Große Schäden hatte die Flut 2013 nach dem Fischbecker Deichbruch auch in Schönhausen angerichtet. Die "Thermoplast" GmbH gehörte zu den am schwersten betroffenen Betrieben. Seit kurzem wird wieder produziert.

Schönhausen l Hinter dem Namen Thermoplast steht ein 61 Jahre altes Unternehmen, das schon zu DDR-Zeiten zu den innovativsten Betrieben der Republik zählte.

Spannend ist der Blick in die Geschichte: Georg Möwing hatte in der Nachkriegszeit zuerst einen Klempner- und Installateurbetrieb betrieben. Schon damals sorgten technisches Talent und Erfindergeist für das Bestehen eines privaten Handwerksbetriebes. Anfang der 50er Jahre wurde nicht nur die Kollektivierung der Landwirtschaft vorangetrieben, sondern auch die privaten Handwerksbetriebe wurden unter Druck gesetzt, sich zu damals so genannten "Handwerksproduktionsgenossenschaften" (HPG) zu vereinigen. Dieser umständliche Begriff wurde später in "Produktionsgenossenschaften des Handwerks" (PGH) umgewandelt.

So gründeten am 26. April 1953 elf Handwerker aus Schönhausen und Milow die PGH "Aufbau".

Es wurden vor allem Dachrinnen produziert. Der Milower Zweigbetrieb stellte das entsprechende Zubehör wie Endbögen und Winkel her. Nun sind Dachrinnen nichts Besonderes, aber die aus Schönhausen waren aus Plastmaterial wie Decilith-H und Vinidur. Auch die gab es schon, aber technisch bedingt konnten nur Längen von einem bis eineinhalb Metern hergestellt werden. Das Neue war, dass die PGH "Aufbau" in einem neuen Verfahren die Rinnen praktisch endlos herstellen konnte.

Westdeutsche staunen über lange Rinnen

Die neue Technologie erregte damals viel Aufsehen. Schon im Jahr nach der Gründung war die kleine Firma auf der Leipziger Messe mit einem Stand vertreten. Eine Musterdachrinne von sagenhaften 80 Metern Länge wurde von westdeutschen und ausländischen Fachleuten bestaunt.

Im ersten Jahr ihres Bestehens wurden rund 500000 Meter Dachrinne produziert. Die Einsparung an Zinkblech - dem bisher üblichem Material von Dachrinnen - war enorm. Der Betrieb boomte, die Mitgliederzahl betrug ein Jahr später 17 und nach fünf Jahren rund 50 Mitglieder. Schon 1954 konnte man sich einen dringend benötigten Lkw anschaffen.

Aber auch Schwierigkeiten waren zu überwinden. So war man auf die von staatlichen Stellen zugeteilten Rohmateriallieferungen angewiesen, die oft unzureichend waren.

Der Verdienst der Beschäftigten war für die ländliche Region überdurchschnittlich. So verdiente ein Facharbeiter schon in den 50er Jahren immerhin rund 600 Mark netto, Spitzenkräfte bis zu 800 Mark.

1972 wird aus PGH Aufbau ein volkseigener Betrieb

Um ihre Produkte auch qualitativ hochwertig herstellen zu können, wurden diese ausgiebig getestet. So wurde auf dem damals noch zugänglichen Brocken eine 18 Meter lange Dachrinne am "Brocken-Hotel" angebracht. Der Harz ist für sein raues Klima bekannt. Die hier herrschenden Temperaturen von 20 Grad Minus und niedriger bestanden die Dachrinnen problemlos. Auch an der Ostsee wurden die Produkte aus Schönhausen getestet.

An der Forschung und Entwicklung neuer Produkte aus Plaste wirkten Mitarbeiter der PGH "Aufbau" maßgeblich mit. Georg Möwing war Vorsitzender des Fachausschusses "Abdeckungen und Einfassungen aus Plaste", Willi Wittstock aus dem Milower Zweigbetrieb sein engster Mitstreiter. Dieser Fachausschuss agierte republikweit in den Fachgremien "Plastwerkstoffe im Bauwesen".

Ende der 60er Jahre wurde ein massives Bürogebäude an der F 107 am Ortsausgabng Richtung Hohengöhren errichtet. Der später hier angebrachte Schriftzug "VEB Thermoplast" am Giebel des Hauses war unübersehbar und fast so etwas wie ein Wahrzeichen für Schönhausen. 1972 erfolgte die Zwangsverstaatlichung. Aus der PGH "Aufbau" wurde der VEB "Thermoplast". Damit war der Name geboren, den der Betrieb bis heute trägt. Er vergrößerte sich kontinuierlich. 95 Beschäftigte fanden hier bis zur Wende Arbeit. Dazu kamen noch einmal 33 im Betriebsteil Milow. Die Bildung von Kombinaten in der DDR machte auch vor dem VEB "Thermoplast" keinen Halt. Der Betrieb gehörte ab 1984 zum "Kombinat UNITRAS Magdeburg". Kombinate waren zusammengeschlossene Betriebe eines Industriezweiges mit ähnlichen Produkten. Die zentrale Planwirtschaft der DDR versprach sich davon eine höhere Effektivität der Betriebe.

Mitte der 60er Jahre wurde eine Propangasabfüllstelle eingerichtet, denn viele Haushalte kochten damals mit Propangas aus den roten Gasflaschen, wie man sie heute noch kennt. Eine bestehende kleine Abfüllstelle in Jerichow konnte den gestiegenen Bedarf nicht mehr bewältigen. Von Schönhausen aus wurden dann die umliegenden kleinen Orte versorgt. Die Einwohner tauschten ihre leeren Flaschen gegen gefüllte einfach um.

Rund 1500 Tonnen Plast-Rohmaterial wurden etwa im Jahr verarbeitet. Die Produktpalette wuchs: Zu den Dachrinnen kamen Decken- und Wandverkleidungen, Außenverkleidungen und Bauprofile, Dränagerohre...

Besonders die Verkleidungen entwickelten sich zum Renner im Bauwesen. Die rund einen Millimeter dicken profilierten Platten fand man in vielen öffentlichen Gebäuden ebenso wie an Balkonen und Terrassendächern.

Mit Turbulenzen übersteht der Betrieb die Wende

Das Ende der DDR bedeutete auch das Aus für unzählige Betriebe. Nach erheblichen Turbulenzen gelang es, den VEB "Thermoplast" in eine "Thermoplast" GmbH umzuwandeln. Dazu gehörten viel Mut, aber auch schmerzliche Erfahrungen. Ende 1991 waren die meisten Mitarbeiter entlassen. Aber es gelang, den Betrieb zu erhalten.

Mitte der 90er Jahre ging es langsam wieder bergauf, so dass eine neue moderne Extrusionsanlage zur Herstellung von Wickelhülsen angeschafft werden konnte. Diese lief von Montag bis Freitag rund um die Uhr und konnte von nur einem Mitarbeiter bedient werden.

Auch die Rücknahme von Altmaterial und dessen Wiederaufbereitung wurde jetzt möglich.

Waren es in den 90er Jahren noch 18 Mitarbeiter, so produziert heute ein zehnköpfige Team unter Geschäftsführer Aribert Meißner, der hier 1969 seine Lehre begonnen hatte, hauptsächlich Wickelhülsen für Teppichböden und Folien. Aber auch Dachrinnen werden wieder hergestellt und natürlich Sonderwünsche spezieller Kunden erfüllt. Rund 1000 Tonnen Rohmaterial wird nun jährlich verarbeitet.

Nach der Flut war Neustart zunächst schwer denkbar

Der Deichbruch bei Fischbeck am 10. Juni 2013 und die Flut traf auch "Thermoplast" mit voller Wucht. Mehr als anderthalb Meter stand das gesamte Betriebsgelände unter Wasser. Alle Maschinen waren unbrauchbar, Rohmaterial und Fertigprodukte vernichtet. Wer nach dem Rückgang des Wassers vor dem Betriebsgelände von Thermoplast stand, konnte sich eine Wiederaufnahme der Produktion nur schwer vorstellen. Aber Aribert Meißner und sein Team gaben nicht auf und schafften den Neuanfang! Nach monatelangem Bangen kamen zum Jahresende die festen Zusagen auf finanzielle Hilfe von Bund und EU. Im Januar 2014 wurde mit dem Bau einer neuen, rund 1200 Quadratmeter großen Produktionshalle begonnen. Inzwischen sind die Maschinen geliefert und der Probebetrieb läuft.

Auf dem alten Betriebsgelände östlich der B 107 sind inzwischen sämtliche Gebäude abgerissen. Das Gelände wird aufgegeben.

Möglich wurde der Neubeginn durch das Zutun vieler Stellen. Das Team um Aribert Meißner hat mehrfach Solidarität und Mitgefühl erlebt. Viele Kunden, die teilweise schon lange Zeit bei "Thermoplast" bestellten, sind Abnehmer geblieben. Auch mit den Maschinenherstellern verbindet die Firma eine sehr positive Zusammenarbeit.

Dass die Flut nicht vergessen wird, daran erinnert seit kurzem der Obelisk, der von der Gemeinde direkt gegenüber dem neuen Betriebstor an der Einfahrt zur Märsche aufgestellt wurde.

Man blickt optimistisch in die Zukunft. Dem vorübergehenden Aus des Betriebes durch das Hochwasser folgt nun ein Neuanfang mit modernen Maschinen, einem beachtlichen Know-how und einer energiesparenden, umweltfreundlichen Produktion.

Ein Betrieb mit über 60-jähriger Erfolgsgeschichte blickt wieder zuversichtlich nach vorn!

   

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