Die Garzer Kirche ist seit einiger Zeit eingerüstet, das Dach wurde abgenommen und einige Gefache fehlen. Bevor die umfangreiche Sanierung beginnen kann, sind einige Expertisen nötig.

Garz l Neben einem Holzschutzgutachter schaute sich auch Frank Högg im Garzer Gotteshaus um. Er ist gelernter Dachdecker, zudem Kunsthistoriker und Hochbauingenieur. Er wohnt in Wasserleben nahe Wernigerode - ein Eldorado für einen Bauforscher wie ihn.

In Garz steht der Kirche nur ein begrenzter Raum zur Verfügung, weshalb wohl auch ihr 1682 abgebrannter Vorgängerbau ähnlich ausgesehen haben könnte. Das jetzige Kirchlein wurde 1688 aus regelmäßigem achteckigen Fachwerk mit Zeltdach und achteckiger Laterne errichtet - eine enorme Herausforderung für die damaligen Zimmerleute.

In deren Denken und Handeln muss er sich nun als Forscher hineinversetzen. Das Eichenholz wurde von den Zimmerleuten selbst ausgesucht und nach der Bearbeitung auf ebener Erde auf dem sogenannten Abbundplatz nahe der Baustelle zusammengelegt. Jede Bund-Ebene wurde auf der Erde ausgelegt und schon mal mit Holzzapfen zusammengesteckt.

Zimmerleute müssen dreidimensional denken

Beim späteren Aufbau mussten die Verbinder der Ebenen genau ineinander passen, weshalb der Zimmermann dreidimensional denken musste. Vorm Auseinandernehmen wurde jeder Balken mit dem Abbundzeichen versehen - welche Ebene, an welcher Stelle. So kann Frank Högg heutzutage noch immer erkennen, in welcher Reihenfolge die Holzkonstruktion zusammengefügt worden war.

"Von der ursprünglichen Konstruktion ist noch sehr viel erhalten" berichtete der Wasserlebener. Alles wurde handwerklich sehr geschickt angefertigt und errichtet: "Ich bin gespannt, ob die heutigen Zimmerleute das auseinandernehmen und wieder so zusammenfügen können."

Wegen der achteckigen Bauweise ist das Tragwerk sehr komplex, ebenso jenes für Helm und Unterbau der Kirche. Die Eck- und Turmständer müssen einst gewaltige Eichen gewesen sein. Die dicken Turmständer reichen bis in den Dachfuß und sind um die neun Meter lang. Spreng- und Kreuzstreben übertragen in der Konstruktion die Last auf die Außenwände.

Teils war sogar Millimeterarbeit erforderlich, machte der Bauforscher am Beispiel deutlich: So kommen an den acht Ständern jeweils drei Streben zusammen, hier darf wegen der Kraftübertragung keine Lücke klaffen. Dazu muss der Konstrukteur dreidimensional und schiefwinklig denken können. Nichts ist symmetrisch, denn die Balken haben auch noch verschieden dicke oder gar abgerundete Enden. - Der Zimmermann sagt dazu "Zopf- und Wurzelende". - Das muss alles mit beachtet werden.

"Die große Kunst ist die Kraftübertragung von kleinen auf große Gerüste im unteren Bereich", erklärt der Bauhistoriker. In Garz wird eine Spannweite von immerhin acht Metern von lediglich vier Stützen abgefangen, das sind mit Dach, Glockenstube und Turm schon enorme Lasten. Insgesamt 24 Sparren übertragen diese Druckkräfte auf die Außenwände, denn es muss immer ein statisches Gleichgewicht herrschen.

Die historische Zimmermannskonstruktion bildete den Schwerpunkt seiner Arbeit in Garz, es war eine Auflage des Denkmalschutzes vor der Sanierung. Bei der Untersuchung entnahm der Fachmann den Originalhölzern auch Bohrkerne - die Dendrochronologen können damit das Einschlagjahr des Holzes bestimmen.

Für die Sanierung der Kirche wünscht sich der Experte einen Kompromiss: Das Fachwerk soll zwar standsicher sein und wieder etliche Jahrzehnte halten, aber möglichst viel aus der alten Konstruktion übernehmen. Eventuell sogar geschädigte Hölzer - Statiker haben da oft eine andere Meinung. Sicher ist das am Ende auch eine Frage des Geldes.

Obwohl die Garzer Kirche wegen des Untergrundes inzwischen etwas schief steht, ist sie nicht einsturzgefährdet. Somit könnte das Gebäude womöglich auch wieder so schief saniert werden, so die Meinung von Frank Högg.

Ohnehin wird man mit einigen Schäden leben müssen, gibt er zu bedenken. Einen gebrochenen Deckenbalken und einen gebrochenen Sparren hat er entdeckt, viel Holz ist im Laufe der Jahre schon ausgewechselt worden. Doch sind die meisten Eichenhölzer trotz ihres Alters noch in einem guten Zustand, lediglich das später verwendete Kiefernholz ist oft angegriffen.

Fachwerkkirchen sind nur noch selten anzutreffen

"Fachwerkkirchen gibt es nicht mehr so viele, die Garzer ist eine kleine charmante Kirche mit einer tollen Ausstattung", so sein Eindruck. Überhaupt sei dies hier eine sehr historische Region, der Bauforscher aus dem Harz hat an Elbe und Havel oft zu tun. - Die größte Fachwerkkirche steht übrigens in Halberstadt.

Innen ist die Kirche ausgeräumt, Altar und Empore sind stoßsicher verpackt, die Orgel ausgelagert. Wilhelm Schröder von der Kirchgemeinde kümmert sich derweil ums liebe Geld: Die Baukosten erhöhten sich im Zuge der Ausschreibung um immerhin 100000 auf nunmehr 340000 Euro. Er hofft darum auf Mittel aus dem europäischen Leaderprogramm, von Lotto-Toto sowie von der Stadt Havelberg.

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