Die Bauarbeiten am Havelberger KMG-Klinikum gehen dem Ende entgegen. Das Vorhaben umfasst die Sanierung und Erweiterung des Hauptbettenhauses sowie die Integration eines Gesundheitszentrums in den alten Komplex. Vergangenheit gerät in Vergessenheit. Die Volksstimme blickt auf die 1960er Jahre zurück.

Havelberg l Ursula Berger (heute Müller) erzählt, dass sie und ihre drei Freundinnen Karla Gothan (heute Köpke), Hannelore Rutz (heute Meier-Stettin) und Helga Schatz (heute Masur) je zu zweit auf den Stationen eingesetzt waren. "Hanne und Karla zuerst oben und Helga und ich unten. Da war am Anfang nicht viel los, Staubwischen Tag für Tag, Zellstoff schneiden, bis die Finger Blasen hatten, Gummitücher und Gummihandschuhe waschen und umdrehen, wobei einen oft etwas von dem Desinfektionswasser anspritzte. Binden wickeln, und natürlich auch das Betten machen gehörten zu unseren täglichen Aufgaben.

Die Arbeiten in manchen Patientenzimmern im Altbau waren auch sehr gewöhnungsbedürftig, da es an einigen Dingen, die es heute natürlich gibt, fehlte. All das konnte uns jedoch nicht entmutigen und schon bald erkannte man unsere Fähigkeiten."

Tagesbeginn mit Waschen und Bettenmachen

Das pflegerische Programm für die vier Auszubildenden wurde erweitert, "das Staubwischen blieb uns allerdings erhalten". So primitiv das Krankenhaus damals vor fast fünfzig Jahren auch ausgestattet war - die Sauberkeit und die Hygiene waren aber sehr gut. "Jeden Morgen zogen wir mit einem Stapel Waschschüsseln aus Emaille und zwei Eimern voll mit heißem Wasser in die Patientenzimmer zum Waschen und Bettenmachen. Im Winter wurden die Zimmer von geheizten Kachelöfen erwärmt, nur wenige der Zimmer verfügten über Zentralheizung und fließendes Wasser."

Da den jungen Damen schon gleich zu Beginn der Lehre knallhart jeder Flirt mit Patienten verboten worden war, wagten sie sich kaum, junge männliche Patienten auch nur anzusehen. "Dabei gab es davon eine ganze Menge und die versuchten auch, näher mit uns in Kontakt zu kommen. Wir bekamen sogar Gedichte geschrieben und heimlich zugesteckt! Was standen wir für Ängste aus, dass es nur niemand bemerkte! Auch wenn es reizvoll für uns war - wir blieben standhaft, denn zum Flirten gab es ja die Wochenenden mit den Tanzabenden."

"Von zu Hause brachten wir eine Tasche voll Essen mit"

Die körperlich schwere Arbeit war für die jungen Damen, die ja zehn Jahre lang nur auf der Schulbank gesessen hatten, sehr schwer und sie hatten immer Hunger. "Da unser Taschengeld für zusätzliche Verpflegung zu schade und außerdem knapp bemessen war, hielten wir uns an das, was das Krankenhaus uns an Verpflegung bot. Die Palette reichte von Quark bis Teewurst. Das machte uns zwar nicht glücklich, aber wenn man genug davon aß, war man zumindest satt. Wir kauften uns zusätzlich im kleinen Konsum an der Ecke Knäckebrot, das wir dann trocken oder mit Marmelade aßen. Und immer, wenn wir von zu Hause kamen, hatten wir die Taschen voll mit Zusatznahrung. Das war zu dieser Zeit so, denn die meisten Eltern dachten, dass ihre Kinder in der Lehre verhungern würden. Aber wir kamen ja alle von den Dörfern des ehemaligen Kreises Havelberg und dadurch hatten wir immer etwas vom Schlachten oder Ähnliches im Gepäck. Wir hatten einen Tauchsieder und einen kleinen Gaskocher im Hausflur zu stehen, damit bereiteten wir uns kulinarische Gerichte zu, die zumeist aber nur aus gebratenen Eiern bestanden.

Wie die Kinder mit dem Schlitten den Berg runter

Als der erste Schnee fiel, brach in uns Teenagern wieder das kindliche Gefühl aus. Wir hatten beschlossen, rodeln zu gehen, und zwar dorthin, wo in der Winterzeit Hochbetrieb herrschte: am nahegelegenen Nußberg. Mit einem geborgten Schlitten von einer Schwester rodelten wir solange den Nußberg runter, bis der Schlitten entzwei war. Hanne, die den Schlitten geborgt hatte, konnte die ganze Nacht vor Angst nicht schlafen. Der Retter war der Hausmeister Willi Wulf. Der Schlitten war nach seinem Eingriff wieder wie neu und die Schwester freute sich, als wir ihn zurückgaben.

Wir vier waren uns bereits nach kurzer Zeit unheimlich nah, teilten Freud und Leid und auch manchen Liebeskummer.

Im Praxiseinsatz wurden wir in Form von Lehrunterweisungen unterrichtet. Die erste Unterweisung hatten wir durch einen sehr jungen Arzt, der schwarzhaarig wie Roy Black und charmant wie Udo Jürgens war. Wir starrten ihn nur an und begriffen nichts, sahen in ihm nur unsere verkörperten Idole. Die folgenden Unterweisungen holten uns aber wieder in die Wirklichkeit zurück, denn der Stoff wurde abgefragt und da gab es keine Tagträume mehr.

Weihnachten frei, dafür aber Silvester Dienst

Wir waren ehrgeizig und fleißig, rannten wie die Bienchen und nahmen den älteren Schwestern die Arbeit ab, wo es nur ging. Wir hatten großen Respekt vor den erfahrenen Schwestern und Pflegern, die uns über so manche Hürde halfen und bei denen wir uns geborgen fühlten. Auch unsere erste hauptamtliche Lehrausbilderin, Schwester Susanne, die nur wenig älter als wir selbst war, hatte viel Verständnis für uns. Von ihr konnten wir auch persönlich profitieren, denn sie war eine sehr attraktive Frau. Wir waren da noch echte Teenager, die mit rotem Minirock und schwarzem Lackgürtel umherliefen, die die Beatles anhimmelten, tagelang im Schlagerjahrbuch aus dem ,Westen` schwelgten und im Kino über Spartacus` Schicksal heulten. Ansonsten hieß es immer: ,Was ziehe ich an? Wann geht es los? Wer kommt mit?`

Das erste Weihnachtsfest bekamen wir frei und darüber waren wir sehr glücklich. Aber die Freude war von kurzer Dauer, denn dafür mussten wir Silvester arbeiten, wo es auf den Tanzsälen hoch herging. Wir feierten aber, so gut es im Krankenhaus eben ging, hinein und es wurde ein gutes neues Jahr 1967!

Einsatz auch in anderen Einrichtungen

Als wir das erste Lehrjahr mit Bravour gemeistert hatten, bekamen wir Zuwachs in unserer ,WG`: Die neuen Schülerinnen zogen mit ein. Im zweiten Lehrjahr waren wir sehr häufig in anderen Einrichtungen eingesetzt, weil es in unserem Krankenhaus als Fachabteilungen nur die Chirurgie und Gynäkologie gab. Wir waren Gastschülerinnen im Krankenhaus in Tangermünde, im Johanniter-Krankenhaus in Stendal, im Fachkrankenhaus Uchtspringe und im Krankenhaus in Rathenow. Obwohl es überall interessant war und die Häuser wesentlich größer und moderner eingerichtet waren, empfanden wir immer etwas Heimweh nach unserem Krankenhaus, das für uns mittlerweile zur zweiten Heimat geworden war."

   

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