "Kapitän Paul König" und der neue Eigner wollte es später umbenennen. Es sollte Ruth heißen, so wie seine Frau. Aber es blieb namenlos. Der Name des Eigners war in der Nähe des Steuerrades angebracht und das sollte reichen. "Wir haben mit dem Kajütboot, das etwa sieben Meter lang, zwei Meter breit und aus Eichenholz gebaut ist, viele schöne Touren unternommen. Nach Berlin, Brandenburg und vielen anderen Orten sind wir geschippert", erinnert sich der jetzt 93-jährige Hobbykapitän Erwin Schneidewind. Das Haveldorf Garz war auch ein sehr oft angefahrener Ort, denn hier traf man sich mit "Wasserratten" aus Genthin, die dort mit einem Angelkahn hinkamen. "Wir waren viele Jahre mit dem früheren Havelberger Fleischermeister Hermann Porath auf dem Wasser. Es sind für uns unvergessliche Zeiten, denn sie waren einfach nur schön", blickt er zurück.

Hochwasser "wässert" den Bootsschuppen

Erwin Schneidewind erinnert sich auch noch an ein Hochwasser, bei dem sein Bootsschuppen, den er in der Nähe des Bahntunnels im Calvarienweg hatte, halb unter Wasser stand. Über die Jahre hat Erwin Schneidewind sein Kajütboot oft restauriert, mit einem neuen Farbanstrich versehen und die Motoren gewechselt. Zum Schluss befand sich der Motor eines 311er Wartburg am Kajütboot.

Jetzt, im hohen Alter, denkt der Senior aber noch nicht daran, nicht mehr aufs Wasser zu gehen, sondern nur etwas ruhiger zu treten. Das Kajütboot hat er seinem befreundeten Havelberger Hobbykapitän Hartmut Panhans anvertraut. Sie haben sich natürlich auch auf dem Wasser kennengelernt, und wie es so ist, wäscht ja bekanntlich eine Hand die andere.

Zu einer Hauptinstandsetzung wurde das Kajütboot auf den Hof von Hartmut Panhans gebracht. "Wir haben ein Jahr lang an dem Kajütboot gearbeitet, denn es gab an dem historischen Boot viel zu tun. So wurden zum Beispiel die Hauptsteven vorn und hinten ausgewechselt und es war nicht so einfach, das passende Eichenholz dafür zu besorgen", so der Hobbybastler. Die Steven sind Bestandteile des "Gerüstes" des Schiffsrumpfes. Sie stellen die vordere und gegebenenfalls hintere, nach oben gezogene Verlängerung des Kiels eines Bootes dar.

Viel Arbeit haben die beiden Freizeitkapitäne in das "Schätzchen" investiert und wurden dabei auch von anderen Bootsbesitzern gelobt. "Es kamen Leute aus Bremen zu uns, die wollten das Boot, so wie es ist, gleich mitnehmen. Holzboote sind wieder im Kommen, denn die Boote aus Blech oder Plaste sind von der Tradition her nicht so gefragt", erzählt Hartmut Panhans.

Da er jetzt des Öfteren mit dem Kajütboot auf dem Wasser sein wird, hat es nun auch wieder einen Namen. Nach ihrer Tochter haben Hartmut Panhans und seine Frau Sabine das alte Holzboot "Bina" genannt. "Das war die Idee von Erwin", freuen sich die Eheleute.

Für Erwin Schneidewind ist die Zeit auf der Havel aber noch nicht vorüber, denn er will hin und wieder noch einmal das Steuer in die Hand nehmen. "Ganz ohne geht es nicht, dafür war ich zu lange dabei", meinte der Senior. Der Bootsmotor, es ist jetzt ein zeitgemäßer Motor, wird noch überprüft und dann soll "Bina" zu Wasser gelassen werden. Ein Stück Havelberger Historie wurde erhalten und kann noch viele Jahre überstehen.

Lars Kripke besitzt ein noch älteres Kajütboot

Mit seinen über 70 Jahren ist das Kajütboot von Erwin Schneidewind aber noch nicht das älteste Boot auf den Havelberger Gewässern. Das besitzt der Hansestädter Lars Kripke. Es ist ein 20 Quadratmeter großer Kajüt-Jollenkreuzer aus dem Jahr 1937. Das Boot gehörte damals Dr. Steffen. Lars Kripke ist mit dem Zeitzeugen heute noch auf dem Wasser anzutreffen.

   

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